Donnerstag, 31. Mai 2012

Zwölf Punkte

Viel Ablehnung, Spott und Häme hat es auch dieses Jahr wieder für den Eurovision Song Contest gegeben. Aber auch jede Menge Aufmerksamkeit. Dieses Jahr mischte sich auch Kritik an der Tatsache dazu, dass sich der durch Titelverteidigung qualifizierte Veranstalter, Aserbaidschan, als freundliches, vorwärts gewandtes Land inszenieren wollte, obwohl dort doch eigentlich finstere Repression herrscht.

Aber, das muss man zugeben: ohne den Song Contest wären die Zustände im zentralasiatischen Land kaum derart in den Blickpunkt der Medien und Öffentlichkeiten Europas gelangt. Dass das Kalkül der Herrscher von Baku nicht wirklich aufgegangen ist, ist insbesondere den JournalistInnen zu verdanken, die über die Unterdrückung der Meinungsfreiheit und die Willkür der Behörden berichtet haben, aber natürlich auch den NGOs, die darauf aufmerksam gemacht haben. Und auch von jenen, die am Contest partizipiert haben, kam nicht nur Schweigen im Walde. Das kann man gar nicht hoch genug bewerten. Insbesondere der Siegerin kann man somit nicht nur zum Sieg gratulieren.

Dienstag, 29. Mai 2012

Meine schönsten Fußballergebnisse aller Zeiten, 10-6

Herausgefordert durch ein schönes e-Mail von Johannes R., in dem er in Vorfreude auf die Europameisterschaft die für ihn persönlich schönsten Fußballergebnisse aller Zeiten rekapituliert, möchte ich es ihm gleich tun. Einiges deckt sich übrigens mit seiner Wahl. Selbstredend haben wir es hierbei natürlich mit einer ganz subjektiven Auswahl zu tun.

10 FC Red Bull Salzburg - SK Rapid Wien 0:7, 23.3.2008

Obgleich ich quasi nächst St. Hanappi aufgewachsen bin, war mein Verhältnis zum SK Rapid zunächst ein sehr Gespaltenes. Das hatte damit zu tun, dass dort alle, die etwas mit Fußball auf der Kappe hatten, für Rapid waren und folglich ich nicht. Das heißt, fast alle waren für Rapid. In meiner Erinnerung gab es am Wolfersberg in Hadersdorf-Weidlingau auch einen bekennenden Austria-Fan, der sich aber meistens nur nachts auf die Straße traute und einen Admira-Anhänger, dem gerne mitleidig auf die Schulter geklopft wurde ("Admira Wacker - Würstel, Bier und Knacker", sangen die Rapid-Fans damals regelmäßig). Andererseits hatte ich immer einen gewissen Respekt vor der Tradition, der Leidenschaft, dem Kult der Hütteldorfer. Und die grün-weißen Dressen waren immer schon schick. Mit der Zeit hat sich mein Verhältnis zur Rapid dann immer mehr entspannt, sogar auf der "West" bin ich einmal gewesen. Mein damals bester Freund wurde 15 und Rapid ging ausgerechnet an diesem Tag gegen die Austria mit 1:5 unter. Obwohl ich nie zum Rapid-Anhänger mutiert bin, habe ich mich 2008 sehr gefreut, als die Grün-Weißen den Kickern aus der Synthetik-Safterl-Retorte (noch dazu mit Giovanni Trapattoni) auf deren eigenem Kunstrasen sieben Bummerln eingeschenkt haben. Auch, weil das damals "meinem" Verein die Meisterschaftschancen erhielt, aber vor allem, weil hier einmal die Fußballtradition dem modernen Marketing und dem neuen Geld so richtig die Stutzen zurecht gezogen hat. An dieser Stelle könnte freilich auch das 4:1 "meines" Vereines gegen die Bullen im Jahre 2007 stehen. Aber, an den mag ich zur Zeit nicht denken.


