Mittwoch, 22. August 2012

Im Kino # 17: Christopher Nolan - The Dark Knight Rises

USA 2012

Er trägt eine Maske. Er lässt die Wall Street erstürmen und initiiert einen Aufstand, infolgedessen die Besitztümer der Reichen geplündert und dieselbigen vor Standgerichte gestellt werden. Bane, so heißt der zentrale Bösewicht und Hauptgegner der Titelfigur Batman (Christian Bale) in "The Dark Knight Rises", bedient sich bei seiner öffentlichen Ansprache zur Mitte des Filmes einer Klassen kämpferischen Rhetorik. Die Maske, die Besetzung der Börse und der Kampf gegen die Eliten - das lässt einen freilich unmittelbar an Anonymous-Masken tragenden "Occupy Wall Street"-Protestierende denken. Ist das beabsichtigt?

Catherine Shoard, Filmkritikerin des linksliberalen Guardian erblickt in die "The Dark Knight Rises" eine kapitalistische, radikal-konservative Vision, die Mitt Romney Freude bereiten dürfte. Banes "Occupy Gotham" - Bewegung ist in ihren Augen als Horde von Anarchisten charakterisiert, die ihren Machthunger notdürftig hinter dem Feigenblatt des Strebens nach sozialer Gerechtigkeit verbergen. Denkt etwa Christopher Nolan, der neben der Regie auch für das Drehbuch mit verantwortlich zeichnet, so über Menschen, die die globale Verteilung der Güter gerechter gestalten wollen? Zunächst soll vorgebracht werden, was gegen diese These spricht.

"Occupy Wall Street" begann im September 2011. Damals lagen die Dreharbeiten zu "The Dark Knight Rises" in den letzten Zügen, die letzte Klappe fiel im November 2011. Es ist kaum vorstellbar, dass es da noch wesentliche Veränderungen am Film oder gar am Drehbuch gegeben hat, die dem Ganzen eine bestimmte Richtung verliehen hätten. Wir können also festhalten, dass Nolan offensichtlich nicht explizit auf "Occupy Wall Street" Bezug nimmt, vielmehr greift er das schon länger in der Luft liegende Thema sozialer Spannungen infolge der Finanzkrise auf.

Dann ist da natürlich Batman selbst, der Antagonist der Aufrührer, der Held der Batman-Trilogie. Die aus dem DC-Comicuniversum übernommene Biographie und Charakterisierung des "dunklen Ritters" engt den Spielraum des Regisseurs naturgemäß ein: Batman ist Bruce Wayne, ein reicher Erbe, Multimillionär, Konzernchef im korrupten, von wohlhabenden Eliten verfilzten Gotham City. Als solcher forscht er - durchaus mit den Idealen von Neoliberalen im Einklang - an erneuerbaren Energien und betätigt sich philanthropisch. Wenn er aber unter die dunkle Maske schlüpft, prügelt er des Nächtens auf die ins Kriminal geratenen Verlierer des Systems und jene, die es zerstören wollen, ein. Das System Gotham mit seinen korrupten Eliten hingegen bleibt weitgehend unangetastet, bildet es doch das Koordinatensystem, in dem sich die Abenteuer des Fledermausmannes abspielen sollen. Batman ist eben nicht V.

Christopher Nolan selbst rechtfertigt sich in diesem Interview gegen die Vorhaltungen einer fragwürdigen politischen Agenda sinngemäß damit, dass er mit "The Dark Knight Rises" einfach eine Geschichte erzählen wollte, die brennende Fragen aufwirft, ohne dabei ein politisches Statement abzugeben. Zugleich habe er auf die Brüche hinweisen wollen, die in der Gesellschaft bestehen und darauf, was diese zur Folge haben können. Liest man das Interview eingehender, gelangt man zu dem Eindruck, dass Nolan die komplexen Themenstellungen, die er in seinen aktuellen Streifen einfließen ließ, nicht wirklich reflektiert hat oder nicht wirklich reflektieren wollte. Dass er sie viel mehr als (Stil-)Mittel betrachtet, Aufmerksamkeit und Atmosphäre zu generieren und den KinogängerInnen Aufregung zu verschaffen.

