Dienstag, 27. November 2012

Rückblog 2011 # 12: Die Entscheidung

Normalerweise ist die Reihenfolge so: zuerst werden alle Preise der vorhergehenden Jahresumfragen-Preisauslosung ausgehändigt, dann erst wird wieder ausgelost.

Zwei Preise zur Umfrage 2010 müssen aber noch warten. Zwei PreisträgerInnen waren - aus verständlichen Gründen -  bislang zu beschäftigt für die Entgegennahme (und ich hatte auch nicht wahnsinnig viel Zeit). Das kriegen wir aber auch noch hin.

Jetzt ist aber die Auslosung der Preise für die Beteiligten der Jahresumfrage 2011 an der Reihe. Denn die Jahresumfrage 2012 naht. Logisch, oder?

 

 Gratulation an die GewinnerInnen!

Sonntag, 25. November 2012

Aktuelle Kamera # 1

Die Aktuelle Kamera gibt es schon lange, in unregelmäßigen Abständen poste ich Fotos und platziere sie am Ende dieser Seite. Ab sofort bekommen diese Bilder auch je ein eigenes Blogpost.


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1010 Wien, Uraniastraße/Donaukanal, 23.11.2012


Samstag, 24. November 2012

EUgnoranz

Tonio Borg (nicht verwandt oder verschwägert mit Tennisspielern oder außerirdischen Invasoren) wird Gesundheits- und Verbraucherpolitikkommissar der Europäischen Union. Das Europäische Parlament hat dem von der maltesischen Regierung nominierten Borg am Mittwoch seine Zustimmung erteilt. Nicht, dass er die unbedingt gebraucht hätte. In der Europäischen Union hat nach wie vor nicht das die gesamte europäische Bevölkerung repräsentierende Parlament das Sagen und das letzte Wort, sondern die nur mittelbar demokratisch legitimierten Regierungen, die wiederum bekanntlich gerne so tun, als wäre die EU ein Ding in Brüssel, für das sie nur ganz mittelbar verantwortlich sind. Aber ich schweife ab.

Die Bestellung von Tonio Borg war umstritten. Borg ist selbst für das sehr katholische und konservative Malta ein ausgesprochen konservativer Mensch. Er gilt zwar als Experte für Menschenrechte, sein Normmensch ist dabei aber eher der heterosexuelle, verheiratete, katholische Mann. Borg möchte, dass Abtreibungen genauso strikt verboten sind wie Ehescheidungen und dass Homosexuelle und unverheiratete Paare gar nicht erst auf die Idee kommen, sie könnten ähnliche Rechte beanspruchen wie Normmenschen.

Bei der Abstimmung im EU-Parlament haben 281 Abgeordnete gegen Borg als Kommissar gestimmt, 386   Abgeordnete fanden ihn annehmbar oder wollten womöglich zumindest einen politischen Konflikt vermeiden, 28 enthielten sich (Quelle). Manche eine(r) verwies dabei auch darauf, dass Borgs Ansichten in Hinblick auf das übernommene Ressort ohnehin keine relevante Rolle spielen würden. Zumindest für den sensiblen Gesundheitsbereich ist diese Behauptung aber mit Sicherheit grober Unfug. Gerade hier sind die moralisch-persönlichen Werthaltungen und Überzeugungen eines Politikers von Bedeutung und sollen Gegenstand einer politischen und öffentlichen Debatte sein können.

Immerhin hat das Europäische Parlament einen gewissen Widerstand geleistet, auch wenn der Nominierte letztlich durch die Konservativen, Christdemokraten sowie einige Abgeordnete der Sozialdemokraten durch gewunken wurde. Funktioniert die Europäische Demokratie also? Perspektivwechsel. Stellen wir uns vor, ein Mann mit den Überzeugungen des Tonio Borg würde in einem beliebigen EU-Staat (mit Ausnahme vielleicht von sehr katholisch geprägten Ländern wie eben Malta, Polen oder Irland), zum Gesundheitsminister nominiert. Was würde geschehen? Eine öffentliche Debatte würde losbrechen, die Medien würden sich in Kommentaren gegenseitig überbieten, es würden Initiativen gegründet, Facebookgruppen gegen die Bestellung des Politikers errichtet. Die Zivilgesellschaft würde sich unüberhörbar zu Wort melden und auch gehört werden.

