Samstag, 31. Oktober 2009

Madrid und Toledo in Buchstaben

Einer schönen Tradition folgend fahre ich jedes Jahr mit zwei Freunden über ein verlängertes Herbst-Wochenende (entweder zum Nationalfeiertag oder zu Allerheiligen) in irgend eine Stadt jenseits der österreichischen Grenzen.

2005 waren wir in Budapest, 2007 in Hamburg und letztes Jahr in Stockholm (2006 fiel aus).

Dieses Jahr haben wir uns erstmals etwas südlicher orientiert und uns in Madrid einquartiert. Neben Madrid haben wir auch Toledo, der alten Hauptstadt Kastiliens, einen Besuch abgestattet.

Wie schon im letzten, so sollen die Reiseerfahrungen auch in diesem Jahr in Form eines (sehr subjektiven) Alphabets zusammengefasst werden..


A wie Albóndigas (vom arabischen al-bunduq "Haselnuss"): Fleischbällchen, die in jedem Lokal, das sich einer echten madrilenischen Küche rühmt, angeboten werden. Sollte man nicht verpassen, wenn man da ist. Besonders feine Exemplare gibt es in der "Cervezeria Alemana" (nicht vom Namen abschrecken lassen!) an der Plaza Santa Ana im Huertas-Viertel (siehe H). An diesen tat sich schon Hemingway gütlich.

B wie Beilagen: Wir bleiben im lukullischen Bereich. Die Madrilenen sind keine großen Beilagenesser. Wenn man zum Beispiel Fleisch bestellt, bekommt man meist Fleisch - und aus. Allerdings wird als Vorspeise neben dem in mediterranen Ländern üblichen Weißbrot (meist alt und hart) oft ein Teller Oliven, Sardellen oder sonstiges serviert.

C wie Castellano: Die einzige Sprache, die man in Kastilien ernsthaft bereit ist, in den Mund zu nehmen..Siehe auch E!

D wie 3,2 Millionen: Einwohnerzahl von Madrid. Dennoch ist das unmittelbare Zentrum gar nicht einmal so riesig und gut zu Fuß zu erforschen.

E wie Englisch: Seit die Angelsachsen 1588 die spanische Armada geshreddert und in der Folge eine feindliche Übernahme des Globus durchgeführt haben, sind mehr als 400 Jahre verstrichen. Die Spanier dürften sich das aber gemerkt haben, denn sie weigern sich bis heute standhaft, das inselgermanische Idiom zwecks Kommunikation mit Reisenden zu verwenden. Und, selbst wenn sie es versuchen, zermantschen sie das Englische dabei dermaßen, dass es einer subtilen Form des Protestes gleichkommt und die Kommunikation auch nicht unbedingt erleichtert. Das hat zur Folge, dass man prinzipiell nie damit rechnen sollte, dass spanische Kellner einem das bringen, was man glaubt, bestellt zu haben!

F wie Franzosen: Nördliches Nachbarvolk der Iberer. Wesentlicher Unterschied: Jüngere Franzosen sprechen mittlerweile hervorragend englisch, wenn auch zuweilen mit erkennbarem Widerwillen. Im Gegensatz dazu teilt einem der Spanier freundlich mit, dass leider keinerlei Kommunikation möglich ist.

G wie Gaspedal: Wer in Madrid die Straßen betritt, sollte sich seiner Sterblichkeit bewusst sein und seinen Frieden mit dem Universum gemacht haben. Die Straßen sind dazu da, um jederzeit von jedem betreten und befahren zu werden - man sollte sich nur immer gut vergewissern, dass kein anderer Verkehrsteilnehmer (insbesondere kein motorisierter) zur selben Zeit an der selben Stelle sein möchte. Straßenmarkierungen haben eher "ornamentalen Charakter" (Paul Ingendaay, "Gebrauchsanweisung für Spanien"). Toledo (siehe T) ist im Vergleich dazu wegen seines mittelalterlichen Stadtbildes für Fußgänger ein sicherer Hafen.