09 Inter Mailand - FC Schalke 04 2:5, 5.4.2011

Fußball kann wahnsinnig sein. Da schießen die einen nach wenigen Augenblicken ein irres Führungstor fast von der Mittellinie. Die einen sind noch dazu die Heimmannschaft, Champions League - Titelverteidiger und klar favorisiert. Doch dann kommt alles anders und aus einem 1:0 sowie 2:1 wird ein 2:5. Und Raúl Gonzalez Blanco wird zum Liebling im Ruhrpott. Naja, zumindest bei jenem Teil, der blau trägt. Kevin Großkreutz (BVB) soll auf die Frage nach dem Spiel geantwortet haben: "Hab ich nicht gesehen, mein Fernseher war kaputt. Aber ich habe gehört, Inter soll schlecht gewesen sein." Schön! Wobei zum Reiz dieser Partie auch ein guter Kommentator gehörte, was einem im österreichischen Fernsehen ja eher nicht so oft vergönnt ist.


08 Olympique de Marseille - AC Mailand 1:0, 26.5.1993

Das erste Meistercup/Champions League-Finale, an dessen bewusstes Ansehen ich mich erinnere, war jenes im Jahr 1991. Mein Einstieg in den passiven Fußball war über die Euro 1988 erfolgt, 1990 verfolgte ich die Weltmeisterschaft in Italien schon mit großer Aufmerksamkeit. Der Klubfußball folgte mit Verzögerung. 1991 war ich elf, hatte noch keine Ahnung davon und wählte, das weiß ich noch, meine Sympathie nach der Farbe der Dressen. Ich war wohl noch irgendwie religiös und orientierte mich wahrscheinlich auch an den "Don Camillo und Peppone"-Filmen. So drückte ich spontan den "Weißen" von Olympique de Marseille die Daumen. Leider setzten sich aber die finsteren Kommunisten von Roter Stern Belgrad im Elfmeterschießen durch. Zwei Jahre später drohte eine Wiederholung, als die Südfranzosen dem wahrhaft Bösen (so viel ahnte ich nun schon) und hohen Favoriten, nämlich dem AC Mailand, im Münchner Olympiastadion gegenüber standen. Doch Barthez, Angloma, Deschamps, Desailly und Völler schaukelten das Ding und Basile Boli köpfte OM zum Triumph und mich ins Glück.


07 Argentinien - Kamerun 0:1, 8.6.1990

Es ist 1990, wie damals üblich eröffnet der Titelverteidiger die WM. Es ist zwar meine erste Fußballweltmeisterschaft, aber eines weiß ich schon: Argentinien ist die Übermannschaft, sie hat Diego Maradona. Kamerun hingegen ist ein Land, dessen Existenz einem erst durch die Tatsache bewusst wird, das seine Mannschaft jetzt gegen Argentinien antritt. Aber Kamerun hat auch Francois Omam-Biyik und der macht das einzige Tor der Partie. Am Ende stehen nur mehr neun Kameruner auf dem Platz, aber die haben Argentinien geschlagen. Viel sensationeller kann es nicht mehr werden. Wie gesagt, wir schreiben das Jahr 1990 und der afrikanische Fußball ist noch nicht in den Top-Mannschaften Europas angekommen, hier beginnt etwas Historisches. Die "unbezähmbaren Löwen" stoßen bis in Viertelfinale vor und werden zu Vorbildern eines ganzen Kontinents. Zur Verlängerung der England-Partie schickten mich meine Eltern mitleidlos ins Bett. Immerhin, so bleiben mir die Löwen als tatsächlich unbesiegt in Erinnerung.