Anders, wenn es um eines der einflussreichsten Ämter Europas geht, eines Kommissars der Europäischen Union. Dann ist uns das, pointiert gesagt, wurscht. Das ist das wahrhaft Erschreckende an der Bestellung von Tonio Borg zum Gesundheits- und Verbraucherpolitikkommissar.

Donnerstag, 22. November 2012

Mailand und Bergamo in Buchstaben A-K

Ende Oktober war ich einige Tage in Mailand. Jetzt gibt es das obligatorische Alphabet.


A wie Ambrosius

Er ruht in einem gläsernen Sarg unter dem Hochaltar der von ihm begründeten und nach ihm benannten Kirche Sant´Ambrogio, unter ihm die Gebeine der von ihm entdeckten (?) Märtyrer Protasius und Gervasius: der heilige Kirchenlehrer Ambrosius, Schutzpatron Mailands. Zeit seines Lebens war er vor allem eines: ein beinharter Machtpolitiker. Einer überzeugenden Rede verdankte er es, dass er im Jahre 374 vom Statthalter zum Bischof von Mailand, damals immerhin Hauptstadt des Weströmischen Reiches, akklamiert wurde. Als die Arianer, die die völlig absurde Idee vertraten, das Gott möglicherweise eine einzige Person und nicht deren drei sei, danach strebten, ihren Glauben leben zu dürfen, mobilisierte er kurzerhand einen wütenden Mob, um auf die weltliche Macht Druck auszuüben. Und, als ein eben solcher Mob in Kallinikon am Euphrat ein Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung veranstaltete und die örtliche Synagoge niederbrannte, setzte er sich erfolgreich dafür ein, dass die Täter nicht bestraft werden. 391 erhob Kaiser Theodosius I.  dann das trinitarische Christentum zur Staatsreligion und verfügte ein Verbot der heidnischen Kulte. Wer hier als Ideengeber fungiert hat, gilt als ausgemacht. Wir haben es beim heiligen Ambrosius also quasi mit einem der Erfinder der religiösen Intoleranz im Christentum zu tun. Da zieht man dann doch lieber eilends vorbei.

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Sant´Ambrogio
B wie Bergamo

Reist man von Mailand durch die Po-Ebene (s. P) nordostwärts, erhebt sich diese nach etwa fünfzig Kilometer jählings und man steht vor der Città Alta von Bergamo, die gleichzeitig die Altstadt von Bergamo ist. Dort hinauf geht es dann per Standseilbahn, per pedes oder Automobil - in unserem Fall per Bus. In den Gassen der Bergamasker Altstadt gibt es alte Bausubstanz aus mehreren Jahrhunderten - darunter ein sehr schöne Basilika, die venezianische Einflüsse nicht verleugnen kann - und ein Aufgebot an Spezialitätenläden, das das Herz jedes Küchenbobos höher schlagen lässt. An schönen, klaren Tagen kann der Gast außerdem von den Zinnen Alt-Bergamos auf die Berge sowie weit in die Poebene blicken. Unser Bergamasker Tag war aber definitiv kein solcher Tag.

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Turmblick aus der Altstadt, Poebenenwärts

C wie Campari

Ein Likör im Sinne der EU-Spirituosenverordung, der durch die Firma Davide Campari, Milano S.p.A. aus über 80 Zutaten gebraut wird und dessen rote Färbung bis 2006 aus weiblichen Schildläusen gewonnen wurde (jetzt nicht mehr). Was sich rentiert haben dürfte. Nur so ist es zu erklären, dass sich die Camparis ihre letzte Ruhestätte am Cimitero Monumentale (s. F) mit einer plastischen Nachbildung des letzen Abendmahles krönen lassen konnten (sie trinken aber keinen Campari, das hat sich der Künstler verkniffen). Außerdem gibt es eingangs der Galleria Vittorio Emmanuele (s. E) ein Denkmal geschütztes Caféhaus, von dem die Reiseführer hartnäckig behaupten, dass dort die Wiege des Campari gestanden haben soll, was irgendwie nicht ganz stimmen kann, weil die in Novara war.