H wie Huertas-Viertel: Da die Spanier im Allgemeinen und die Madrilenen im Speziellen grundsätzlich keine Nicht-Familienmitglieder in ihre Wohnungen lassen, treffen sie sich mit ihren Freunden außerhalb. Zum Beispiel im Huertas-Viertel rund um die Plaza Santa Ana. Dort offenbart sich das größte Talent der Spanier: lärmendes, fröhliches Fortgehen. Andere Menschen zu treffen und mit diesen hemmungslos und lautstark zu kommunizieren, scheint den Spaniern keine soziale Pflicht zu sein, der man sich unterwirft, es ist Lebenssinn und -zweck. Dementsprechend gut ausgebildet ist die Lokalinfrastruktur. Allzu früh braucht man sich freilich, dem spanischen Lebensrhythmus entsprechend, nicht aufzumachen.

I wie Indien, Seeweg nach: Wurde bekanntlich von einem Portugiesen gefunden. Dafür führte ein früherer spanischer Versuch zur "Entdeckung" eines kompletten Kontinents. Dessen koloniales Erbe besteht heute vor allem aus zahlreichen spanischsprachigen Menschen von jenseits des Ozean, die in Madrid leben und arbeiten oder hier als Touristen unterwegs sind.

J wie Juan Carlos: König von Spanien. Residiert im wuchtigen Palacio Real, unweit der Plaza de Espana sowie unseres, in einer ruhigen (!) Nebenstraße gelegenen, Appartements.

Dies ist nicht unser Appartement, sondern der Königspalast.

K wie Kellner: Es dauert ein wenig, bis spanische Kellner (nahezu immer männlich) wieder auftauchen, nachdem sie einem zunächst rasch einen Tisch zugewiesen haben. Nach der Bestellung trifft dafür dann das Essen (hoffentlich das richtige, siehe E) mit Lichtgeschwindigkeit am Tisch ein. Auf die Rechnung muss man dann aber unter Umständen wieder lange warten. Man sollte sich allerdings das Wechselgeld genau anschauen, denn manchmal wollen einem die Spanier partout mehr zurück geben, als einem zusteht (vielleicht, weil sie sich schon im Vorhinein dafür genieren, dass ihnen die Touristen viel zu viel Trinkgeld geben). Derartige Großzügigkeit sollte man zurückweisen, was wir auch getan haben.

L wie Landschaft: In Madrid gibt es bemerkenswert viele Parks und Grünflächen. Rund um Madrid und insbesondere Richtung Süden (Toledo, siehe T) erstreckt sich jedoch eine für unsere Begriffe geradezu wüstenartige Gegend, die manchmal schon an die trockenen Staaten des nordamerikanischen Westens erinnert. Das finden die einen durchaus pittoresk (ich zum Beispiel), die anderen aber schlichtwegs öde.

M wie Minderheitensprachen: Die Zeit des Franco-Zentralismus ist nun doch schon lang vorüber und so kann man mittlerweile an Madrider Geldausgabeautomaten sein Bares auch in Galicisch, Katalanisch und Baskisch ordern. Da kann sich Kärnten ein Scheibchen abschneiden.

N wie Nachwuchs: Wo immer in der Madrider U-Bahn ein Kleinkind auftaucht, wenden sich ihm sofort die Köpfe zu, die Gesichter verklären sich und man hört beglückte "ohs" und "ahs". Dass die Spanier Kinder lieben, kann man buchstäblich sehen. Missbilligende Blicke und abfälliges Gemurmel wie in Österreich erlebbar, wenn eine Horde lärmender Kinder das U-Bahn-Abteil in Beschlag nimmt, ist den Madrilenen eher fremd. Das mag natürlich auch daran liegen, dass sie Lärm einfach gewöhnt sind. Andererseits merkt man sofort, dass hier ein anderer Umgang mit dem Nachwuchs herrscht - spanische Eltern kämen offensichtlich nie auf die Idee, ihre Kleinen an der kurzen Leine zu halten, und so laufen diese fröhlich durch die Gegend.

O wie oben: "Madrid ist mit 664 Meter über dem Meeresspiegel die höchst gelegene Hauptstadt Europas", behauptet mein Reiseführer. Da hat er allerdings nicht mit meiner gesunden Skepsis gerechnet. Ich behaupte daher jetzt einfach mal so, dass die höchst gelegene Hauptstadt Europas in Wahrheit Andorra la Vella heißt..

