Donnerstag, 28. Juni 2012

Im Kino # 15: Wes Anderson - Moonrise Kingdom

USA 2012


Zunächst muss man natürlich über den besonderen Cast sprechen, den Wes Anderson hier (wieder einmal) zusammen getrommelt hat. In "Moonrise Kingdom" spielen mit: Edward Norton, Bruce Willis, Tilda Swinton, Frances McDormand, Bill Murray, Jason Schwartzman und Harvey Keitel. Das sind zusammen gerechnet immerhin zwei Oscars, sieben Oscarnominierungen und vier Golden Globes sowie jede Menge Publikums trächtige Filmunterhaltung. Aber in diesen Dimensionen darf man, das ist schon klar, Wes Anderson-Filme nicht bewerten. Denn die Filme von Wes Anderson machen ein Tor auf in eine andere Wirklichkeit, in der zwar Gesetzmäßigkeiten und Fertigkeiten des Hollywoodkinos angewandt werden, aber doch alles irgendwie anders ist.


Meine bisherigen Begegnungen mit Filmen von Wes Anderson verliefen freilich durchwachsen. "Rushmore" hat mir gut gefallen, bei den "Royal Tenenbaums" scheiterte ich jedoch an meiner hohen Erwartungshaltung. "Darjeeling Limited" fand ich zwar visuell beeindruckend, aber auch einigermaßen hohl und anbiedernd. Somit hatte ich den Regisseur aus Texas schon ein wenig abgestempelt als einen, der mehr Schein als Sein bietet, der Filme macht, die an der Oberfläche glänzen und mit gut kalkulierten Effekten versehen sind, die aber bei genauerer Betrachtung nicht viel hergeben.


Auch "Moonrise Kingdom" hat eine berückende Optik zu bieten. Die Handlung spielt im Jahr 1965 auf der (fiktiven) Insel New Penzance vor der Küste Neuenglands. 60er Jahre-Chic ist überall und taucht den Film in eine nostalgisch-romantische Atmosphäre. Suzy Bishop (Kaya Hayward) ist dreizehn und verbringt hier mit ihren Eltern, zwei  frustriert-resignativ wirkenden Rechtsanwälten (McDormand und Murray), in einem roten Leuchtturmhaus den Sommer. Sie blickt aus Kayal-umschminkten Augen ernst in die Welt und tut sich mit dem etwas wunderlichen, aber gutmütigen Außenseiter Sam Shakusky (Jared Gilman) zusammen, um gemeinsam Reißaus zu nehmen. Ihre Liebesgeschichte, ihr Streben nach selbst bestimmtem Glück steht im Mittelpunkt des Geschehens. Eine aufgeregte Suche der New Penzance-Erwachsenenwelt hebt an, die ihre markantesten Repräsentanten (Norton, Willis, McDormand, Murray) nachhaltig aus ihren Routinen reißen wird. Auch das nur "Social Services" geheißene Sozialamt, verkörpert von einer unerbittlichen Tilda Swinton, rückt an, um den Fall zu begutachten, respektive zu beamtshandeln. 


Mag es auch im Auftreten der Behörde leise anklingen, so ist "Moonrise Kingdom" doch keine kritische Auseinandersetzung mit der Sixties-Gesellschaft. Die Themen, die abgehandelt werden, sind universell und zeitlos, das Zeitkolorit dient eher als spielerische Kulisse, wie auch die Filmkulissen selbst oft wie aus einer Spielzeugwelt entlehnt scheinen. Die Ausstattung ist dabei bis in die Details liebevoll, das Produktionsdesign  in seiner Gesamtheit umwerfend. Dieses New Penzance ist ein imaginierter Raum, der aus Versatzstücken von Wes Andersons Jugend und romantischen Gefühlen gezimmert ist. Der Soundtrack ist geistreich wie verblüffend und stimmig, spannt den Bogen von der Filmmusik von Alexandre Desplat über Benjamin Britten zu Hank Williams. Die Dramaturgie findet in diesem Wes-Anderson-Film die dringend benötigte Balance zwischen gutem Erzähltempo und der Magie der Augenblicke. "Moonrise Kingdom" ist wie eines dieser gut geschriebenen Jugendbücher der eigenen Kindheit, die ein warmes, vertrautes Gefühl erzeugt und doch auch zugleich eine Ahnung von etwas Größerem, Aufregenderem vermittelt haben.


Das neue Werk von Wes Anderson ist eye candy, der auch der Seele gut tut und vielleicht der Film, den man 2012 im Kino gesehen haben sollte.


Meine Bewertung: 4 von 5 Sternen.



Dienstag, 26. Juni 2012

Rundumadum

Auf einmal ist ein Verlangen ganz stark da, das man lange verdrängt hat oder das durch etwas anderes verdrängt wurde. Das Verlangen zu lesen, zum Bespiel. Die letzten Jahre war es mir zuweilen mühsam, mich am Abend hinzusetzen und ein Buch zur Hand zu nehmen. Ich hatte das Gefühl, dass meine Augen nach einem Tag im Büro keinen Text mehr entziffern wollen. Aber der Wunsch wuchs, sich abends nicht mehr vom zumeist doch recht geistlosen und die wirklich spannenden Empfindungen abtötenden Fernseher berieseln zu lassen bzw. sich nicht immer wieder im bodenlosen Loch des virtuellen Netzes zu verlieren. Und so sitze ich jetzt gerne beim offenen, verkatzengitterten Fenster, lasse mir die linde Abendbrise in die Haare fahren und habe ein Buch in der Hand.

Oder, nehmen wir das Bedürfnis, hinaus- und unter offenem Himmel herumzugehen, neue Ort zu sehen, Wegstrecken auf den eigenen Beinen zurück zu legen. Danach besteht bei mir seit einiger Zeit wieder eine veritable Sehnsucht. Erfreulich, dass sich jetzt auch mein nächster Urlaub danach ausrichten wird. Es gibt einen Wanderweg durch den Grüngürtel rund um und bei Wien. 120 km Bewegung sind das und ein gewisser Nostalgiewert ist auch gewährleistet, kenne ich doch viele Ausflugsziele rund um die Stadt aus jüngeren Jahren. Das Wetter sollte auch passen. Ich freue mich schon.