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Das Abendmahl-Grabmal

D wie Duomo

Der Duomo di Santa Maria Nascente ist nach dem Petersdom und der Kathedrale von Sevilla die flächenmäßig größte Kirche der Welt. Der marmorne Riese steht logischerweise auf dem Domplatz, der selbst solche Ausmaße hat, dass der Dom auf den unbefangenen Betrachter zunächst gar nicht so riesig wirkt wie erwartet, sondern einen etwas geduckten Eindruck macht. In jedem Fall bildet er das unverwechselbare und zweifellos faszinierende Zentrum der Stadt Mailand.

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Italienisches Design aus weit entfernten Jahrhunderten: der Dom und der Ferrari-Zug



E wie Einkaufstunnel

Den Domplatz (s. D) und die Scala (s. O) verbindet ein imposantes Bauwerk namens Galleria Vittorio Emanuele II. Es ist von einem mächtigen, gläsernen Gewölbe bedeckt und mit Geschäften, Lokalen und einer Burger King-Filiale angefüllt. Außerdem gibt es ein Hotel, das sieben Sterne, aber keinen sichtbaren Eingang hat, weil hier die Starmodels und Hollywoodstars absteigen, wenn sie in der Stadt arbeiten oder einkaufen müssen. Erwähnenswert sind auch die in der Mitte der Galleria (= italienisch für "Tunnel") im Boden gezeigten Wappen der diversen historischen Hauptstädte Italiens. Sich auf dem Geschlechtsorgan des Bullen von Turin zu drehen, bringt übrigens Glück.

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F wie Friedhof

Die Geldigen von Mailand wären nicht die Geldigen von Mailand, wenn sie sich nicht einen eigenen Friedhof gegönnt hätte. Durch den Cimitero Monumentale wandelt man wie durch einen Skulpturenpark. Es heißt zwar, dass der Tod alle gleich macht, hier wird aber ziemlich intensiv darum gewetteifert, das vergessen zu machen.

G wie Goldenes Karree

Das Goldene Karree ist für die Modezaren das, was für die asiatischen Drogenbarone das Goldene Dreieck ist: die Bastion ihrer Macht. Ein Flagshipstore reiht sich hier an den nächsten, in goldenen Lettern prangen die Namen der Fashionisten von den Gebäuden der Via Montenapoleone. Auf den Straßen laufen inmitten der Touristen Außerirdische herum, die sich menschliche Gesichter zwischen ihre exorbitanten Kleidungshüllen gesteckt haben. Mit der Regenpellerine aus zirka 1995 kommt man sich komisch vor.

H wie Hilfsbereitschaft

Man kennt das ja: fragt man irgend wo auf der Welt irgend welche ProvinzbewohnerInnen nach den Menschen, die da die großen, wohlhabenden Städte bewohnen, antworten diese gerne unisono: hochnäsig sind die, verschlossen, hartherzig! Mailand ist nun zwar nicht die offizielle Hauptstadt Italiens, aber doch irgendwie die inoffizielle. Das Geld, die wirtschaftliche Macht des Stiefels sind da zuhause. Da könnte man annehmen, die Milanesen hätten eine schlechte Nachrede. Weit gefehlt, dieser als geschäftig und fleißig geltende Schlag hat auch den Ruf, hilfsbereit zu sein und sich gerne ehrenamtlich zu engagieren. Nehmen wir nun den Taxifahrer, der uns vom Flughafen Malpensa (über 40 Kilometer von Mailand entfernt) in die Stadt chauffiert hat und dem wir ausgeliefert waren, da wir vor Mitternacht bei unserem Appartement anzukommen hatten. Die Ankunft bei unserer Bleibe prognostizierte er in ungefähr 90 Euro. Und, er hielt sein Versprechen auf eindrucksvolle Weise, indem er in eiligem Tempo und mittels permanentem Umspuren über die Autobahn düste, obwohl seine Aufmerksamkeit offenkundig eher seinem Smartphone und der Radioübertragung der sich entwickelnden Champions League-Pleite des AC Milan zu gelten schien. Er schaffte es dabei noch, mit uns Konversation zu führen, die hauptsächlich darin bestand, dass er betonte, wie wunderschön doch Wien und wie hässlich dagegen Mailand sei. Am Ziel angekommen, sorgte er sich rührend darum, ob unsere Unterkunft, die zunächst gar nicht danach aussah, tatsächlich eine seriöse Unterkunft sei und wartete, bis wir uns da ganz sicher waren. Quod erat demonstrandum.