06 SV Bad Ischl - ASKÖ Pinsdorf 3:1, ?

Ich weiß das Jahr nicht mehr, aber ich bin mir relativ sicher, dass das mein erstes Fußballspiel in echt war. In Frage käme auch noch eine Begegnung Wiener Sportclub vs. Sturm Graz mit dem jungen Otto Konrad im Tor und in Begleitung meines Vaters, aber das dürfte sich etwas später abgespielt haben. Mein Großvater war es, der mich mit auf den Ischler Fußballplatz genommen hat. Mein Großvater war, soweit mich erinnere, eher für Formel 1 (im Sommer) und Skispringen (im Winter) zu haben, aber für seinen einzigen Enkel ist er auf den Fußballplatz gegangen. Es handelte sich um eine Begegnung der oberösterreichischen Bezirksliga Süd, Tempo und Niveau der Partie hielten sich daher im überschaubaren Bereich. Aber, es war eine packende und dramatische Partie. Die Pinsdorfer verfügten über einen ungemein voluminösen und Furcht erregenden Mittelstürmer, der mit seiner Präsenz gefühlt den halben Strafraum einnahm. Er war naturgemäß nicht der Schnellste, aber das spielte auf diesem Niveau keine so große Rolle. Zu meinem Entsetzen gingen die Gäste von der Traunsee-Peripherie auch prompt in Führung. Doch dann kam die Wende in Gestalt einer Tätlichkeit des gewaltigen (und, wie sich herausstellte, auch etwas gewalttätigen) Pinsdorfer Mittelstürmers. Ihres Gravitationszentrums beraubt, fiel die Gäste-Elf in sich zusammen. Der SV Bad Ischl gewann die Partie mit 3:1.


Fortsetzung folgt..

Montag, 28. Mai 2012

Toast to Freedom

Zum 50+1. Geburtstag von Amnesty International..und überhaupt.

 

Mit: Levon Helm (R.I.P.), Kris Kristofferson, Carly Simon, Angelique Kidjo, Ewan McGregor, Saul Hernandez, Donald Fagen, Warren Haynes, Keb Mo, Eric Burdon, Taj Mahal, Florent Pagny, Marianne Faithfull, Jane Birkin, Jimmy Barnes, Rosanne Cash, Shawn Mullins, the Blind Boys of Alabama, Gentleman, ua.

Donnerstag, 24. Mai 2012

Coram Publico

Sarah hatte gestern das Vergnügen, das nachstehende Experiment auf einer belebten Kreuzung mitten in Linz durchführen zu dürfen. Immerhin, zwei Menschen haben sie in zehn Minuten gefragt, ob das denn ihr eigenes Fahrradschloss ist, das sie das knackt (war es übrigens auch, der Schlüssel war abgebrochen).



Dank an Jan.

Mittwoch, 23. Mai 2012

Werbeeinschaltung

Ich mache hier sonst keine Werbung, aber in diesem Fall bin ich darum gebeten worden und es ist eine gute Sache.

Kenyan Ecotours

Montag, 21. Mai 2012

Karosse # 2

Erinnert zwar schon etwas mehr an die glotzäugigen Dinger von heute, schaut aber trotzdem noch ziemlich gut aus: der Triumph 2500 Injection.









Freitag, 18. Mai 2012

Karosse

Mein Verhältnis zum Automobil ist zwiespältig.

Ich schätze es zuweilen schon sehr, ohne Umwege quasi von Tür zu Tür befördert zu werden. Das gilt insbesondere dann, wenn sonst schwere Koffer zu schultern wären. Auch habe ich speziell in den USA gesehen, dass es Landschaften gibt, die sich in einer normalen Lebenszeit ohne Kraftfahrzeug gar nicht erschließen lassen würden.

Aber, die Sympathie richtet sich in einem solchen Fall mehr an diejenigen, die den rosa Schein erworben haben und die Metallkutsche chauffieren, sowie an das Prinzip der ungebundenen Fortbewegung an sich, denn an den fahrbaren Untersatz selbst. Mit dem durchschnittlichen Straßenwagen als solchen kann ich mich kaum anfreunden. Ich empfinde sie nahezu allesamt als Undinge, als klobige Schmutzfinken, denen noch kein Designer eine wirkliche Seele oder eine auch nur ansatzweise Ästhetik einhauchen hat können. Ja, ich muss es sagen: der durchschnittliche PKW ist hässlich wie ein rauchender Fabrikschlot.

Ich muss aber zugeben, dass das nicht immer so war. Als Automobile noch nicht einem Massengeschmack zu genügen UND ausreichend Knautschzonen aufzuweisen hatten (was ich natürlich grundsätzlich begrüße), sah die Sache anders aus. Alte Sportwagen zB, die haben schon was.

Zu unseren unmittelbaren Nachbarn gehört unter anderem eine Autowerkstatt, die zum Glück nicht nur die zeitgenössischen Blechbüchsen, sondern auch edle, alte Stücke repariert, wie zB diesen Jaguar S.S.100.