Und hier liegt aus meiner Sicht das Problem. Grundsätzlich sind die von Nolan angestrebten Ziele für die Zwecke einer Action lastigen Comic-Verfilmung natürlich nicht verwerflich. Jedoch sollte das Mittel nicht darin bestehen, Fragen von höchster aktueller Brisanz und gesellschaftlicher Relevanz in einer rein auf den Effekt schielenden und unreflektierten Weise zu verarbeiten. Natürlich, die Kritiker des Systems dürfen in "The Dark Knight Rises" kurz zu Wort kommen (man denke an das aus dem Trailer berühmte Tänzchen), aber letztlich sind die Grenzen zwischen "guten" Systemerhaltern und finsteren Systemgegnern sehr klar gezogen. Bane (Tom Hardy), der selbst ernannte Revolutionär, ist ein sehr klassischer Bösewicht, brutal, skrupellos und in keinster Weise unserer Sympathie würdig. Die in die Geschichte mehr schlecht als recht hinein gepropfte Catwoman (schauspielerisch toll: Anne Hathaway) soll Ambivalenz zum Ausdruck bringen, ihre Entwicklung im Film untermauert aber letztlich nur die beschriebene Grundtendenz. Schlimmer noch: schon früh offenbart sich, dass die "Occupy"-Schurken um Bane eine versteckte Agenda haben, die mit einer finsteren orientalischen Ideologie zusammen hängt, die Gotham (Amerika) hasst und auf terroristischem Wege zerstören möchte. "The Dark Knight Rises" gerät hier endgültig zur Fantasie von Tea Party-AktivistInnen und rechten RadiomoderatorInnen.

Dass dies mit Christopher Nolans Weltbild wenig zu tun hat, davon kann man ausgehen. Aber die Art und Weise, wie hier in dem Bestreben, Unterhaltung für die Massen zu schaffen, aktuelle politische Fragen mit den thematischen Vorgaben des Batman-Universums verschmolzen werden, ohne die Implikationen zu bedenken bzw. zu scheuen, darf man schon unschön finden.

Dies alles gesagt habend, muss ich einräumen, dass eine andere Lesart des Filmes - wie von Nolan angedeutet - auch möglich ist: dahin gehend, dass ein Festhalten am Status quo gefährlichen Demagogen in die Hände spielt, die sich bestehende Ungleichgewichtslagen zu Nutze machen, um die Macht an sich zu reißen. Freilich macht diese Aussage nur dann wirklich Sinn, wenn erstens die sozialen Verhältnisse, um die es geht, auch dargestellt werden - was außer in den Worten der Feinde des Systems praktisch nicht geschieht - und zweitens auch eine konstruktive Antwort auf diese Herausforderung formuliert wird. Wenn diese alleine in einem dunklen Rächer besteht, der bei Bedarf das Aufbegehren für einmal nieder kartätscht, kann dies in Wahrheit keine sein und die Problematik bleibt bestehen. Mag dies in der reinen Comic-Welt Gothams, dieser eigentümlich zeitlosen Existenz, noch vertretbar sein, weil hier alles beim Alten bleiben muss, darf man es sich in der realen Welt nicht so einfach machen. Und "The Dark Knight Rises" überschreitet die Grenze zur realen Welt ganz unmissverständlich - Gotham City ist hier eindeutig nicht mehr Gotham City, sondern (wieder) New York City.

Im Sinne der Zielsetzungen des Filmes erscheinen die Charaktere als relativ oberflächliche Gestalten, soziale und psychologische Hintergründe bleiben, im Gegensatz zu anderen Bearbeitungen des Stoffes, eher unterbelichtet. Alles, auch die Führung der Charaktere, ist hier darauf ausgerichtet, ein bombastisches Actiondrama abzuliefern, ein in sich greifendes Räderwerk von Handlungssträngen und Figuren zu schaffen und in einer ständigen, packenden Bewegung zu halten. Das gelingt freilich auch ganz ausgezeichnet.

"The Dark Knight Rises" hat Schwächen im Skript und weist problematische Aspekte auf. Aber er ist auch dramaturgisch exzellent inszeniert und wirklich unterhaltsam. Ein filmisches Meisterwerk, wie dies die religiös verehrende Batman-Gemeinde bekundet, ist er für mich freilich nicht.

Meine Bewertung: 3.5 aus 5 Sternen.



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