I wie Illuminismo

Er gehört zu den bedeutendsten Menschen der Geistesgeschichte, die kaum jemand kennt: der Marchese de Beccaria-Bonesana (1738-1794). Der aus der Mailänder Aristokratie stammende Rechtsphilosoph, Ökonom und Aufklärer (Illuminismo = italienisch für Aufklärung) gelangte von den Prinzipien der Vernunft und des Utilitarismus ausgehend zu folgenden Überzeugungen: Strafen sollen nicht dazu dienen, Vergeltung zu üben, sondern sind dazu da, Verbrechen zu verhindern. Ihre Wirkung hängt dabei nicht von ihrer Schwere ab, sondern von der Wahrscheinlichkeit ihres Eintritts. Strafen sollen verhältnismäßig sein. Die Todesstrafe ist Unrecht. Folter ist Unrecht. Diese Thesen des Mailänder Marchese waren teilweise scharfer Kritik ausgesetzt, vor allem von Seiten deutscher Intellektueller wie Haller, Goethe, Mendelssohn und Kant, die sich mehr oder minder geschlossenen für die Todesstrafe und ein dementsprechend scharfes Strafrecht aussprachen. Doch sie überlebten und fielen auf fruchtbaren Boden - in der Toskana, wo Großherzog Leopold im Jahr 1786 als erster Fürst überhaupt mit Todesstrafe und Folter Schluss machte. Und später auch anderswo.

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Skulptur in der Pinacoteca di Brera (s. N)

J wie Justiz

Die Mühlen, sie mahlen manchmal langsam. Vor allem, wenn einer mutwillig immer wieder Sand in das Räderwerk hineinstreut und versucht, es zurück zu drehen. Aber, irgendwann erwischen sie sie dann zuweilen doch, die ganz schlimmen Buben. Während wir in Mailand waren, blickte uns plötzlich ein blasser Mann aus dem Fernsehgerät entgegen, der ebenfalls in Mailand weilte. Silvio sprach mit gebrochener Stimmer von "Barbarei" und "Verschwörung" und "Ungerechtigkeit". Und, die Textzeilen der Mediaset-Sender versuchten verzweifelt, die Botschaft aufs Neue immer wieder hinauszuwerfen. Sing Sing statt Bunga Bunga?

K wie Kastell

Das Castello Sforzesco erreicht man, wenn man vom Duomo (s. D) die Via Dante entlang geht. Die Festungsanlage wurde ab 1450 von der die Stadt beherrschenden Familie der Sforza erbaut und war in seiner bewegten Geschichte vielen Veränderungen und Eroberungen unterworfen. Glaubt man unserer Führerin, die uns mittels "Grand Tour di Milano" einen halben Tag durch die Stadt geleitet hat, ist sie jedoch nicht mehr viel mehr als eine leere Hülle, weil die Franzosen, die Spanier und die Österreicher alles mitgehen haben lassen, was nicht niet- und nagelfest war ("Don´t expect to find anything valuable, eh!? They took it all away.."). Nur eine Michelangelo-Skulptur gebe es noch, aber die könne man sich auch genauso gut auf dem Foto vor dem Museum anschauen, denn sie ist sowieso nur halb fertig!

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Fortsetzung folgt..

Quellen: Wikipedia


Dienstag, 20. November 2012

Musikvideo des Monats Oktober 2012

Was passiert, wenn Weihnachten, die Zombie-Apokalypse und der Singer-Songwriter Sufjan Stevens zusammen fallen? Grauenhaftes, schön untermalt.




Den Rest des Jahres dann nur mehr nette Musikvideos des Monats. Versprochen.