PS: FreundInnen, die eine Etappe mit gehen oder vorübergehende Unterkunft anbieten wollen, können sich gerne melden.

Sonntag, 24. Juni 2012

Fußballsong

Der perfekte Track für einen Sonntagnachmittag in der Euro-Zeit. Ein Salut an jene, die den Fußball nach Mitteleuropa gebracht haben. Ja, das waren hauptsächlich Engländer.

Freitag, 22. Juni 2012

Glaskugel 2012 # 6

22.6.2012, 20.45, Deutschland - Griechenland, Arena Gdansk


Kurz vor Spielbeginn sorgt Hansi Flick für einen mittleren Eklat, als er mit einem Fallschirm im griechischen Fansektor landet und diesen für besetzt erklärt. Es ist jedoch nur als harmloser Scherz gedacht. In der 4. Minute springt unerwartet Alexis Tsipras aufs Spielfeld, reißt sich sein letztes Hemd vom Leib und läuft splitterfasernackt auf Manuel Neuer zu, wobei er in schlechtem Englisch so etwas wie "Versucht doch, es mir weg zu nehmen!" ruft. Er wird von Slawek und Skavko gestellt, die mit Hartplastikknüppeln und Tasern, die mit dem Euro-Logo (TM) versehen sind, ausgestattet sind. Nachdem die ersten Zwischenfälle überstanden und Hansi Flick und Alexis Tsipras mehr oder minder unversehrt im Sicherheitsverwahrungsraum des Stadions verschwunden und standgerichtlich abgeurteilt worden sind, wendet sich die allgemeine Aufmerksamkeit dem Geschehen auf dem Spielfeld zu. Die Griechen erproben ihre neue Taktik "die Euro-Brandmauer von Piräus", bei der sieben Feldspieler und der Keeper in kunstvollen Kolonnaden geschlichtet das Tor verrammeln, während ihre zum Spielfeld geschmuggelte Nichten und Neffen im Halbdunkel des Gehäuses die letzten Lücken ausfüllen. In der 14. Spielminute gelingt es jedoch Lukas Podolski mit seiner einzigen Ballberührung der Partie (Rechtfertigung danach: "Ich hab Strom gemacht!"), die Lederkugel irgendwie zwischen dem Kopf von Maniatis und dem Gesäß von Holebas ins Tor zu dreschen, wo diese jedoch von der Stirn von Kyriakos Papadopoulos´ Neffen, der innen am rückwärtigen Teil des Tornetzes hängt, reflektiert wird und wieder den Weg nach draußen findet. Der Torschiedsrichter zeigt an, dass der Ball nicht im Tor war und erhält daraufhin demonstrativen Applaus von Michel Platini. In der 27. Spielminute ist es Mesut Özil, der mit einem strammen Freistoß die Mauer der Hellenen durchbricht. Der Ball fegt durch die griechische Phalanx und hinten durch das Tornetz, das mittlerweile unter dem auf ihm lastenden Druck geborsten ist, in Richtung Tribüne. Der Torlinienschiedsrichter besteht auf Abstoß für Griechenland. Michel Platini hat feuchte Augen - offensichtlich vor Rührung. Deutschland tätigt im griechischen Strafraum enorme Investitionen, doch nichts, rein gar nichts kommt dabei zurück. Von der Hinhaltetaktik der Griechen ermüdet, leistet sich die DFB-Elf in der 73. Minute eine folgenschwere Unachtsamkeit. Sokratis bricht durch und bezwingt den chancenlosen deutschen Torhüter Leibn.., nein Neuer zum sensationellen 1:0-Triumph seiner Mannschaft. In der darauf folgenden, grenzenlosen Euphorie erklärt die griechische Regierung feierlich, man werde erst dann sämtliche Schulden begleichen, wenn das Ausland anerkennt, dass alle Menschen noch in den Bäumen sitzen würden, wenn die Griechen nicht alles erfunden hätten. Der 22.6. wird umgehend zum griechischen Nationalfeiertag erklärt und am 24.6. werden 30.000 Staatsbedienstete neu eingestellt, um auf einer Hochebene am Peloponnes ein Jahr lang das Spiel gegen Deutschland nachzustellen. Außerdem werden sämtlichen Bürgern für ein ganzes Jahr sämtliche Steuern erlassen, was sich paradoxer Weise längerfristig positiv auf das Budget Griechenlands auswirken wird, da die Finanzbeamtenschaft endgültig die Arbeit einstellt und keine neuen Stempelkissen mehr angeschafft werden müssen. Leider ist der griechische Staat am 25.6. trotzdem bankrott, da die Reaktion der internationalen Finanzmärkte recht heftig ausfällt. Griechenland muss sein Team aus finanziellen Gründen von der Euro abziehen. Deutschland steht im Semifinale, wo Italien leider ebenfalls nicht mehr antreten kann.


So und nicht anders wird es sein.

Donnerstag, 21. Juni 2012

Genug davon

Die Top 5 der Dinge oder Personen, von denen wir bei der Euro schon genug gesehen haben:

5. Slawek und Slavko

4. Wiktor Janukowitsch

3. Spieler, die für Wettfirmen Werbung machen (wäh!)

2. Torschiedsrichter mit zeitweiligem Ausfall der Sehkraft ("War das ein Ball oder hat John Terry nur sehr große Füße?")

1. England


Außer Konkurrenz: rassistische und homophobe Äußerungen. Aber, die kann man nicht sehen, sondern allenfalls hören und außerdem sind sie leider beleibe kein Spezifikum dieser Euro.

Mittwoch, 20. Juni 2012

Momente

Ruhetag. Höchste Zeit, wenn ihr mich fragt. Nichts gegen die Europameisterschaft (natürlich nicht!), aber für andere Dinge muss auch wieder einmal Zeit sein.

Obwohl, einmal kurz in Erinnerungen an vergangene Titelkämpfe schwelgen, das geht sich schon aus.