Mittwoch, 16. Mai 2012

Europa

Bei diesem Europa kann man schon manchmal den Überblick verlieren. Deswegen habe ich mich wie narrisch über diese Wikimedia-Grafik gefreut.

  Supranational European Bodies-de

von Supranational_European_Bodies-en.svg: *Supranational_European_Bodies-tr.svg: The Emirr; Wdcf derivative work: NikNaks93 (Diskussion) derivative work: SomnusDe (Diskussion) (Supranational_European_Bodies-en.svg) [CC-BY-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0) oder GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html)], via Wikimedia Commons

 Griechenland dann bitte demnächst selbst anders platzieren.

Dienstag, 15. Mai 2012

Traunkirchen

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Traunkirchen, ein Album auf Flickr.

Ein imposanter Felsen am Traunsee mit einer netten Ortschaft rundherum. Traunkirchen lohnt einen Abstecher, gerade weil es nicht mehr unmittelbar an der Bundesstraße liegt.
[Salzkammergut-Werbeeinschaltung beendet]

Montag, 14. Mai 2012

Fairer Planet 2012

Lust, einen fairen Planeten zu besuchen? Das ist HIER möglich.

Einfach einen zeitweiligen Abstecher vom Linzfest einplanen (bzw. umgekehrt).

Samstag, 12. Mai 2012

Ohren(ge)fälliges: Monatsmeister des Monats April 2012

Dear Reader - Bear (Young´s Done In)
Johannesburg, Südafrika
         Gewonnene Ränge: + 10

Südafrika und Popmusik. Hm. Zuallererst fällt einem da nicht allzu viel ein, dann vermutlich diese schillernde Dame, auch wenn sie den Großteil ihres Lebens wegen Exilierung nicht dort verbracht hat. In der Folge möglicherweise noch der Kwaito, mit dem sich kosmopolitisch ausgerichtete Hipster vor einigen Jahren recht intensiv beschäftigt haben. Und, ja, der gruselige Kurt Darren, aber den erwähne ich nur, weil das sonst Florian tut.

In Sachen Indiepop verdanken wir es Dear Reader, dass Südafrika nun auch auf der geistigen Landkarte angekommen ist. Obgleich, ähnlich wie bei Miriam Makeba ist auch Dear Reader mittlerweile eine Geschichte des Exils, wenn auch eines mehr oder minder freiwilligen. Aber der Reihe nach. 2006 gründeten die beiden Anglo-Südafrikaner Cherilyn MacNeil und Darryl Torr aus Johannesburg die Band "Harris Tweed", die 2008 aus namensrechtlichen Gründen in eben "Dear Reader" umgetauft wurde. Gleich das erste unter diesem Namen hervorgebrachte Album, "Replace Why with Funny" (2009), fand international Beachtung, dank FM4 insbesondere auch in Österreich. Im Jahr 2010 wurde Dear Reader zum Soloprojekt von Cherilyn MacNeil, die Südafrika den Rücken kehrte und seitdem in Berlin, der Heimat ihres neuen Labels City Slang, lebt. Genauer gesagt in Neukölln, das ihr interessanter Weise im Vergleich zu Johannesburg geradezu wie ein friedliches Utopia erscheint (es kommt halt immer auch auf den Blickwinkel an).

Von Europa aus lieferte sie 2011 ihr viel gelobtes neuestes Werk, das Album "Idealistic Animal" ab, bei dem jeder Songtitel einen Bezug zu einer Tierart aufweist (während der Albumtitel auf die menschliche Spezies verweist). Was die im Song "Bear (Young´s Done In)" erzählte Geschichte freilich mit dem felligen Meister Petz zu tun hat, erschließt sich nicht sofort. Vordergründig berichtet er von einer Zechtour in Budapest, im Refrain offenbart sich dessen wahre Natur: "How much longer will I be young, so much stuff that I 
haven´ t done." Es ist mithin ein Stück über die Beschränkungen des Älterwerdens, den Verlust der Jugend, somit die Endlichkeit. An den pessimistischen Anleger, der seinen Kurs fallen sieht, lässt sich bei diesem "Bären" also denken oder vielleicht an ein Wortspiel mit dem englischen Wort für "ertragen". "Bear" ist freilich auch einfach ein schönes Beispiel für die Musik von Dear Reader: intelligente, reizend gesponnene, zugleich aber leichtfüßige Popsongs, mit Streichinstrumenten unterlegt und mit schlauen, nachdenklichen bis melancholischen Texten versehen. Wer es zuweilen ganz gerne bittersüß mag, ist mit Dear Reader gut bedient.