Sonntag, 18. November 2012

Ohren(ge)fälliges: Monatsmeister des Monats Oktober 2012

Ugly Custard - Custard´s Last Stand

London, England
Gewonnene Ränge: + 8

Okay, heute wird es etwas obskur. Tippt man "Ugly Custard" in den großen Such-Kraken ein, sind die Informationen, auf die man stößt, eher spärlich. Einen Wikipedia-Artikel dazu gibt es nicht, auf last.fm und allmusic.com findet wir die Band dann doch, samt Hinweis auf ein von ihr veröffentlichtes Album. Eine echte Bandbiographie sucht der neugierige Musikfreund allerdings vergebens.

Etwas mehr scheinen die Leute von Strut Records zu wissen. Die haben anlässlich des Record Store Day 2012 das einzige Album von Ugly Custard neu herausgebracht. "Ugly Custard" ist erstmals 1971 erschienen und nun, 31 Jahre später, in einer Auflage von gerade einmal 1000 Exemplaren aus der Versenkung gehoben worden (einen Reissue gab es bereits 2005 durch ein spanisches Label). Strut Records aus London haben sich ein gewisses Renommee als Schatzgräber der Musikgeschichte erworben. Als Label, das Halbvergessenes in die Gegenwart hievt, Künstler und Musiklabels der Vergangenheit in Erinnerung ruft und würdigt, aber auch zeitgenössische Musiker mit ihren alten Helden zusammen bringt. Eine Besonderheit dabei ist, dass sich Strut nicht auf bestimmte Weltregionen und Musikstile festlegt, sondern einen globalen und vielfältigen Zugang pflegt. Dadurch ist Strut immer für die spannende Entdeckung ungehörter Sounds und Grooves gut.

Wie eben auch jener von Ugly Custard. Um 1971 war es, als sich laut gängiger Rock-Geschichtsschreibung aus der Psychedelischen Ära der späten Sechziger neue Musikstile wie der Progressive Rock, der Hard Rock oder auch der Funk Rock herauszuschälen begannen. Ugly Custard stehen in gewisser Weise für diese Phase des Übergangs. Auf dem spaßig betitelten Instrumentaltrack "Custard´s Last Stand", dem aktuellen Monatsmeister, hören wir einen psychedelisch gefärbten Track, der die Schwere von Hard Rock mit einem knackig-funkigen Groove verbinde und ein markante elektronische Orgel beinhaltet. Die Musiker am Werk sind alles andere Laien, sondern sehr respektable Sessionmusiker, darunter der legendäre Schlagzeuger Clem Cattini oder der Gitarrist Alan Parker. Ugly Custard war ein sehr kurzlebiges Musikprojekt, mehr als jenes eine Album ist der Nachwelt nicht geblieben. Sicherlich der Hauptgrund, warum wir keine Bandbiographie finden können. Ein Wikipedia-Artikel wird sich aber vielleicht eines Tages doch noch ausgehen.

Ugly Custard - Custard´s Last Stand (YouTube)
Ugly Custard - Custard´s Last Stand (freier Download im Rahmen eines freien Strut Samplers)

Donnerstag, 15. November 2012

Selektionsdruck

Tag für Tag das Einserkastl einer Anspruch habenden Tageszeitung zu füllen, stelle ich mir schwierig vor. Selbst, wenn sich eine/r da mit ein, zwei KollegInnen abwechselt, bedeutet, dass doch sicherlich, dass sie/er  oft genug noch kurz vor Blattschluss ratlos davor sitzt und nachgrübelt, welch aktueller wie origineller Kommentar da jetzt Gestalt annehmen soll.

Das merkt man manchmal auch dem Geschriebenen an. Sicherlich, es gibt Naturtalente, wie im Fall meiner täglichen Zeitung den rau. Nicht, dass man immer mit ihm einer Meinung sein muss (nein, bitte, Albert, du musst den Feed jetzt nicht abbestellen), aber schnell aus den Fingern gesogen liest sich das nicht.

Den Kommentar von guha vom gestrigen 14.11.2012 möchte ich aber dann doch ganz gerne unter der Kategorie "Arbeitsunfall" ablegen. In jenem Fall handelt es sich ja auch um eine der besten und renommiertesten MitarbeiterInnen des Blattes, aber "Der Kollaps der Auslese" macht mich einigermaßen betroffen.

