Sonntag, 24. Juli 2011

Mitte der Gesellschaft

Der Mann, den sie verhaftet haben, sieht so aus, wie man sich diese Typen vorstellt. Ich meine diese rechtsintellektuellen Schwätzer, die man zuweilen in Internetforen und Chatrooms antrifft, nicht die dumpf vor sich hin pöbelnde "Alle-Ausländer-abschieben-alle-Politiker-einsperren-alle-Kinderschänder-hinrichten" -Fraktion. Ich meine Leute, die belesen sind und argumentieren können, die sich eines scharfen logischen Verstandes bedienen und damit geschickt ihre hasserfüllten, unbewiesenen Grundannahmen verschleiern. Ein rechter Nerd, wenn man so will, der klassische Musik hört und "World-of-Warcraft" spielt. Einer, bei dem sich jetzt manche Medien sogar zu der Behauptung versteigen, er käme aus der "Mitte der Gesellschaft".

Wenngleich sich eine Gesellschaft eine solche Behauptung natürlich nicht gefallen lassen sollte und über die Motive des Massenmordes noch vieles im Unklaren liegt, so kann man eines schon festhalten: der mutmaßliche Täter hat seine weltanschauliche Prägung in der rechten Szene erhalten. Nicht in jener Fraktion, die man sich als Stiefel und Glatzen tragend vorstellt (auch wenn diese verstärkt dabei ist, solche Attribute abzulegen) und die dem Dritten Reich nachtrauert, sondern am besonders radikalen Rand jener "neuen Rechten", die sich als Verteidigerin der christlich-abendländischen Kultur sieht und (erfolgreich) den Anspruch stellt, auf demokratischem Wege an der Gestaltung der Politik mitzuwirken.

Herr B. war laut Medienberichten immerhin jahrelang Funktionär der Fortschrittspartei, dem norwegischen Pendant der Freiheitlichen. Nichts deutet darauf hin, dass er ein Verehrer des Nationalsozialismus oder von Hitler ist. Ganz im Gegenteil: in seinen in sämtlichen Medien kolportierten Onlinebeiträgen für ein rechtes Forum wettert er nicht nur gegen die ihm verhassten Muslime und Linken, sondern auch gegen Neonazis. Diese Postings geben vermutlich am ehesten Aufschluss über seine Anschauung von der Welt. Eine Welt, in der die christliche, die norwegische, die europäische Kultur bedroht ist, bedroht von der Überformung durch den "Multikulturalismus", den er "Kulturmarxismus" nennt und der vor allem von den Sozialdemokraten betrieben wird. Der Biobauer B. sieht sich als erzkonservativ, er will die Monokultur erhalten - um jeden Preis.

Irgendwie bezeichnend ist, wenn es jetzt heißt, man habe das nicht kommen sehen. Erleben wir nicht seit Jahren eine Welle der kulturkonservativen, islamophoben und fremdenfeindlichen Agitation? Wenn es stimmt, wie manche Medien berichten, dass Herr B. ein Fan von Geert Wilders war, muss uns das bei seinem geschilderten Weltbild noch wundern? Überspitzt gesagt: wenn der Koran "Mein Kampf" ist (für diesen Vergleich wurde Geert Wilders eben erst gerichtlich frei gesprochen) und alle Moslems per se Faschisten sind, die einen Gottesstaat errichten wollen, warum soll dann in der kruden Weltsicht von Leuten wie B. Widerstand mit äußersten Mitteln nicht erlaubt sein? Das ist "wehrhaftes Christentum", bis zur letzten, grausigsten Konsequenz durch exerziert. Wobei "Christentum" hier nicht zwangsläufig ein Glauben sein muss (den wir ohnehin niemals eindeutig attestieren können, weil wir in den Kopf eines Menschen nicht hineinschauen können), aber als eine bestimmte Lebensweise verstanden wird, die sich von anderen Lebensweisen abgrenzt.

Haben wir wirklich geglaubt, dass es zwar radikalisierte Muslime gibt, die bereit sind, für ihre Lebensweise zu morden, aber keine "Europäer"?! Beklemmend erscheint es jetzt, die Zeitung von Freitag zu lesen oder an die TV-Berichte der ersten Stunden zurück zu denken, als "nur" vom Anschlag auf das Regierungsviertel von Oslo die Rede war und "internationale Terrorexperten" unisono wie reflexartig verkündeten, dass ein derartig professionell ausgeführter Terroranschlag im NATO-Staat Norwegen wohl nur vom internationalen, islamistischen Terrornetzwerk Al-Kaida stammen könne. Auch Ghaddafi wurde ansatzweise verdächtigt, was mir selbst zunächst gar nicht so unplausibel erschien, weil er über ausgewiesene Erfahrung auf dem Gebiet verfügt, derartige Anschläge angekündigt und auch nichts mehr zu verlieren hat.

Dass ganz Europa derart erschüttert reagiert, hat zuerst natürlich mit der entsetzlichen Grausamkeit der Taten zu tun. Aber es ist auch erschüttert, weil sein Selbstverständnis getroffen wurde. Hier hat kein Islamist gewütet und auch kein hakenkreuztätowierter Hitlerverehrer. Sondern jemand, dessen Anschauungen gar nicht so weit von dem entfernt sind, was demokratische Parteien vertreten, denen gut 20% der Europäer ihre Stimme schenken.

Das heißt freilich noch lange nicht, dass diese Menschen derartige Taten auch nur ansatzweise gut heißen. Herr B. kommt nicht aus der Mitte der Gesellschaft. Mit seiner Bereitschaft zum gewalttätigen "Widerstand" hat er sich schon vor einiger Zeit aus dieser ausgeklinkt.

Aber er steht dieser "Mitte" viel näher als uns lieb sein kann.




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