Dear Reader - Bear (Young´s Done In), kostenloser Download
Dear Reader - kostenlose Downloads auf www.cityslang.com
Hark! A City Slang Christmas EP


 

Dienstag, 8. Mai 2012

Lektürismus - Reisen durch die Welt des Bücherregals # 3: Thomas Pynchon - Inherent Vice



Inherent Vice 
von Thomas Pynchon, Jonathan Cape - Random House, 2009, 369 S.


Thomas Pynchon zu lesen, gilt als Herausforderung. Selbst Muttersprachler meinen, es brauche ein Wörterbuch und diverse andere Nachschlagewerke, um bei den Werken des ständigen Literaturnobelpreis-Anwärters den Durchblick zu behalten. Dem Verlauf der Handlung exakt zu folgen, könne man sowieso vergessen, besser man lehne sich zurück und genieße einfach die Fahrt. Wer schließlich meine, er könne all die verrätselten Bezüge, Anspielungen und Hommagen quer durch die gesamte Kulturgeschichte verstehen, leide sowieso an hoffnungsloser Hybris.

"Inherent Vice" ist, vor diesem Hintergrund betrachtet, halb so wild und folglich für den geneigten Pynchon-Einsteiger gut geeignet. Sicherlich, hier laufen zunächst einige Handlungsstränge quer durcheinander, verschwimmen an ihren Rändern auf einigermaßen assoziativ-nebulöse Weise. Eine Vielzahl von Charakteren taucht auf und wieder ab, Geschehnisse verschwinden hinter Nebelwänden psychedelischer Rauch- und Rauschprodukte. Auch der Slang, der vornehmlich gesprochen wird, das Englisch kalifornischer Hippies der ganz frühen Siebziger Jahre, liegt einem - sofern man "Inherent Vice" denn in der Originalsprache zu sich nimmt (und etwas anderes sollte man, glaube ich, wirklich nicht tun) - naturgemäß nicht immer ganz nahe.

Aber, wie gesagt, es ist alles halb so wild. "Inherent Vice" ist im Kern eine gar nicht so unkonventionelle Detektivgeschichte. Larry "Doc" Sportello heißt die Hauptfigur. Es ist 1970 und er ist Privatermittler mit Wohnsitz Gordita Beach (einem fiktiven Zwilling von Manhattan Beach), verehrt John Garfield, eine tragisch-legendäre Gestalt der Hollywood-Schauspielgeschichte und verlässt das Haus nie ohne einen Joint in der Tasche. Sein Freundeskreis rekrutiert sich vornehmlich aus den surfenden, kiffenden und für den Weltfrieden meditierenden Freaks, die ihre Hütten dort in die Nähe des Ozeans gesetzt haben, in dem manche von ihnen Lemuria vermuten, das selige, pazifische Pendant von Atlantis. Doc Sportellos Rolle als bezahlter Auftragsermittler fügt sich etwas quer in diese kleine Welt, eine Ambivalenz, die ihm zunehmend zu Bewusstsein kommt, wenn er bei selbigem ist.

Durch die Tür seiner Detektei schieben sich von Beginn an verschiedene Fälle, Rätsel und KlientInnen. Bald kann man erahnen, dass sie alle in irgendeiner Weise zusammen hängen. Thomas Pynchon spinnt ein durchaus kunstvolles Netz, an seinen Fähigkeiten als Erzähler lässt auch "Inherent Vice" keine Zweifel aufkommen. Aber, es wird nie derart verworren, dass der Befund aus dem ersten Absatz zutreffen würde. Das narrative Schwergewicht liegt ohnehin weniger am Handlungsablauf, als auf der pointiert-farbenfrohen und immer wieder komischen Beschreibung einzelner Szenen, Situationen, Orte und - vor allem - Charaktere. Es ist eines dieser Werke, bei denen du das Gefühl hast, dass man aus jeder Nebenfigur heraus eine eigene Geschichte bauen, einen Roman erzählen könnte.