P wie Prado: Habsburger, Bourbonen und andere Aristokraten haben in Madrid eine Unmenge von Kulturgut angehäuft. Um dieses auch nur annähernd zu fassen, bedarf es gleich vier weltberühmter Museen: des Prado, des Museo Reina Sofia, der Thyssen-Bornemisza-Sammlung und des La Caixa Forum. Alle diese Museen befinden sich im Kulturbezirk zwischen Atocha-Bahnhof, Retiro Park und Plaza de Cibeles. Aus Zeitgründen haben wir "nur" den Prado besuchen können. Somit haben wir die Moderne diesmal verpasst, wurden aber durch die bedeutendste Goya- sowie El Greco - Sammlung der Welt und Werke von Bosch ("Garten der Lüste"), Dürer ("Selbstbildnis mit Landschaft"), Rubens ("Urteil des Paris"), Botticelli, Brueghel, Cranach, Rafael, Tizian, Velazquez usf. reichlich zufrieden gestellt. Auch in der Sakristei der Kathedrale von Toledo (siehe T) hängen übrigens diverse El Grecos, Goyas, Tizians und Rubens einfach so in der Gegend rum.

Q wie Quijote, Don: Berühmteste spanische Literaturgestalt, deren berühmteste Tätigkeit der Kampf gegen die Windmühlen war. Böse Zungen behaupten, dies versinnbildliche auf das Treffendeste die existenziellste Erfahrung jedes Spaniers mit seinem Staatswesen.

Don Quijote, unbekannter Chinese, Sancho Pansa.

R wie Real: ....Mallorca. Spielten am Samstag im Vicente Calderon-Stadion von Atletico de Madrid gegen die madrilenischen Hausherren. Letztere brachten das Kunststück zustande, eine 1:0-Führung noch zu verspielen, obwohl die Mallorquiner durch zwei Ausschlüsse doch ganz erheblich geschwächt waren - Endstand 1:1. Danach soll es zu Ausschreitungen wütender Atletico-Anhänger gekommen sein. Wir verbrachten die Partie auf einer Sitzplatz-Tribüne, umgeben von friedlich Sonnenblumenkerne kauenden spanischen Familien - und staunten über die gepflegte Schönheit des spanischen Fußballs.

S wie Spanierinnen: Auch diese sind von überaus gepflegter Schönheit. Allerdings sieht eine so aus als wäre sie die Cousine der jeweils anderen, sodass man sich vermutlich sehr rasch satt gesehen hätte.

T wie Toledo: Toledo war ein Oppidum der keltischen Carpetaner, ein bedeutendes Handelszentrum der Römer, eine westgotische Hauptstadt, Sitz eines maurischen Emirs, Zentrum des sephardischen Judentums sowie der mittelalterlichen Gelehrsamkeit und Philosophie, dann aber auch der spanischen Inquisition (infolgedessen 12.000 Juden ihrer Besitztümer beraubt und aus der Stadt gejagt wurden) und kastilischer Herrschersitz bis zur Wahl des Dorfes Madrid durch Philipp II. 1561. Toledo, auf einem Felsen über dem Fluss Tajo thronend, ist wahrhaft Stein gewordene Geschichte. Die Plaza Zocodover, der wichtigste Platz der Stadt, existiert nun bereits seit gut und gerne 1000 Jahren. Selbstverständlich ist Toledo einen Besuch wert, schon allein wegen der steinalten Straßenzüge und der sehr imposanten Kathedrale (der - nach jener von Burgos - "zweitbedeutendsten" Spaniens , wie mein Reiseführer anmerkt). Auch die in Toledo hergestellte Schokolade kann man sehr empfehlen.

Toledo.

U wie U-Bahn: Heißt hier, wie auch andernorts, "Metro" und ist eine der ältesten Europas. Im Übrigen sehr sauber und weit ausgedehnt - ein wichtiges Verkehrsmittel im nicht immer Fußgänger-freundlichen Madrid, wo die Fortbewegung per Fahrrad nur für ausgesprochen lebensmüde Zeitgenossen in Frage kommt.

V wie Velázquez, Diego: Hochberühmter spanischer Hofmaler des 17. Jahrhunderts. Siehe P.