In dem Beitrag geht es um einen Stanford-Professor namens Gerald Crabtree, der eine Theorie vertritt, die er selbst als unbewiesen bezeichnet. Die Theorie: Weil wir in der modernen Welt nicht mehr tagtäglich vor Höhlenbären auf der Flucht sind und folglich um unser Leben rennen müssen, überleben heutzutage auch jene, die weniger fähig sind und pflanzen sich demzufolge auch fort. Die Schwächung dieser natürlichen Auslese führt dazu, dass die Welt immer mehr verdummt. Der guha-Kommentar schließt mit dem launigen Zitat aus der Studie, wonach ein Wall-Street-Manager, der früher aufgefressen worden wäre, heute einen fetten Bonus bekommt. Haha.

Dazu muss man folgendes sagen: Ja, über wissenschaftliche Theorien darf diskutiert werden, Tabus sind nicht angebracht. Aber, es soll auch festgehalten werden: die Theorie des Stanford-Professors ist alles andere als neu. Sie enthält den in einen neuen Schlauch gefüllten Grundgedanken einer einstigen Denkdisziplin namens Eugenik: das moderne Leben und der darin gegebene (und geförderte) Schutz der Schwachen führe zu einer Degeneration des menschlichen Erbguts.

Dieser Gedanke war ein maßgebliches geistiges Fundament für mindestens einen Weltkrieg, Völkermorde, "Euthanasie"-Programme, die Ausgrenzung von geistig und körperlich Behinderten und Zwangssterilisationen.

Das, sehr geschätzte Frau guha, eignet sich meines Erachtens nicht für ein unkritisches und lustig gemeintes "Einserkastl".

Dienstag, 13. November 2012

In Concert # 33: Thomas Belhom / Tindersticks, 12.11.2012, Posthof, Linz

Thomas Belhom ist Franzose und Musiker. Belhom hat einen ausgeprägten Hang zum Nomadentum, weswegen es ihn unter anderem auch nach Arizona verschlagen hat. Dort ist er hängen geblieben, nicht in geographischer, aber in musikalischer Hinsicht. Belhoms Musik kann man sich etwa so vorstellen wie Calexico in jenen Momenten, in denen sie französisch singen (lassen), gemischt mit jenen, in denen sie nach Filmsoundtrack klingen. Neben Calexico hat Thomas Belhom in der Vergangenheit auch mit den Tindersticks zusammen gearbeitet, was erklärt, warum er gestern im Posthof für diese eröffnet hat.

Die Bühne des Großen Saales (Sitzplätze, sehr gut gefüllt) bespielte er im Alleingang, umgeben von einer Schar von Musikinstrumenten. Der Löwenanteil seines Klangs kam vom Band, zu dem er dann mit recht müder Miene die um ihn herum platzierten Instrumente der verschiedensten Gattungen betätigte. Das wirkte über weite Strecken nachgerade willkürlich, ja gleichgültig, auch wenn es möglicherweise doch einem ausgefeilten Ablauf geschuldet war. Dergestalt erhob sich also ein atmosphärischer Americana-Sound: der Wind pfiff über die staubigen Ebenen des nordamerikanischen Südwestens, Züge dampften einsam durch die Nacht, aus der Ferne vernahmen wir den metallischen Schlag von Minen- oder Eisenbahnarbeitern. Reizvoll zweifellos, auch die so beiläufig scheinenden Interventionen des Künstlers hatten etwas. Aber der mürrische Habitus, der hier eine gute halbe Stunde zur Schau getragen wurde, wirkte in diesem Kontext - Franzose hin oder her (Entschuldigung, Stereotyp!) - doch etwas befremdlich. Zweifellos auch auf eine gewisse Weise charmant, das Ganze. Aber, geht man deswegen beim nächsten Mal wieder hin?


Zu den Tindersticks geht man wieder hin. Zumindest für mich kann ich da sprechen. 2010 war es, als ich erstmals bei einem Liveauftritt der Band dabei war. Diesen Gig habe ich selbst zum zweit schönsten der von mir rezensierten Konzerte gewählt.