Beziehungsweise einen Film machen. "Inherent Vice" ist Kopfkino, eine schräge Mixtur aus L.A. Noir - Detektivroman und Hippie-Tragikomödie à la "Big Lebowski", abgespielt zur Zeit der Nixon-Präsidentschaft. Ein surreal angehauchtes und doch auf seltsame Weise real und nahe anmutendes Abbild einer nicht so lange (gar nicht?) vergangenen Welt. Pynchon spielt auch mit dem Blick des Heutigen, wenn er etwa das ARPANET, eine Urform des Internet, auftreten und seine Charakter darauf reagieren und darob räsonieren lässt.

Mit "Inherent Vice" hat Thomas Pynchon so etwas wie eine Steilvorlage für einen schrägen Hollywood-Film geliefert. Möglicherweise hat Pynchon - der heute 75 Jahre alt wird (Gratulation!) und dessen Gesicht man nur von vierzig Jahre alten Fotos kennt (daher auch das da) - das schon geahnt, als er den folgenden Trailer [!] für seinen Roman eingesprochen hat:

 

 Ach ja, und nur kurz nachdem mir das erste Mal derlei Gedanken gekommen sind, habe ich das entdeckt.

Sonntag, 6. Mai 2012

Aserbaidschan

Wer meint, der österreichische Song-Contest-Beitrag sei das Schlimmste, das sich in Aserbaidschan dieser Tage so zuträgt (und - zugegeben - der legt die Latte in dieser Beziehung schon sehr hoch), der möge sich auf den folgenden Seiten informieren.



Samstag, 5. Mai 2012

Erzfeinde # 4

Ich will nicht missverstanden werden. Ich werfe diesen Menschen nichts vor, ich bin ihnen auch nicht böse, darf es auch nicht sein. Dennoch, sie versetzen mich in alle möglichen, Grauen erregende Zustände.

Das Setting ist meist idyllisch. Eine alte Burg, ein pittoresker Felsen, eine romantische Festungsanlage. Und dann kommen sie: die Lebensmüden. Sie klettern auf die äußersten Zinnen, erklimmen vorstehende Firste, nähern sich bis auf wenige Zentimeter den tiefsten Abgründen. Fast so, als ob sie vor hätten, gleich die Arme auszubreiten, sich ab zu stoßen und davon zu fliegen. Nur: Sie können gar nicht fliegen, würden hinunter fallen wie ein Stein und unten, schmählich zerschellt, zugrunde gehen!

Mein Verstand sagt mir, dass es durchaus nachvollziehbar ist, dass einer, der ein gesundes Vertrauen in seinen Gleichgewichtssinn hat und im nüchternen Zustand auf einer geraden Linie gehen kann, auch ruhigen Mutes an einem solchen Abgrund stehen kann. Aber, mein Magen dreht sich trotzdem um, wenn ich das mit ansehen muss. Dabei ist es gar nicht Höhe die mir Angst macht - von mir aus kann es so hoch werden, wir nur möglich. Es ist die Tatsache, dass irgend jemand oder irgend etwas hinunter fallen könnte. Und, wenn ich das Gefühl bekomme, jemand möchte das provozieren, weckt das irgendwie den Zorn.

Zum Glück habe ich jetzt etwas entdeckt, das mir als Konfrontationstherapie dienen wird. Und der Vorteil dabei: der Nervenkitzel ist da, aber zugleich die feste Überzeugung, dass nichts hinunter gefallen ist.

Donnerstag, 3. Mai 2012

Im Kino # 14: Andrea Arnold - Wuthering Heights

UK 2011

Und erneut eine Brontë-Schwestern-Romanverfilmung. Nach Jane Eyre von Charlotte Brontë in der filmischen Verarbeitung von Cary Fukunaga nun die Sturmhöhen von Emily Brontë, umgesetzt von Andrea Arnold.