W wie Wetter: Die Umstellung vom winterlich-kalten Linz auf das schwül-warme Madrid ließ anfangs meinen Kreislauf ganz schön straucheln. Aber dann wars natürlich sehr schön so.

X wie X-Akte: Nachdem wir uns in der "Cervezeria Alemana" an den Albóndigas gelabt und je zwei namenlose Biere (Biere haben in Spanien keine Namen, sie sind einfach nur "cervezas") getrunken hatten (siehe auch A), beschlossen wir, ein uns gänzlich unbekanntes Gericht von der Karte zu bestellen. Einfach deshalb, weil wir keine Ahnung hatten, was es war. Der Kellner brachte uns DAS da:




Wir haben längst vergessen, wie es hieß und waren auch bis heute nicht in der Lage, es zweifelsfrei zu identifizieren. Das einzige, was man sagen kann, ist, dass es nach Meereslebewesen schmeckte. Wir wussten auch nicht wie wir es essen sollten. Hinunterschlürfen? Dafür erschien der Teller bedenklich flach. Mit den Fingern? Dafür erschien das Gericht irgendwie zu glitschig. Mit den Zahnstochern aufspießen? Letzteres legte uns auf Nachfrage der Kellner nahe, aber wir wissen nicht, ob er sich da einen Spaß erlaubt hat. Schließlich brachte er dann doch Messer und Gabel.

Y wie y: Spanisches Wort für "und", welches hiermit artiger Weise eingeflochten wird, um einen eleganten Übergang zum letzten Buchstaben zu ermöglichen..

Z wie Zentrum: Im selbigen Spaniens liegt Madrid - nicht nur politisch, bevölkerungsmäßig und wirtschaftlich, sondern auch in geographischer Hinsicht. Hauptsächlich deshalb ist Madrid heute was es ist und gibt gegenüber Barcelona, Cordoba, Granada, Saragossa, Sevilla, Toledo und wie sie alle heißen den politisch-ökonomischen Ton an.

Die Plaza Mayor von Madrid.

Donnerstag, 22. Oktober 2009

Hasta la vista

Ich bin die nächsten Tage in Madrid, daher wird dieses Blog eine kleine Siesta einlegen.

Am Dienstag bin ich wieder da und es wird weitergepostet. Hasta la vista!

Mittwoch, 21. Oktober 2009

Häfnelegie

Die Winkelzüge des Lebens sind schon erstaunlich.

Da war einer jahrelang aalglatt auf der Erfolgsspur unterwegs. Reihenweise boten sich ihm günstige Gelegenheiten und er ergriff sie. Und die Herzen (und vor allem die Homestories und Zeitschriftencover) flogen ihm zu, ohne dass er irgend etwas Nennenswertes geleistet hätte.

Jetzt ist aber zu einem für ihn denkbar ungünstigen Zeitpunkt die bislang heikelste Affäre rund um Karl-Heinz Grasser auf der Bildfläche erschienen.

Denn die Staatsanwaltschaft steht zur Zeit massiv in der Kritik, bei strafrechtlichen Vorwürfen gegen politisch schwer gewichtige Österreicher nicht immer mit vollem Nachdruck vorzugehen.

Es könnte also durchaus eng werden für KHG...



Dank an Sarah!

Dienstag, 20. Oktober 2009

Verpfiffen

Das Internet treibt weiter eigenartige Blüten: Auf www.wahretabelle.at können österreichische Fußballfreunde nach Abpfiff nicht nur über ihr Lieblingsthema diskutieren, sondern auch Spielergebnisse, die durch vermeintlich unrichtige Schiedsrichterentscheidungen beeinflusst worden sind, korrigieren.

Dadurch entsteht dann eine so genannte "Wahre Tabelle".

Die Seite ist zweifellos gut gemacht. Man kann sich allerdings des Eindrucks nicht ganz erwehren, dass hier eine der weniger schönen Seiten des Fußballsports in das Web 2.0 übertragen werden soll - die Verbaljagd auf den Spielleiter.

Auch über die Aussagekraft der "Wahren Tabelle" kann man streiten. Einerseits könnte man sie ja als objektivierenden Beitrag zum Thema "was wäre gewesen, wenn die Schiedsrichter richtig gepfiffen hätten" werten, gewissermaßen als aufklärerisches Korrektiv zur selbst gewählten Paranoia vieler Fußballfans.

