Sonntag, 15. Juli 2012

Im Kino # 16: Alison Klayman - Ai Weiwei. Never Sorry

USA 2012

Wahrscheinlich war es der Impuls, sich angesichts einer ungeliebten Finalpaarung wieder vom Fußball ab und den eigentlich wirklich wichtigen Themen zu zuwenden, von denen der Fußball in seiner scheinbaren Bedeutsamkeit so eine angenehme Ablenkung darstellt. Jedenfalls setzte ich mich am Abend des Europameisterschaftsfinales nicht vor einen Fernseher, sondern in den 736 Sitzplätze fassenden Saal des Wiener Gartenbaukinos und sah mir "Ai Weiwei - Never Sorry" an. Wir waren zu viert, meine Begleitung und ich, sowie zwei Herren, die sich irgendwo in den Weiten des Saales nieder gelassen hatten. Eine eigentümlichere Erfahrung als ein EM-Finale.

Passte ja auch irgendwie. Ai Weiwei ist der Mann, der sich mit seiner provokativen Performances und sonstigen Kunstwerken gegen das verordnete Kollektiv und für das individuell-selbstbestimmte Leben und Empfinden positioniert. Dass er damit ganz andere Risiken eingeht und ganz andere Wirkungen entfaltet als wir mit unserer Euro-Absenz (auch, wenn wir uns ein bisschen etwas anhören durften), versteht sich dabei natürlich ganz von selbst. Es wird früh geweckt worden sein, dieses Widerständige in Ai Weiwei. Spätestens wohl, als er realisiert hat, dass sein Vater, der freidenkerische Dichter Ai Quing, seine Existenz in der Verbannung der Provinz fristen muss, weil ihm die chinesische Regierung sein Abweichlertum krumm nimmt. In seiner New Yorker Studentenzeit entdeckte Ai Weiwei dann, was es heißt, selbstbestimmt leben zu dürfen, beschäftigte sich mit Protest und Protestkultur und wurde seinerseits als Künstler entdeckt. Doch, anstatt wie andere chinesische Kunstschaffende der Heimat den Rücken zu kehren und im Ausland Geld zu machen, kehrte er nach Abschluss seiner Studien zurück nach China - aus Loyalität gegenüber seiner Familie und wohl auch seinem Land.

Eine Loyalität, die freilich nicht den Herrschenden gilt. Noch in New York ging er 1989 auf die Straße, um gegen die mörderische Niederschlagung der Studentenproteste zu demonstrieren. Mutig zeigte er auch nach seiner Rückkehr 1993 mit den Mitteln der Kunst auf das Schändliche, Grausame und Wahnwitzige in der Wirtschaftswunderwelt der "Volksrepublik". Berühmt jenes Foto, auf dem sich sein Mittelfinger dem Platz des Himmlischen Friedens entgegen reckt, jenem Ort, den die Machthaber aus der historischen Topographie des Landes getilgt wissen wollen. Auch in Worten griff er das Regime in seiner Kunst immer wieder frontal an, durch die Mehrdeutigkeit der chinesischen Schrift nur milde verschleiert. Die Vorgehensweise eines Hooligans sei das, bemerkt in "Never Sorry" ein Weggefährte, schließlich habe er es doch auf der Gegenseite ebenfalls mit Hooligans zu tun.

Doch nicht nur die Täter des Systems hat der in allen Formen der Kunst beheimatete Ai Weiwei im Blick, genauso die Opfer. In Folge des katastrophalen Erdbebens von Sichuan 2008, das unter anderem zahlreiche schlecht gebaute Schulgebäude in Schutt legte, unterstütze er öffentlich den kritischen Aktivisten Tan Zuoren und durchbrach das amtlich verordnete Schweigen, indem er Freiwillige in die betroffene Provinz schickte, die die Namen der ums Leben gekommenen Schulkinder zusammen trugen. Die zerstörerischen Auswirkungen des von oben diktierten Wandels auf die chinesische Lebens(um)welt  thematisierte Ai Weiwei auch, indem er etwa das Holz abgerissener Tempel für seine Kunstwerke verwendete oder in Performances antike Vasen zerstörte oder mit Markennamen "verzierte".

Die Dokumentation "Ai Weiwei. Never Sorry" der jungen Filmerin Alison Klayman, die Ai Weiwei drei Jahre lang mit der Kamera begleitet hat, fügt zu den aus der intensiven medialen Berichterstattung über den chinesischen Kunststar bekannten Fakten nicht wirklich viel Neues hinzu. Immerhin ermöglicht sie aber eine persönliche Begegnung mit Ai Weiwei. Dabei liegt der Schwerpunkt doch auf dem homo politicus, auf seiner persönlichen Auseinandersetzung mit der Staatsmacht, bei die er all seine Leidenschaft und zugleich sein persönliches Wohlergehen in die Waagschale wirft. Der Prozess der künstlerischen Schaffens erhält vergleichsweise weniger Raum, zumindest erfahren wir, dass Ai Weiwei mittels einer Werkstätte arbeitet, selbst die Ideen entwirft, die dann andere handwerklich umsetzen. "Ai Weiwei. Never Sorry" ist das Porträt eines reichhaltigen Lebensabschnitts dieser markanten Persönlichkeit unserer Zeit, der letztlich mit seiner Inhaftierung wegen angeblicher Steuerdelikte und Freilassung unter drückenden Auflagen endet. Erschütternd der Einschnitt, den dies augenscheinlich für ihn bedeutet. Doch kann man sich nach Ansicht des Filmes kaum vorstellen, dass er seine Widerständigkeit ganz aufgeben wird (mag auch neues Ungemach drohen). Hoffen wir, dass Ai Weiwei auch im folgenden Lebensabschnitt noch viel zu sagen hat - als Künstler wie als Mensch. Notwendig, ja überlebensnotwendig, erscheint hierbei freilich, dass er am Radar der internationalen Öffentlichkeit bleibt. Dokumentationen wie diese tragen dazu bei.     


Meine Bewertung: 3 aus 5 Sternen.

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