Sonntag, 17. Juni 2012

Glaskugel 2012 # 5

Die Entscheidung in der Gruppe B steht an. Ich habe mich aus den Tiefen des Wochenendes empor gehoben und meine Psi-Kräfte glühen lassen. Die Euro 2012, live im zweiten Gesicht.


17.6.2012, 20.45, Portugal - Niederlande, Metalist Stadion, Charkiw


Obwohl die Orangen zum Siegen verdammt sind, knüpfen sie zunächst nahtlos an die Deutschland-Leistung an und schieben sich und dem Gegner ratlos den Ball zu. Der holländische Fernsehkommentator nimmt das böse Wort vom "voetbal letal" in den Mund. Nach von Ereignislosigkeit geprägten ersten 30 Spielminuten (vergebene Elfmeter von Arjen Robben in der 18., 23. und 27. Minute), bricht in Minute 31 Nani auf der linken Abwehrseite der Niederlande durch und überlupft Torhüter Stekelenburg. Der einen halben Meter vor der Torlinie auftauchende Christiano Ronaldo kann jedoch in letzter Sekunde klären, indem er den Ball in einem Bogenschuss rückwärts aus dem Strafraum befördert. Die Fans auf den Rängen skandieren "Eusebio, Eusebio!". In der 46. Spielminute rechtfertigt Helder Postiga seinen vom portugiesischen Fußballverband verliehenen Beamtenstatus, in dem er nach Flanke von Fabio Coentrao einen leichten Ball zum 1:0 für die Portugiesen verwertet. Die Holländer geraten daraufhin in Panik. Bart van Maarwijk wechselt mit Huntelaar, Kuyt und Luuk de Jong drei Spitzen ein und nimmt drei Verteidiger vom Feld. Rafael van der Vaart kann nur durch ein Großangebot von Ordnern sowie Slavek und Slawko, die plötzlich Eisenstangen aus ihren gigantischen Schädeln ziehen, daran gehindert werden, ebenfalls das Spielfeld zu stürmen. Sogar Mark van Bommel, der im niederländischen Mannschaftsbus gerade die Windschutzscheibe säubert, realisiert, dass es im Stadion jetzt ernst wird. Die taktischen Umstellungen zeigen erstaunlicher Weise Wirkung: die niederländische Defensive wirkt nun souveräner und als in der 61. Minute van Persie im portugiesischen Strafraum zu Fall kommt, gibt es sogar einen Elfmeter für die Niederlande, den Robben
nur knapp an der Cornerfahne vorbeizirkelt. In der 72. Minute verpasst allerdings Portugal die Vorentscheidung, als Raul Meireles den Ball über Stekelenburg hebt und der in rasendem Tempo aus Abseitsposition heran setzende Christiano Ronaldo die Kugel fünf Zentimeter vor der Linie erreicht und in die Maschen knallt. Es bleibt beim 1:0. Nach Spielende verleiht die UEFA Arjen Robben, der darob gerührt eine Träne zerdrückt, feierlich den "Goldenen leeren Kilometer".


17.6.2012, 20.45, Dänemark - Deutschland, Arena Lwiw 


Aufregung kurz vor Spielbeginn, weil Hansi Flick in einem Jagdpanzer auftaucht und ins Publikum winkt. Er meint es aber nicht böse. In der 10. Spielminute muss Mario Gomez vom Platz getragen werden, weil er 32-mal hintereinander von Grundlinie zu Grundlinie gesprintet ist und sich dabei völlig verausgabt hat. Mehmet Scholl sagt, dass es typisch ist, dass sich Gomez schon wieder auf die faule Haut legt. Bedauerlicherweise kann Klose nicht kommen, weil er beim Aufwärmen seinen Torjubel-Salto geprobt und sich dabei den Knöchel verknackst hat. Weil er Cacao nicht mitgenommen hat und Müller auf der rechten Seite vielleicht doch noch einmal gebraucht wird, wechselt Jogi Löw Mario Götze ein. In der 29. Minute schlüpft dieser nach Vorlage von Schweinsteiger durch die Beine von Agger und erzielt das 1:0 für Deutschland. In der 34. Minute wird Nicklas Bendtner des Feldes verwiesen, weil er - anstatt einen Freistoß auszuführen - damit beginnt, die Funktionsweise eines Staubsaugers zu demonstrieren und dabei seine linke Hinterbacke präsentiert, auf der Daniel Agger die Nummer einer Bestellhotline eintätowiert hat. In der Halbzeitpause ordert Dänemarks Trainer Morten Olsen in einem verzweifelten Versuch, den Geist von 1992 zu beschwören, eine Wagenladung Burger mit Pommes und einem Fass Carlsberg-Bier. Dennoch wirkt das dänische Spiel nach der Pause etwas schwerfällig. In der 49. Minute zerreißt Schweinsteiger plötzlich das Trikot auf seiner Brust, wächst auf die doppelte Körpergröße an und reckt die Fäuste in den Nachthimmel von Lwiw. Auf seiner Brust prangt ein schwarz-rot-golden fluoreszierendes "S". Er ist wieder ganz der Alte. Schweinsteiger schnappt sich den Ball und drischt ihn aus 40 Metern in die Maschen - ein Schuss, der auch unhaltbar gewesen wäre, wenn Keeper Andersen gerade kein Verdauungsschläfchen gehalten hätte. Draußen vor dem Stadion demoliert indes Toni Kroos gemeinsam mit Nicklas Bendtner den deutschen Mannschaftsbus, was Jogi Löw nach dem Spiel zu einer löblichen Erwähnung veranlasst ("Das nenne ich Einsatzwillen. Ein gutes Zeichen!"). Nachdem Lukas Podolski auf der linken Außenbahn 85 Minuten lang mit zunehmender Verzweiflung versucht hat, die Fernbedienung seiner Solaranlage in Gang zu bringen, erbarmt sich der Trainer und bringt Schürrle, der in der 88. Minute mit einem prachtvollen Schuss das 3:0 für die DFB-Elf fixiert. Im Viertelfinale wartet in Danzig ausgerechnet Griechenland. Angela Merkel erklärt, dass sie voraussichtlich krank sein wird.

So und nicht anders wird es sein.