Andererseits zeigt ein Blick in die Statistik, dass die Zahl der festgestellten Fehlentscheidungen zu Lasten einer Mannschaft auf wahretabelle.at tendenziell mit der Zahl der Anhänger dieses Vereines korrespondiert - und vice versa. So erfahren wir etwa, dass offensichtlich gegen Rapid mit Abstand die meisten Fehlentscheidungen gefällt werden (kaum zu glauben, dass die Grün-Weißen aus meiner Hütteldorfer Heimat dennoch 32x österreichischer Fußballmeister werden konnten!) und dass umgekehrt der in der Community schwach vertretene LASK oder der
SC Wiener Neustadt Liebkinder der Referees sind.

Somit liefert wahretabelle wohl doch eher Verstärkung als Korrektiv.

Sonntag, 18. Oktober 2009

Keith Goddard

Heute war einer jener Tage, an denen man ein bisschen den Glauben an die Menschheit verliert. Nicht wegen großer Geschehnisse, sondern wegen Kleinigkeiten. Ich bin mit dem Zug gefahren und der Zug war voller Menschen, die zutiefst unzufrieden, verängstigt waren, die sich stritten und wegen Kleinigkeiten an die Decke gingen. Vielleicht ist die Tatsache schuld, dass die graue Jahreszeit jetzt unleugenbar hereingebrochen ist, wer weiß.

Ich ringe jetzt schon seit einiger Zeit mit mir, einen Beitrag über Keith Goddard zu schreiben. Ich war mir bisher nicht sicher, ob ich es tun sollte, habe ich Keith Goddard doch eigentlich gar nicht wirklich gekannt. Ich habe Keith (er bestand bei unseren Begegnungen immer darauf, mit seinem Vornamen angesprochen zu werden) gerade zweimal getroffen. Es gibt somit wahrlich Berufenere als mich, ihm die Referenz zu erweisen.

Doch sonderbarer Weise war es die unerfreuliche Zugfahrt, die mich bewog, es zu tun.

Ich habe Keith beide Male im Rahmen unserer Amnesty-Radiosendung auf Radio FRO getroffen, er war unser Studiogast. Er berichtet über die politische und soziale Situation in seinem Heimatland Simbabwe. Keith war ein kleiner, hagerer Mann mit Brille und Bart, auf den ersten Blick eine unauffällige Erscheinung. Zum ersten Termin hatte ich den Auftrag, ihn im Café Strom ausfindig zu machen und wäre beinahe an ihm vorbei gelaufen. Ich fand ihn schließlich an einem kleinen Tischchen sitzend mit einem Glas Weißwein in der Hand.

Im Studio dann ein ganz neuer Eindruck: Keith, der mit großer Freundlichkeit, Geduld, Klugheit, aber auch großer Leidenschaftlichkeit, großem Nachdruck über die Zustände in seinem Heimatland berichtete. Seine Stimme strahlte echte Empathie aus. Er schaffte es, glaubwürdig zu vermitteln, dass er seine Heimat Simbabwe ebenso wie die Menschen in diesem Land von ganzem Herzen liebte, aber dennoch nicht ruhen würde, bis
sich die politische und soziale Situation dort zum Besseren, zum Menschenwürdigen gewandelt hätte.

Keith, so stellte sich heraus, war nicht nur ein angesehener Komponist (und als solcher am Linz09-Projekt "Parade" beteiligt). Er war vor allem auch ein weißer Homosexuellen-Aktivist, der sich für die simbabwische Demokratiebewegung einsetzte - gleich drei Gründe auf einmal, um sich den Hass der Kamarilla des Präsidenten Robert Mugabe (Zitat: "Homosexuelle sind schlimmer als Schweine und Hunde") zuzuziehen.

Das alles erfuhr man recht beiläufig von ihm, so als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. In erster Linie wollte er über Simbabwe sprechen, die Leiden der Bevölkerung, über Ungerechtigkeit, über die politische Verantwortlichkeit für das, was da geschah. Und, über sein Engagement für die Volksgruppe der Tonga, im Norden des Landes.