Einiges hat sich seit damals verändert. Stuart Staples, der Frontmann und Sänger, trägt jetzt einen Schnauzbart. Und, ja, die Streicher sind weg - komplett gestrichen. Geblieben ist der wunderbare Kammer-Pop der sechs Mann hoch angetretenen Tindersticks: ein grandioser Wohlklang, zusammen gesetzt aus verschiedensten musikalischen Nuancen und einer wechselnden Instrumentierung, die den Bandmitgliedern einiges abverlangt - vor allem auch Vielseitigkeit. Vielleicht ist das nun weniger Kontinuum, weniger sphärisch als vor zwei Jahren, aber um nichts weniger schön.

Das ist eine Musik, die einem in ihren ganz großen Augenblicken eine Gänsehaut aufziehen kann, wie ich es noch selten erlebt habe. Sicher, die etwas langatmigeren Passagen sind auch noch da, aber sie halten nicht allzu lange an, den nahezu jeder Tindersticks-Song hat die eingebaute Garantie, das er sich zu einer Klimax hinbewegt und schließlich - zuweilen effektvoll unterstützt durch das Bühnenlicht - einen strahlenden Höhepunkt erreicht. Wann und auf welche Weise dieser Gipfel erreicht wird, bleibt zunächst freilich das in jedem einzelnen Stück verkapselte, verführerische Geheimnis.

 Die Stücke nehmen ihren Ausgang dabei, angetrieben von den souveränen Leistungen der einzelnen Musiker (der Schlagzeuger!), in unterschiedlichsten Genres und Rhythmen. Ich habe an diesem Abend Soul gehört, ebenso wie Barjazz, Americana, Düsterfolk, Lateinamerikanisches, sogar New Wave oder Disco. Und doch war es am Ende immer eine Tindersticks-Nummer - unverkennbar und groß. Maßgeblichen Anteil am Wiedererkennungswert hat natürlich auch die überaus eigenwillige Singstimme von Stuart Staples, die irgenwie gleichzeitig einem Trinker und einem Cherubim zu gehören scheint und von einer dramatisch-schönen Inbrunst durchdrungen ist.

Die Tindersticks sind womöglich die erste Liveband, bei der ich nun schon zum zweiten Mal sage: Da muss ich wieder hin.


Sonntag, 11. November 2012

Anstatt eines Alphabets

Ein Gastbeitrag von Sarah.

Der beste Mann der Welt war in Mailand, und daher will er auf diesem, seinem Blog einen Bericht darüber verfassen.

Wie immer wählt er dazu die ebenso originelle wie beliebte Form seines Städte- ABCs. Leider halten ihn diverse Umstände (die auch ich mitverschulde) ab, diesem ABC die notwendige Zeit zu widmen..daher braucht er einen Aufschub, um in gewohnter Qualität seinen Blogeintrag zu vervollständigen.
Und damit das Blog in der Zeit nicht verwaist, beschreibe halt einfach ich, wie ich denke, dass sein Urlaub war.

Wie Sarah glaubt, dass der Winzer und seine fröhlichen Freunde Wolfi und Florian ihre Zeit in der wunderschönen Stadt Mailand verbracht haben.

Viel zu früh und überpünktlich trafen sich die Drei am Flughafen Wien- Schwechat, wo sie ihr Wiedersehensritual abgehalten haben: sich erstmals in gewohnt sarkastischer Weise über irgendwelche halbwegs tagesaktuellen Ereignisse lustig zu machen.
Dann flogen sie nach Mailand. Trotz des typisch männlichen Problems (ja, ein bissi Vorurteile müssen sein) sich in ungewohnten Umgebungen zwischen vielen Leuten nur schwer zurecht zu finden, schafften sie es vom Flughafen in ihr Quartier, letztendlich wesentlich problemfreier, als es der Winzer befürchtet hat.