Donnerstag, 14. Juni 2012

Pyjama

In Ermangelung von Zeit (es ist EURO, übrigens) ein..jawohl..Katzenfoto. Denn auf Katzen trifft man im Netz ohnehin viel zu selten.



Das ist Pyjama. An einer Rezension von "Moonrise Kingdom" arbeite ich übrigens seit einer Woche. Soll aber in den nächsten Tagen fertig werden. Nur zur Illustration des oben Gesagten.

Dienstag, 12. Juni 2012

Europa-Selektion # 1

Ein ganz subjektives Team der ersten Euro-"Runde".


Buffon (Italien)


Boateng (Deutschland) - Hummels (Deutschland) - De Rossi (Italien) - Fabio Coentrao (Portugal) 


Dzagoev (Russland) - Krohn Dehli (Dänemark) - Iniesta (Spanien) - Karagounis (Griechenland)


Mandzukic (Kroatien) - Schewtschenko (Ukraine)




Ich glaub, da sind drei "Linke" im Mittelfeld. Aber, egal, es muss ja nicht als Mannschaft funktionieren.


Montag, 11. Juni 2012

Glaskugel 2012 # 4

11.6.2012, 18.00 Uhr, Frankreich - England, Donbass Arena, Donetsk


Merkwürdige Anrufe, SMS und Wortmeldungen quälen Englands Trainer Roy Hodgson. "Keiner will für England bei der Euro spielen!" notiert er in seinem kleinen, braunen Notizbuch. Nach unzähligen Ausfällen und Absagen, verkündet kurz vor dem ersten Spiel gegen Frankreich auch noch Steven Gerrard, dass er an der seltenen Erkrankung febris ibizaensis, die Hodgson in seiner Encyclopaedia Britannica aus dem Jahr 1960 beim besten Willen nicht finden kann, leidet. Ashley Cole eröffnet, dass er vergessen hat, seine Goldfische zu füttern und Torhüter Joe Hart hat definitiv das Licht brennen lassen. Allein John Terrys Ausfall erscheint nachvollziehbar, hat er doch leider bei einer Auseinandersetzung mit einem Rudel Kiewer Straßenhunde den Kürzeren gezogen. Auch die Nachnominierungen laufen unglücklich. David Beckham bereitet sich auf einer Beautyfarm auf die Olympischen Spiele vor und Rio Ferdinand hebt einfach nicht ab. Wayne Rooney wiederum weigert sich "wegen einem Spiel gegen die Ukraine" in den Osten Europas zu reisen. Eine aus Dritt- und Viertligaspielern bestehende Notelf geht gegen Frankreich mit 1:7 unter.




11.6.2012, 20.45 Uhr, Ukraine - Schweden, Olympiastadion, Kiew


Nachdem Medien berichtet haben, dass der offizielle EM-Song im benachbarten Weißrussland eingesetzt wird, um Oppositionelle zum Unterzeichnen von Geständnissen zu bewegen und außerdem enthüllt wird, dass die Euro-Maskottchen Slavek und Slavko im Zivilberuf im Auftrag des ukrainischen Präsidenten Demonstrationen auseinander prügeln, gerät Michel Platini wieder unter Zugzwang. Er erklärt nochmals feierlich, dass es bei der Fußballeuropameisterschaft ausschließlich um "Frieden, Völkerverständigung und das Zufriedenstellen von Sponsoren" geht. Das Austragungsland sei nur insofern von Bedeutung, als es durch sündteure Infrastrukturinvestitionen die Basis dafür schaffe, dass die UEFA eine rauschende Party mit traumhaften Sponsoreneinnahmen feiern kann. Politiker wie Janukowitsch seien nur deshalb von Relevanz, weil sie öffentliche Gelder locker machten, um sich dann im Fernsehen zu sehen. Beim Spiel Ukraine - Schweden weigert sich daraufhin Präsident Janukowitsch, neben Platini Platz zu nehmen und setzt sich stattdessen neben Igor, den Blini-Verkäufer. Zlatan Ibrahimovic erwischt einen guten Tag. Er stolziert 87. Minuten relativ gelangweilt am Platz herum, ehe er in der 88. Minute mit einem Auerbachsalto mit drei Schrauben den 1:0-Sieg für Schweden fixiert.

Fortsetzung folgt womöglich, wenn dann allerdings frühestens nächstes Wochenende. Eine Arbeits- und EM-Woche und das Abgeben von Prophezeiungen gehen sich zusammen nicht aus.

Sonntag, 10. Juni 2012

Glaskugel 2012 # 3

10.6.2012, 18.00 Uhr, Spanien - Italien, Arena Gdansk


7. Minute: italienische Verteidiger schlagen sich den Ball in einer lustigen Klamaukeinlage ins eigene Tor. Quote: 1 : 100. 23. Minute: ein italienischer Mittelfeldspieler springt auf die Tribüne und performt zum Gaudium des Publikums den EM-Song. Quote: 1 : 450. 36. Minute: ein italienischer Angreifer läuft alleine auf das spanische Tor zu, bleibt aber dann plötzlich stehen, dreht sich zur Seite weg, zieht ab und trifft den auf der Ehrentribüne neben Michel Platini sitzenden Wiktor Janukowitsch, der sich gerade einen Blini genehmigen will. Quote: 1 : 1.500. 37. Minute: Italiens Coach Cesare Prandelli rennt weinend in die Kabine. Quote: 1 : 50. In der 50., 61. und 75. Minute schießen die Spanier durch Sergio Ramos, Llorente, Iniesta und Torres einen komfortablen Vorsprung heraus. In Minute 83 setzt der eingewechselte Navas den Schlusspunkt. Spanien gegen Italien endet 5:0. Quote: 1 : 35. Ein dank BZÖ in Amt und Würden gelangter Politiker blamiert ÖsterreichQuote: 1 : 1. Für alle Beteiligten gilt die Unschuldsvermutung.