Aber Keith vermittelte mir trotz seiner natürlichen Bescheidenheit auch den Eindruck, dass, solange es Menschen wie ihn gibt, auch immer Hoffnung besteht. Denn seine friedliche und freundliche Art war von einer Bestimmtheit getragen, die keine Zweifel zuließ: hier setzt sich einer gegen alle Widrigkeiten für andere ein!

Ich weiß nicht, ob ich in einer vergleichbaren Situation auch nur annähernd so eine Standfestigkeit zeigen könnte wie Keith. Aber ich weiß jetzt, dass die Erinnerung an unsere Begegnungen dazu führen kann, dass an grauen Tagen, an denen alle Menschen plötzlich unfreundlich und selbstsüchtig erscheinen, ebenso plötzlich ein Gegenpol da ist.

Keith Goddard ist am 9.10. "nach langer schwerer Krankheit", wie es in den Pressemeldungen heißt, 49-jährig in Harare gestorben. Mein Beileid gilt seinen Angehörigen, FreundInnen und MitstreiterInnen.


Keith Goddard (rechts) im Mai 2009 im Café Strom (mit Sengamo Ndlovu)

Samstag, 17. Oktober 2009

Tool Time # 2

Jeder anständige Haushalt braucht eine Kaffeemaschine. Nicht dass das Getränk, das von diesen Geräten generiert wird, wirklich essenziell wäre. Ich lebe oft Wochen ohne Kaffeekonsum und merke keinen wirklichen, maßgeblichen Unterschied.

Aber man muss einräumen: Kaffee ist die Volksdroge der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wie der Nullerjahre. Kaffee ist das zweitwichtigste Handelsprodukt nach Erdöl. In unserer koffeinisierten Gesellschaft gehört es sich daher, dass man ermatteten Gästen das schwarze Heißgetränk anbieten kann.

Ich habe das Fehlen einer Kaffeemaschine in unserer Wohnung immer als Manko empfunden. Zum Glück hat sich dieser Zustand aber jetzt geändert (dank meiner Mutter, die das auch immer so empfunden und beschlossen hat, anlässlich meines Geburtstages etwas zu unternehmen).







Nein, das ist kein überdimensionaler iPod mir Kaffeehäferlhalterung! Das ist eine sehr handliche und Augen freundliche Kaffemaschine von WMF (die Küche rundherum ist weniger Augen freundlich, aber darüber reden wir ein anderes Mal..).

Freitag, 16. Oktober 2009

Ohren(ge)fälliges: Monatsmeister des Monats September 2009

Iron & Wine - The Trapeze Swinger
Dripping Springs, Texas / Folk
Gewonnene Ränge: +7

Dripping Springs ist ein kleines Örtchen mitten in Texas, im Umland von Austin gelegen, mit gerade einmal 1548 Einwohnern. So etwas ist nicht gerade ein Platz, bei dem man annehmen würde, dass er von großer Relevanz für die Indie-Folk-Szene Amerikas ist. In gewisser Weise ist er das aber.

Denn in Dripping Springs hat sich Sam Beam niedergelassen, jener Mann, der einst von seiner angestammten Heimat in South Carolina auszog, um in Florida ein Filmstudium zu absolvieren, der es dort zum Dozenten der Filmwissenschaften brachte, sich aber schließlich nicht als Filmer einen Namen machte, sondern als bärtiger Folk-Sänger mit dem Bühnennamen Iron & Wine.

Iron & Wine liefert nun schon seit einigen Jahren beständig bestechend gute Folkmusik. 2004 war nicht nur das Jahr, in dem er mit seiner Version eines der wunderbarsten Popsongs der jüngeren Vergangenheit, der Nummer "Such Great Heights" (im Original von The Postal Service) auf dem Soundtrack des Zach Braff-Streifens "Garden State" für positives Aufsehen sorgte, es war auch das Jahr, in dem der Track "The Trapeze Swinger" entstand - interessanter Weise ebenfalls für einen Film,"In Good Company" mit Dennis Quaid und Scarlett Johansson.

Die starke Affinität zur Kunst der großen Leinwand hat Sean Beam also offensichtlich nie verloren.

