Montag, 23. Januar 2012

Im (Gloriette-) Kino # 10: Jean-Pierre Améris - Die anonymen Romantiker (les emotifs anonymes)


Diesmal will ich zu Anfang nicht vom Film, sondern vom Kino schreiben. Als Kind des Vierzehnten Wiener Gemeindebezirks gehört das Gloriette-Kino in der Linzer Straße zu meinen Kindheits- und Jugenderinnerungen dazu. In diesen finden sich auch viele andere Wiener Kinos, wie das Kolosseum, das Auge Gottes, das Flotten Center, das Schönbrunnkino, das Atelierkino oder das City Center. Letzteren ist gemein, dass sie alle nicht mehr da sind. Das Gloriette Kino existiert. Noch. Das Wiener Kinosterben geht also ungebremst weiter, auch wenn ein Blick in die Geschichte enthüllt, dass das alles andere als ein neues Phänomen ist und keineswegs allein mit dem Aufkommen der großen Plexe in den Achtzigern oder der Internetrevolution Ende der Neunziger zusammen hängt. Aber solch nüchterne Betrachtungweisen verfangen nicht, wenn es um derart mystisch aufgeladene Orte geht, wie die Kinos der Kindheit.

Man darf also ruhig etwas wehmütig werden, wenn man zum vermutlich letzten Mal da hineingeht. Und feststellen, dass hier doch einiges anders ist. Selbstredend hat es hier nicht die Infrastruktur wie in den Groß-Kinos, mit ihrer Vielzahl von Lokalen und Bars ums Eck oder im selben Gebäude. Es fehlt auch der Schick jener auserwählten Programmkinos, die sich in guter Lage etablieren konnten.

Nein, das "Gloriette" wirkt eher wie ein Relikt, wie es da auf einem wenig attraktiven Abschnitt der Linzer Straße herumsteht, in den sich sonst nur die allerwenigsten verirren würden, um einen Abend zu verbringen. Ein klassisches Grätzelkino, dem das Grätzel abhanden gekommen ist. Der Versuch, sich als so etwas wie ein populäres Programmkino zu positionieren, hat dazu geführt, dass dieses Kino seine Stellung noch ein paar Jahre halten konnte, mehr aber auch nicht. Auch an jenem Samstagabend, an dem wir unser letztes Salut ausbrachten, war der Andrang der KinogängerInnen enden wollend.

Auch die Ausstattung hat teilweise ihren Zenit schon überschritten, wie man jenem Kinosaal ansehen konnte, in dem unser Film gezeigt wurde. Seine Dimensionen erinnern heute eher an eine bessere Heimkinoanlage.


Aber das "Gloriette" hat etwas, das die auf Hochglanz polierte Konkurrenz nicht vorweisen kann. Hier befängt einen nämlich das Gefühl, dass man es nicht mit einem sterilen, gesichtsloses Etwas von der Stange zu tun hat, sondern mit etwas, dem man abnimmt, dass es gewachsen ist und gelebt hat. Etwas mit einem einzigartigen Charakter und einer höchst eigenen Geschichte. Mehr ein eigenes Wesen als eine auf den durchschnittlichen Konsumentengeschmack zugeschnittene Film-Abspielmaschine. Natürlich ist das jetzt auch ein wenig nostalgische Verklärung. Aber die wird von altmodischen Kinos eben herauf beschworen.

Ah ja, der Film. Die Filmwahl kam zustande, weil im Gloriette-Kino an jenem Abend drei Filme zur Auswahl standen, wovon wir zwei schon gesehen hatten ("Melancholia" und "Midnight in Paris" und, ehrlich gesagt, keinen von beiden muss ich mir unbedingt ein zweites Mal anschauen).

 "Die anonymen Romantiker" ("les emotifs anonyms", F, 2010) vereint schon auf den ersten Blick zwei Eigenschaften in sich, die mich üblicherweise eher skeptisch werden lassen: erstens handelt es sich um einen französischen Film und zweitens um eine romantische Komödie. Der Film ist im Grunde genommen auch eine sehr konventionelle romantic comedy, bei der man von Anfang weiß, wer für wen bestimmt ist und so weiter. Der Hergang ist einigermaßen vorhersehbar und die Drehbuchverfasser sind mit originellen Einfällen eher sparsam umgegangen. Zuweilen hat man fast den Eindruck einer jener austauschbaren deutschen TV-Romantikkomödien beizuwohnen, mit dem allerdings wesentlichen Unterschied, dass der französische Streifen nicht wie jene versucht, amerikanische Vorbilder krampfhaft (und bis hin zur Nerv tötenden Dauerbedudelung mit Easy Listening Jazz) nachzuahmen.

Was dem Film vor allem Charme verleiht, sind seine Hauptdarsteller. Isabelle Carré und Benoit Poelvoorde spielen ein durch den Beruf (Schokoladenherstellung) zusammen geführtes Duo mit einer Gemeinsamkeit: beide sind extrem schüchtern, insbesondere im Umgang mit dem anderen Geschlecht. Auf unterschiedliche Weise versuchen sie, damit zu Rande zu kommen. Sie besucht eine Selbsthilfegruppe für Hochsensitive, er macht eine Therapie bei einem Psychotherapeuten. Angesichts der Ausgangslage ist es nicht verwunderlich, dass dem Zusammenkommen der beiden einige Hindernisse entgegen stehen. Carré und Poelvoorde interpretieren ihre Figuren gekonnt einprägsam wie komisch, ohne sie gleichzeitig der Lächerlichkeit anheim zu geben. So entstehen immer wieder schöne Momente mit feinem Situationswitz.

Diese Augenblicke inmitten der ansonsten mäßig spannenden Liebesgeschichte machen aus den "anonymen Romantikern" ein - in jeglicher Hinsicht - harmloses Vergnügen. Vielleicht ganz passend für einen Abend, an dem die Bühne, die Szenerie mehr im Mittelpunkt stand.

Meine Bewertung: 2.5 aus 5 Sternen.

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