10.6.2012, 20.45 Uhr, Irland - Kroatien, Städtisches Stadion Poznan


Giovanni Trapattoni interpretiert das modische 4-2-3-1 in Irlands Mannschaftsaufstellung auf seine eigene Weise - mit vier Außenverteidigern, vier Innenverteidigern, einem defensiven Mittelfeldspieler und einem defensiven Mittelfeldspieler als hängender Spitze. Allerdings ist Trapattoni persönlich nicht anwesend, da am gleichen Abend die von ihm ebenfalls betreute Nationalmannschaft der Vatikanstadt in Rom gegen eine Auswahl säkularer Journalisten antritt, was eindeutig Priorität genießt. In Posen wird er durch seinen Co-Trainer, ein Weihwasserfass und eine Urne mit den Gebeinen des heiligen San Catenacio vertreten. In der 19. Spielminute schließt der Schiedsrichter, ein Lutheraner, den Bischof von Bibione nach einer knochenbrecherischen Attacke am Enthüllungsjournalisten Gianluca Nuzzi aus. In der 34. Minute rettet der in der Innenverteidigung des Vatikan debütierende Marco Materazzi bei einem gegnerischen Angriff in höchster Not auf der Linie. In der 43. Spielminute wird Kardinalstaatssekretär Bertone im Strafraum gelegt, vermutlich von einem Spieler der eigenen Mannschaft, aber der Schiedsrichter pfeift Elfmeter. Der Gefoulte tritt selber an, findet aber keinen Weg vorbei an Michael Moore. In der zweiten Halbzeit dominiert bei beiden Teams die Ermüdung. Als sich alle Beteiligten schon mit einem 0:0 abgefunden haben, schnappt sich Günther Wallraff, der sich unter dem Namen Joseph Ratzinger undercover in den Vatikan eingeschlichen hat, um über die Geschäft der Vatikanbank zu recherchieren, in Minute 91 den Ball und drischt diesen ins eigene Tor. "Was erlauben Pappa!", schreit Trappattoni vor Wut auf Deutsch, doch es ist zu spät. Irland - Kroatien endet 0:0.


So und nicht anders wird es sein.


Fortsetzung folgt..

Samstag, 9. Juni 2012

Glaskugel 2012 # 2

9.6.2012, 18:00, Niederlande - Dänemark, Metalist-Stadion, Charkiw (Gruppe B)

Im Wissen um die Schwächen im niederländischen Abwehrverbund hat Bert van Marwijk eine Devise ausgegeben: "Kein Däne darf lebend den 16-Meter-Kreis überschreiten!" Mit der Exekution der Order werden nahe liegender Weise Mark van Bommel und Nigel de Jong beauftragt. Nach einem innigen Plausch von Mark van Bommel mit dem Schiedsrichter zu Beginn der Partie zeigt auch dieser viel Verständnis für die holländische Spielauffassung. In der 3. Spielminute kommt es zum ersten Ausschluss - Dänemarks Nicklas Bendtner fliegt wegen Reklamierens vom Platz (Zitat: "Das ist sogar für Holländer unwürdig!"). In der 24. Minute vergibt Arjen Robben einen Elfmeter. In der 29. Minute wird Christian Eriksen, Dänemark, ausgeschlossen, nachdem er beim Versuch, der Faust von Nigel de Jong auszuweichen, einen niederländischen Spieler anrempelt. In Minute 38. erzielen Huntelaar und van Bommel gemeinsam das 1:0 für das Oranje-Team, in dem sie den gegnerische Torhüter mitsamt dem von diesem umklammerten Ball ins Tor werfen. In der 43. Spielminute verschießt Robben einen Elfmeter. Nach der Pause doppeln die Niederlande gegen zunehmend demoralisiert sowie demoliert wirkende Dänen durch van Persie (64.) und erneut Huntelaar (81.) nach. Außerdem setzt Arjen Robben in der 73. Minute einen Strafstoß nur knapp am Tor vorbei. Die niederländische Defensive wiederum lässt gegen letztlich fünf verbliebene Skandinavier nur zwei Gegentreffer zu (Simon Poulsen in der 69. und William Kvist in der 75. Minute) und wird in der heimischen Presse allgemein gelobt. Endstand 4:2 für die Oranjes.


9.6.2012, 20:45, Deutschland - Portugal, Arena Lviv (Gruppe B)


Bereits kurz vor dem Spiel ereilt Jogi Löw eine erste Hiobsbotschaft, als er erfährt, dass Jerome Boateng von einem kurzen Abendspaziergang ins Vergnügungsviertel von Lwiw nicht mehr zurück gekehrt ist. Immerhin deuten die SMS an seine Mitspieler darauf hin, dass es ihm gut geht (Tenor: "GEIL!"). An seiner statt soll nun Lars Bender als rechter Außenverteidiger der Gegenwart von Christiano Ronaldo trotzen, leider hat man aber irrtümlich Sven Bender mitgenommen. Damit nicht genug, macht Löw, der auch bei dieser Europameisterschaft wieder die Deutschen coachen darf, beim Erstellen der Mannschaftsaufstellung die in Folge der letzten EM verabschiedete "lex germania" zu schaffen. Dank Philipp Lahm geht sich die Normerfüllung aber aus. Unglücklich gestaltet sich aus deutscher Sicht dann auch der Einstieg in die Begegnung mit den Portugiesen: Hansi Flick erscheint mit Pickelhaube auf dem Kopf, ohne es böse zu meinen, und Mesut Özil beweist, dass er geistig noch nicht wieder ganz im Nationalteam angekommen ist, als er Christiano Ronaldo in der 17. Minute einen Ball mustergültig in den Lauf spielt, was dieser zum 1:0 für Portugal nutzt. Noch vor dem Pausenpfiff erzielt Philipp Lahm nach einer von ihm selbst getretenen Ecke per Kopf das 1:1 (44.). In der 73. Spielminute begibt sich Bastian Schweinsteiger, der bis dahin still an der Eckfahne gesessen hat, in einen leichten Trab, als er merkt, dass Ronaldo neuerlich durch die deutschen Abwehrreihen bricht, kommt aber leider zu spät. In der 93. Minute gelingt dem eine Minute zuvor für Miroslav Klose eingewechselten Mario Gomez per Kopf noch der rettende Ausgleichstreffer zum 2:2. Die BILD-Zeitung erklärt, dass Deutschland vielleicht doch noch nicht Europameister ist.

So und nicht anders wird es sein. Fortsetzung folgt..