Vielleicht ist "The Trapeze Swinger" auch deshalb derart großes Kino. Der Track dauert in der Soundtrackversion stattliche 9:31 Minuten, erzählt feinfühlig und poetisch von einer längst verlorenen Liebe. Wer sich darauf einlässt, wird hineingezogen in einen intensiven Bewusstseinsstrom, in eine dichte Atmosphäre von cineastischer Qualität.


Iron & Wine - The Trapeze Swinger ("In Good Company" - OST)

Montag, 12. Oktober 2009

Goldene Zeiten

In Linz 09 sind doch tatsächlich goldene Zeiten hereingebrochen.

Es ist, als würde der ironisch gestimmte Geist des König Midas desnächtens durch die Stadt streifen und schimmernde Zeugnisse hinterlassen.

Am OK-Platz befindet sich ein goldener Container:





Im Volksgarten hält seit kurzem gar ein überdimensionaler goldener Gartenzwerg Wache:




Und dann ist da natürlich auch noch die goldene Friedenstaube im Foyer des Alten Rathauses. Deren Herkunft ist allerdings wenig mysteriös.



Jedenfalls muss auch ich, als nicht sonderlich materialistisch gesinnter Mensch, zugeben, dass so ziemlich alles (sogar Gartenzwerge) gut aussieht, wenn es mit Gold überzogen ist.

Samstag, 10. Oktober 2009

Das Offensichtliche und die Feigheit

Über die Frage, ob Barack Obama ein würdiger Friedensnobelpreisträger ist, brauche ich an dieser Stelle an sich keine großen Worte zu verlieren. Die zahlreichen Kritiker rund um den Globus wie auch die Republikaner haben recht, wenn sie darauf hinweisen, dass diese vermeintlich größte Auszeichnung der Menschheit nur für tatsächliche Verdienste um den Frieden und die Humanität vergeben werden sollte, nicht dafür, dass es ein Politiker dank seines Showtalentes geschafft hat, den Menschen Hoffnungen zu machen, deren Einlösung noch in weiter Ferne ist.

Mit dieser Entscheidung hat sich das aus einer Gruppe norwegischer Parlamentarier bestehende Nobelpreis-Komitee der Lächerlichkeit preisgegeben und der Idee des Friedensnobelpreises schweren und dauerhaften Schaden zugefügt.

Nicht, dass Obama kein ehrenwerter Mann wäre. Aber wenn das das einzige Kriterium wäre, gäbe es auf Erden vermutlich hunderttausende KandidatInnen für den Friedensnobelpreis. Die Begründung für diese abstruse Entscheidung mutet dann auch wie ein weiterer schlechter Scherz an: Obama stehe für eine neue Kultur der diplomatischen Zusammenarbeit, er habe sich für eine Atomwaffen freie Welt ausgesprochen!

Ersteres mag stimmen, dies zum entscheidenden Kriterium zu erheben, liefe aber darauf hinaus, Barack Obama schon alleine dafür den Friedensnobelpreis zu verleihen, dass er kein Republikaner und nicht George W. Bush ist. Zweiteres ist ein schöner, guter, frommer Wunsch, muss aber auch vor dem nüchternen, strategischen Hintergrund gesehen werden, dass eine Atomwaffen freie Welt die Sicherheitslage, aber mittlerweile auch die militärische Machtposition der Vereinigten Staaten massiv stärken würde.

Obama selbst weiß um die Absurdität dieser Auszeichnung. Seine ersten Reaktionen zeugen von ehrlichem Schock. Wenn er sagt, er habe diesen Preis nicht verdient, dann nicht aus bloßer Demut, sondern weil er weiß, dass das so ist. Obama weiß auch, dass ihm das Friedensnobelpreis-Komitee mit dieser Wahl einen echten Bärendienst erwiesen hat. Barack Obama, der gerade mit der Situation konfrontiert ist, dass essenzielle Gesetzesvorhaben an der politischen Wirklichkeit Washingtons zerbröseln, wird in Hinkunft am Status eines Friedensnobelpreisträgers gemessen werden. Er weiß, dass dies einen zusätzlichen Druck, eine weitere Steigerung der weltweit ohnehin schon enormen Erwartungshaltung ihm gegenüber bedeutet. Die Reaktion Obamas macht ihn sympathisch. Sie macht aus ihm aber keinen würdigen Friedensnobelpreisträger.