Gleich zu Beginn fällt auf, dass wiederum die Landschaft, die die Charaktere umgebende, raue Natur des westlichen Yorkshire, in der auch die Brontë-Schwestern gelebt haben, eine dominierende Rolle spielt. Angesichts der Bilder meine ich zu verstehen, warum man hier Schriftstellerin und/oder depressiv werden muss. Eine Tristesse aus schlammigen Pfützen, pfeifenden Winden, unbarmherzig hereinbrechenden Regengüssen ist das, faulendes Obst liegt auf einem kargen Moor. Während allerdings die Szenerie in "Jane Eyre" eher Mittel zur Illustration war, ist sie in "Wuthering Heights" nicht nur entschiedenes Stilmittel, sondern wird auch immer wieder für forciertes metaphorisches Wechselspiel mit der Handlung herangezogen.

Bei letzterer handelt es sich um eine gekürzte Variante des literarischen Werkes von Emily Brontë . Während das gleichnamige Buch Generationen übergreifend psychologische Zusammenhänge sichtbar macht, beschränkt sich der Film "Wuthering Heights" im Wesentlichen auf die Abbildung der unglücklichen Liebesgeschichte von Heathcliff und Catherine, der beiden Hauptfiguren. Die Regisseurin Andrea Arnold hat sich dabei für die (männliche) Sichtweise aus der Perspektive des Heathcliff entschieden, die weniger spannende Variante, wie ich meine. Sie zeigt uns eine Dialog arme und kalte Welt, in der nicht nur in der umgebenden Natur, sondern ebenso bei den Menschen Mitleidlosigkeit vorherrschend ist. So detailliert hierbei der Blick durch die (wirklich gut eingesetzte) Kamera auch ist, so distanziert bleibt er zugleich auf der Gefühlsebene. Die Dinge geschehen im düsteren Moor von "Wuthering Heights" mehr aus einem schwer nachvollziehbaren Verhängnis heraus, als das sie zum echten Mitleiden mit den Charakteren anregen würden.

"Wuthering Heights" ist ein Film, dem man streckenweise durchaus gebannt folgen kann. Mit zunehmender Dauer beginnt er aber an der ihm eigenen Manier wie auch seinem eigenen künstlerischen Anspruch zu kränkeln. Die stetig wieder kehrenden Verwendung der Yorkshire-Landschaft in ihren meist deprimierendsten Ausprägungen als Abspielfläche für Metaphern wirkt gewollt-bedeutungsschwanger, zugleich aber reichlich wenig subtil und wird einem schließlich zur Monotonie. Auch gelingt keine wirklich spannungsvolle Entwicklung der handelnden Charaktere. Eine Wendung, ein Bruch, ein filmischer Einfall, der dem Ganzen eine andere Richtung geben könnte, bleibt aus.

So bleibt "Wuthering Heights" von Andrea Arnold eine solide gemachte, aber mir letztlich seelenlos anmutende Adaption der bedeutenden Vorlage.

Meine Bewertung: 2 aus 5 Sternen.







Mittwoch, 2. Mai 2012

E-Mail-Archäologie # 1

Es ist gespenstisch, in alten Mails zu wühlen. Was einem daraus entgegen blickt, kann das eigene Antlitz sein, das aber erschreckend anders ist, als man sich selbst in Erinnerung hat, respektive haben möchte.

Ich wusste zB nicht, dass ich einmal DIKTATOR war. Beim Lesen dieses Mails, dass ich 2004 selbst geschrieben habe, steigt mir heute der kalte Angstschweiß auf die Stirn. Ich möchte sofort die Hacken zusammen schlagen und die Küche zusammen räumen.
























Zu meiner Verteidigung muss gesagt werden, dass es dort wirklich FÜRCHTERLICH ausgesehen hat und uns die Heimverwaltung im Nacken gesessen ist.

Falls es noch Zeitzeugen dieses Systems gibt, die das hier lesen, möchte ich mich dennoch hiermit in aller Form entschuldigen (gegendert hab ich auch nicht..).