Donnerstag, 7. Juni 2012

Glaskugel 2012 # 1

Habt ihr morgen am Freitag schon etwas vor? Nur für den Fall, dass ihr es noch nicht ganz realisiert haben solltet: Morgen beginnt die Fußball-Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine! Leider schon andere Pläne? Kein Problem. Auf meinem Blog erfahrt ihr alles Wesentliche zu den Spielen dieses Turnieres. Auf dass ihr ordentlich mitreden könnt, ohne euch stundenlanges Gekicke von schlecht eingespielten Mannschaften geben zu müssen, bei denen jeder zweite Stammspieler verletzt und der Rest eigentlich reif für den Charterflug auf die Malediven ist.

Und das Beste, das Sensationelle, das Unglaubliche ist: ihr erfahrt es bereits vor dem eigentlichen Ereignis! Wie bereits 2008 werde ich auch diesmal die Geschehnisse von meinem Keyboard weg prophezeien. Ich habe mich dazu mit führenden Maya-Kalender-Experten, Physik-Nobelpreisträgern, Illuminaten und dem Dalai Lama zusammen getan und eine Prä-Konstruktion der zu erwartenden Partien vorgenommen, die in Punkto Präzision jedes Meerestier alt aussehen lässt.

8.6.2012, 18:00, Polen - Griechenland, Nationalstadion Warschau (Gruppe A)

Eine böse Überraschung erwartet die abertausenden Mitarbeiter von Konzern-PR-Abteilungen und mehreren hundert Angehörigen von Mitgliedern des polnischen Fußballverbands-Präsidiums, die Karten für das Eröffnungsspiel ergattern konnten. Die Baufirmen, die gerade eben das Nationalstadion fertig gestellt haben, vertreten immer noch nachdrücklich den Standpunkt, nicht vollständig bezahlt worden zu sein und haben die Eingangstore mit schweren Eisenketten verhängt. Außerdem sind beide Fußballtore fachgerecht zugemauert und ist der Mittelkreis in eine tiefe Baugrube verwandelt worden, in der nun das Grundwasser steht. Die Spieler der beiden Mannschaften werden auf griechisch (Griechenland) bzw. auf deutsch und französisch (Polen) darüber informiert, dass es einen Geheimgang aus der Besatzungszeit gibt, über den sie das Stadion erreichen können. Dort angekommen, entfaltet sich ein denkwürdiges Fußballmatch, welches sich nämlich ausschließlich im Mittelkreis abspielt. Die wenigen Augenzeugen dieser Partie sind sich jedoch einig, dass sie schon deutlich schwächere Eröffnungsspiele gesehen haben. Unbestrittener Höhepunkt ist das plötzliche Auftauchen einer gigantischen Abrissbirne in der 52. Minute, welcher Robert Lewandowski in letzter Sekunde ausweichen kann. Das Spiel endet 0:0. Die Griechen freuen sich sehr, dass sie anschreiben dürfen.

8.6.2012, 20:00, Russland - Tschechische Republik, Städtisches Stadion Wroclaw (Gruppe A)

Beim Abspielen der russischen Hymne ereilt Wiktor Janukowitsch im Zuge des Public-Viewing in einem Stahlwerk in Dnjepropetrowsk beinahe ein tragisches Schicksal, als er sich vor Ergriffenheit an einem Blini verschluckt. Glücklicherweise ist auch Wladimir Putin anwesend, der ihm mittels des Heimlich-Griffs und anschließender Mund-zu-Mund-Beatmung kurzentschlossen das Leben rettet. Das polnische Publikum in Breslau ist weniger ergriffen und zeigt aus unerfindlichen Gründen Anzeichen, eher mit den Tschechen zu sympathisieren, was es insbesondere durch das Werfen von (schlauerweise) halbvollen Wodkaflaschen und alten Russisch-Wörterbüchern in Richtung der Sbornja kundtut. Diese lässt sich aber nicht bremsen und walzt jeden Widerstand mit gepflegtem Kurzpassspiel, jedoch nicht gänzlich ohne Verluste (nach einem Haarriss in seinem linken Schnürsenkel verlangt Andreij Arschawin in der 36. Spielminute erfolgreich seine Auswechslung) nieder. Als dann Chelsea-Keeper Petr Cech in der 61. Minute auch noch einen für ihn untypischen Aussetzer begeht und einen Distanzschuss von Diniyar Biljaletdinow durch die Lappen gehen lässt, ist das Schicksal der Tschechen besiegelt. In der 83. Minute erzielt Roman Pawljutschenko beim Versuch, einen Querpass zu spielen, sogar noch das 2:0. In der 87. Minute erhält Julia Timoschenko einen Röhrenfernseher mit schwarz-weißem Bild und darf sich die letzten Minuten dieser Begegnung im Fernsehen ansehen.

So und nicht anders wird es sein.

Fortsetzung folgt..

Mittwoch, 6. Juni 2012

Ohren(ge)fälliges: Monatsmeister des Monats Mai 2012

Christian Kjellvander - Transatlantic
Stockholm/Ystad, Schweden
Gewonnene Ränge: + 4

Wenn ich alleine hinaus muss in den kalten Regen, der dieser Tage leider etwas zu häufig vom Himmel fällt, dann bin ich froh, mein Musikabspielgerät dabei zu haben. Unter der Kapuze, die man ja nur tragen kann, wenn es regnet, weil einen sonst die Stadtwache misstrauisch beäugt, entsteht dann ein ganz eigener Raum für die Musik. Man bewegt ihn und sich fort, wie ein Schiff auf dem Meer, und ist doch ganz für sich und zugleich in ihm. Wenn ich in letzter Zeit so in den Wassern versunken dahin gewandelt bin, habe ich oft Christian Kjellvander gehört. Ich meine, gehört habe ich ihn wohl auch oft genug in anderen Zusammenhängen, aber richtig gehört, zumindest die ersten Male, habe ich ihn in diesen Momenten.