Das wahrlich Ärgerliche an der diesjährigen Nobelpreisentscheidung ist aber, dass andere diese Auszeichnung dringend nötig gehabt hätten: Chinesische DissidentInnen zum Beispiel, die seit Jahren in Kerkern schmachten, jedes Jahr als Favoriten gehandelt und dann doch übergangen werden. Oder russische JournalistInnen, die mutig über die Zustände in Tschetschenien berichten, obwohl sie wissen, dass dies ihr Todesurteil sein kann.

Hier darf geargwöhnt werden, dass auch eine gewisse außenpolitische Feigheit jener norwegischer Politiker, die die Entscheidung gefällt haben, eine nicht ganz unwesentliche Rolle gespielt hat.

Donnerstag, 8. Oktober 2009

Habtdank

Ich möchte mich an dieser Stelle ganz herzlich und pauschal bei den zahlreichen Menschen bedanken, die mir gestern gute Wünsche zum neuen Jahrzehnt zukommen haben lassen!

Besonders hervorheben möchte ich jedoch, man verzeihe mir diese Ungleichbehandlung, Georg Z., der mir gestern am Linzer Hauptplatz eine Geburtstagstorte überreicht und nebenbei auch noch einen Geburtstagschor organisiert hat, Albert, der mir mit dem Konterfei von Roman Polanski "Schöne Grüße aus der Schweiz" hat ausrichten lassen, sowie meine Freundin Sarah, die meinen Auftrag, eine "Winzertorte" zu kreieren, auf vortreffliche Art und Weise umgesetzt hat!




Winzertorte = Sachertorte in der Camouflage einer Linzer Torte

Dienstag, 6. Oktober 2009

Geschichtsstunde

Jene, die von Berufs wegen Meinung veröffentlichen, nehmen Jahrestage gerne zum Anlass, um in ihren Publikationsvehikeln intensiv über Bedeutendes der Vergangenheit zu debattieren. Dies findet geradezu zwanghaft statt, 40 Jahre Mondlandung zum Beispiel bedeuteten eine Flut von Erörterungen zum Thema. Dabei ist die Mondlandung nach 37 oder nach 41 Jahren nicht mehr oder weniger wichtig als nach 40.

Ich habe diese eigenartige menschliche Faszination für die runden Zahlen, der kaum jemand entkommt, immer als etwas merkwürdig empfunden (und mich daher auch nicht sehr mit den stattfindenden Berichterstattungsexzessen beschäftigt).

Daran möchte ich mich jetzt auch angesichts des morgigen Tages, der eine sehr runde Zahl für mich bereit hält, gerne orientieren.

Und heute ist übrigens auch ein Gedenktag. Es jährt sich das Ende der Wiener Revolution von 1848 zum 151sten Mal!

Aber, lassen wir Christoph & Lollo diesen Tag begehen (Achtung, makaber!)..


Sonntag, 4. Oktober 2009

Message in a bottle

Eine Flaschenpost würde man wohl eher an einem Sandstrand erwarten als in der Wiener U-Bahn.

Dennoch hat meine Freundin gestern dort dieses Exemplar gefunden:



Die Flasche enthielt folgende Botschaft:

Freitag, 2. Oktober 2009

Ich bin nicht allein

Jahrelang dachte ich, ich bin der Einzige, der Rainer Nikowitz-Kolumnen als qualvoll unwitzig und sterbenslangweilig empfindet. Jeder, den ich darauf ansprach, zuckte nur mit den Achseln (wahrscheinlich liest den Nikowitz einfach keiner).

Dank "W.K." (Falter 40/09) weiß ich jetzt, dass ich nicht alleine bin!



Danke!

Donnerstag, 1. Oktober 2009

Vergessene Kapitalen # 6

Im Fluss der Geschichte sind viele Städte versunken, die einmal zu großen Hoffnungen Anlass gegeben haben. Auch viele einstige Hauptstädte heute noch existierender Staaten sind nahezu dem Vergessen anheim gefallen. Hier werden sie wieder emporgeholt.

Staat: Saudi-Arabien

Hauptstadt: Diriyya