Eben wollen ja Wissenschaftler den empirischen Beweis erbracht haben, dass sich der Schwerpunkt der populären Musik in den letzten Jahrzehnten in Richtung Melancholie, Langsamkeit, Schwermut, zumindest Ambivalenz, geneigt hat. So gesehen könnte man sagen, dass Christian Kjellvanders Musik ganz auf der Höhe der Zeit ist. Andererseits wohnt ihr aber auch eine recht konservative Anmutung inne. Die Stücke des Schweden, der einen Teil seiner Jugend in Texas verbracht hat, sind sich ruhig abrollende und gemessen entfaltende Americana-Balladen.

Eine Sehnsucht nach dem Einfachen, Ruhigen, Heilen, Ganzen, die aber wohl ungestillt bleiben muss, ist in den persönlich gefärbten Texten und Kompositionen zu spüren. Dabei verbirgt sich in der oberflächlich so selbstgenügsam scheinenden Welt dieser Balladen eine gute Prise schwedisches Popgespür und in der Stimme Kjellvanders zuweilen der Hauch eines Massen-Radio tauglichen Rocktimbres. Aber nicht zuviel.

Die richtige Musik für regnerische Maitage, sage ich.

Christian Kjellvander - Transatlantic (freier Download)
Christian Kjellvander - Two Souls (auf YouTube)
Christian Kjellvander - Portugal (auf YouTube)


Dienstag, 5. Juni 2012

Lokalkolorit

Ob er sich für Wien auch so etwas zu Recht legt?

 

Nebenbei: "Wrecking Ball" haut mich bisher nicht vom Hocker. Aber ich vorfreue mich natürlich trotzdem.

Samstag, 2. Juni 2012

Meine schönsten Fußballergebnisse aller Zeiten, 5-1

05 Argentinien - Deutschland 0:4, 3.7.2010

Unvergesslich bleibt, nachträglich betrachtet, die Pressekonferenz bei einem Testspiel wenige Monate vor der Weltmeisterschaft in Südafrika.  Diego Maradona, wie er sich weigert, neben Thomas Müller sitzen zu bleiben, weil er nicht weiß, wer das ist. Ein herrliches Beispiel für  Hochmut, die vor dem Fall kommt. Im Viertelfinale der WM war es dann Müller, der nach nicht einmal drei Minuten nach perfekter Hereingabe von Schweinsteiger per Kopf das erste Tor für Deutschland erzielte. Der Anfang vom Ende für die Argentinier und deren präpotenten Coach. Die jungen Deutschen nahmen den südamerikanischen Titelfavoriten rund um Nationalteam-Versager Leo Messi am Fuß des Tafelberges nach allen Regeln der Kunst mit 4:0 auseinander und bescherten Argentinien damit die dritte traumatische Niederlage innerhalb der letzten zwanzig Jahre WM-Geschichte. Und, im Wiener WUK, wo ich das Spiel verfolgte, jubelten nicht nur die Myriaden deutscher StudentInnen. Auch Österreicher ließen sich vernehmen: "Eigentlich sind das ja die Deutschen...aber, wie die da spielen, das begeistert mich!" Wenn das mal keine geringe Leistung ist.

04 Frankreich - Italien 2:1 n. Verl., 2.7.2000

Seit der Weltmeisterschaft 1998 - als die Bleus vor eigenem Publikum den Titel holten - war ich ein Fan der französischen Fußballnationalmannschaft. Sie hob sich merklich von den anderen Equipen ab, erschien sie mir doch nicht wie ein gewöhnliches Team, sondern wie ein bunter Haufen Individualisten, die eine Art Superhelden-Liga gebildet hatten, um die Fußballwelt zu retten. Durch den energetischen Ausbruch der Heim-Weltmeisterschaft mit übermenschlichen Kräften ausgestattet, eilten sie von Sieg zu Sieg. Da war Barthez, der glatzköpfige Zirkusartist im Strafraum, da war der hochaufgeschossene Abwehrlenker Blanc, mit der coolen Aura eines Geheimagenten, der glutäugige Flügelflitzer Bixente Lizarazu (was für ein Name). Dann der drahtige Deschamps, der Unersetzliche, der mit seiner Willenskraft die Mannschaftsteile zusammenhielt, weiters der Furcht einflößende Mittelfeldschrank Desailly, außerdem der kluge Verteidiger Thuram, der abseits des Platzes eine Brille trug und zum politisch engagierten Intellektuellen mutierte. Dann Petit, mit dem wehenden roten Zopf, der angeblich die Werke der Aufklärungsphilosophen studierte und der junge Henry, der wie mit Flügelschuhen über den Platz zog. Und natürlich Zizou. Der große, große Zidane, der aus den Straßen von Marseille eine leidenschaftsvolle Poesie auf die großen Fußballplätze gebracht hat. Kunterbunt wie die Charaktere dieser unwahrscheinlichen Mannschaft war ihre Herkunft: Sie waren Basken, Bretonen, Portugiesen, Spanier, Berber, Ghanaer, Senegalesen, Neukaledonier, Guadeloupianer, Armenier..Und am Ende waren sie Welt- und Europameister. Im Finale der Euro 2000 allerdings waren sie fast schon geschlagen, ehe Wiltord nahezu mit dem Schlusspfiff den Ausgleich gegen Italien erzielte. David Trezeguet machte den Triumph der Blauen nach wunderbare Vorarbeit von Pires (dessen Mutter seine Unterwäsche vor den Spielen mit Weihwasser wusch - noch so ein Typ) mit einem herrlichen Schuss perfekt. Welch eine Freude, welch eine Ekstase. Die französische Nationalmannschaft, das war Ende der Neunziger auch irgendwie die Hoffnung auf eine bessere Welt. Dann jedoch kam der abgehobene Esoteriker Domenech, ihr Stern begann zu sinken und der Traum schlug letztlich hart auf den Boden auf und zerbrach.

03 Manchester United - FC Bayern München 2:1, 26.5.1999

Viele der ganz großen Fußballvereine Europas sind in fragwürdige Hände geraten. Ihre Geschicke werden von russischen Oligarchen, Tyrannen vom arabischen Golf, halbseidenen Medienmogulen oder amerikanischen Investmenthaien bestimmt. Andere "gehören" schlichtweg den Banken oder der Gnade der Steuerzahler. Da sticht der FC Bayern München zweifellos positiv hervor. Unabhängig davon, ob einem das dort handelnde Personal jetzt sympathisch ist oder nicht, muss man doch festhalten: sie haben es geschafft, den Klub aus Bayerns Hauptstadt in der obersten sportlichen Elite zu etablieren, ohne sich auf derartige Weise zu verkaufen und ohne ihre finanziellen Mittel auf gefährliche Art über zu strapazieren. Die (nicht Börsen notierte) FC Bayern München AG, die den Profifußball betreibt, ist immer noch zu 81,8% in Besitz des Fußball-Club Bayern, München e.V., eines ideellen Vereines nach deutschem Recht mit 171.345 Mitgliedern. Dass die Verantwortlichen darauf stolz sind, kann man ihnen nicht verdenken. Wer da noch "arrogant" sagt, hat nicht viel verstanden. Im Jahr 1999 waren solche Zusammenhänge freilich noch nicht so präsent bzw. mir nicht bewusst. Der FC Bayern stand im Champions League-Finale Manchester United gegenüber und die prägenden Figuren bei den Bayern waren damals: Kahn, Matthäus, Basler, Effenberg. Sie schirmten die Münchner gegen in mir allenthalben aufkeimende Ansätze von Sympathie äußerst wirkungsvoll ab. Die Freude über die legendären letzten Minuten des im Camp Nou -Stadions ausgetragenen Finales war darob riesig. Sie wirkte derart stark nach, dass ich schon hier darüber geschrieben habe.

02 Brasilien - Frankreich 0:3, 12.7.1998

Große Spiele werden von großen Spielern entschieden, sagt man. Das ist natürlich eine ob ihrer Schwammigkeit und begrifflichen Unschärfe nur schwer nachprüfbare These. Aber, so ganz unreflektiert denkt man sich: das stimmt schon irgendwie.  Erinnern wir uns zum Beispiel an das gerade erst verflossene Champions League-Finale und Didier Drogba. Bei der Heim-Weltmeisterschaft 1998 wiederum hatte Zinédine Zidane eigentlich - da sind sich die BeobachterInnen relativ einig - bis zum Endspiel im Stade de France in St. Denis gegen Brasilien kein überragendes Turnier gespielt. Oder, sagen wir es so: er hatte die Erwartungen nicht erfüllt. Im Finale jedoch wurde der Mythos Zidane geboren. Mit zwei herrlichen Kopfstößen im Anschluss an Eckbälle legte der aus Algerien stammende Spielgestalter den Grundstein für den Triumph Frankreichs über die Fußballgroßmacht Brasilien. Emmanuel Petit setzte kurz vor Ende den Schlusspunkt unter ein spektakuläres, aber auch überraschend einseitiges Weltmeisterschaftsfinale, das angesichts der Torchancen (Guivarc´h! Petit!) auch 7:2 für die équipe tricolore hätte ausgehen können. Zidane aber gewann in den darauf folgenden Jahren noch viele andere große Spiele und Bewerbe, wobei seine genialen Momente maßgeblichen Anteil hatten. Etwa im Champions League-Finale 2002, wo er dieses Tor fabrizierte, welches Skulpturen von Michelangelo locker das Wasser reichen kann. Bald danach hatte auch ich - obwohl ich Personenkult an sich stark ablehne - ein Zidane-Poster in meinem Zimmer hängen. Auch das WM-Finale 2006 hat Zidane ja dann noch per Kopfstoß entschieden. Allerdings auf etwas andere Weise. Das konnte freilich meiner Verehrung, die am 12.7.1998 ihren Ausgang genommen hatte, keinen Abbruch mehr tun.

01 FC Liverpool - AC Mailand 5:4 nach Elfmeterschießen, 25.5.2005

Es gibt Triumphe, Gefühle, die kann nichts und niemand mehr weg nehmen, nichts mehr schmälern, widerrufen oder ungeschehen machen. Auch nicht ein mieses 0:2 zwei Jahre später im Finale desselben Bewerbes. Aber, zunächst zur Ausgangslage. Wer einmal die Liverpool-Fans an der Anfield Road "You´ll Never Walk Alone" singen gehört und wer andererseits auch tief in Silvio Berlusconis Botox behandeltes Gesicht geblickt hat, der weiß, wem er bei dieser Konstellation die Daumen drückt. Meine zumindest ich. Das Finale der Champions League schien jedoch schon gegen Ende der ersten Halbzeit auf die falsche Seite gefallen, zu Gunsten Milans entschieden zu sein. Denn ehrlich, welche Gewissheit schien eherner als jene, dass sich der AC Mailand eine einmal in einem großen Finale erraffte Führung nicht wieder aus den Händen nehmen ließe? Es galt ja geradezu als die Spielweise der italienischen, insbesondere der Mailänder Mannschaften, nämlich, dass sie aus dem Nichts ein Tor machten, dann den Gegner verzweifelt anrennen und aufspielen ließen, um bei der nächsten Gelegenheit den tödlichen Gegen-Stoß zu setzen. So zumindest das Klischee. Und dann kommt der FC Liverpool und zerschmettert am Rasen des Atatürk-Olympiastadions von Istanbul das Klischee. Angeführt dabei von einem unfassbaren Steven Gerrard, der gefühlt jeden Zweikampf gewann - und ich meine damit nicht bloß jeden, den er geführt hat, sondern jeden Zweikampf - und dessen intensive Gestik nach dem von ihm erzielten 1:3 im Rückblick erscheint, als würde sie das Raum-Zeit-Kontinuum der Fußballwelt verzerren, hin zu jenem sensationellen Turnaround, der dieses Champions League-Finale werden sollte. Aus einem 0:3 zur Halbzeit machten die Roten aus England in einem Atem beraubenden Fußballmatch ein 3:3, retteten sich dann auch dank Glanzparaden ihres Keepers Jerzy Dudek ins Elfmeterschießen und gewannen dieses. Welch ein Drehbuch, welch ein Spiel.

Freitag, 1. Juni 2012

Abgesang

Ach ja, dieses mehr als drei Jahre alte Posting möchte ich hiermit einfach einmal reaktivieren.

Requiescat in LASKem.