Während sie in Mailand waren, haben sie sich natürlich viel angeschaut. Weil alle Drei so furchtbar höflich sind, klug außerdem (ja, sind sie, kann man nicht bestreiten) haben sie sich alle wichtigen, „wertvollen“ Sehenswürdigkeiten angesehen, schon alleine, um gegenüber den jeweils anderen nicht zugeben zu müssen, dass das X-te Museum vielleicht nicht so spannend ist. Aber letztendlich war doch alles irgendwie spannend. Den Fotos nach zu urteilen, sind sie auch sehr gerne im Kreis gegangen.
Ja, dann waren sie auch noch irgendwo außerhalb (den Ort hab ich vergessen, die Fotos waren sehr schön) und bei einem Fußballspiel, zu dem sie zu spät gekommen sind, wegen irgendeiner lustigen Begebenheit, die ich mir auch nicht gemerkt habe. Aber obwohl es allen drei unter normalen Umständen fürchterlich unangenehm wäre, irgendwohin zu spät zu kommen, hat sie dieser Vorfall eher amüsiert. Dem Fußballspiel haben sie sicher mit angemessener Ernsthaftigkeit beigewohnt. Zumindest streckenweise.

Irgendwann waren sie vermutlich auch nett essen, auch wenn sie die Abende hauptsächlich im Quartier zugebracht haben und sich über das italienische Fernsehen lustig gemacht haben.

Am letzten Tag waren sie wieder zu früh am Flughafen, und hier kann ich wieder was beisteuern, was ich mit Sicherheit weiß: Ihr Flieger war überbucht. Nur noch ein Platzt frei! Den Platz bekam Wolfi, und die anderen beiden flogen zwei Stunden später. Und zwar genau die Strecke, die im beigefügten Bild aufgezeichnet wurde, weil die besorgte Freundin des Winzers, wann immer er fliegt, irrationale Ängste entwickelt, die sie dazu zwingen, andauernd Flugdaten zu kontrollieren. Dabei ist Fliegen doch viel sicherer als alles andere. Komische Sarah.

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www.openstreetmap.org

Montag, 5. November 2012

In Concert # 32: Young Magic / Destroyed But Not Defeated / Shy / The Pains Of Being Pure At Heart (Ahoi! Pop-Festival), 1.11.2012, Posthof, Linz

Ganz ohne einschlägiges Vorwissen zu einem Konzert zu gehen, kann auch seinen Reiz haben. Mit keiner der vier Bands, die am Donnerstagabend im Posthof im Rahmen des "Ahoi! Pop"-Festivals aufgetreten sind, habe ich mich vorher intensiver beschäftigt, kaum mehr als einzelne Songs habe ich von ihnen bislang gehört. Zumindest bei zwei derselbigen mag dies ein wenig verwundern. Shy sind aus Linz und hier wohlbekannt und The Pains of Being Pure at Heart werden schon einige Jahre in der Welt der Musikblogs und der Indie-Musikpresse hoch gehandelt.

Aber der Reihe nach.

Den Anfang machten am Donnerstag Young Magic, ein Act, der mir selbst dem Namen nach noch nicht bekannt war. Was aber auch daran liegen mag, dass es eine derartige Inflation von Bandnamen mit dem darin enthaltenen Wort "Young" gibt, das man schon einmal den Überblick verlieren kann. Young Magic kommen aus Brooklyn, sind aber eine Indonesierin und zwei Australier. Sie sind weit gereist und ihr Sound repräsentiert ein Amalgam der rund um den Globus gewonnenen Eindrücke und Einflüsse. Die beiden Australier hämmern mit großen Klöppeln, die etwas an weniger glückliche Momente im Musikunterricht erinnern, auf diverse Schlagunterlagen ein, während die mit einem breiten, schwarzen Hut angetane Frontfrau die Gitarre betätigt und auch singt. Getragen wird das Ganze von einem schwebend-ätherischen, elektronischen Dream Pop-Sound, der in spannungsvollem Gegensatz zu den geradezu tribalistisch anmutenden Rhythmen der Schlagwerker steht. Mag es Young Magic dabei womöglich noch etwas an der letzten Dringlichkeit und Reife mangeln, so weckt ihre Musik doch Interesse. Davon in Zukunft gerne mehr.

Young Magic - Sparkly (Youtube)


Auf Young Magic folgte die erste von zwei österreichischen Bands: Destroyed but Not Defeated. Die neu formierte Truppe versucht sich an einer sehr straighten Version von (Indie?)Rockmusik, die allerdings an jenem Abend beim Publikum im Linzer Posthof auf wenig Begeisterung stieß. Gelangweiltes Warten auf Shy. Meine Begleitung meinte gar, der Livesound der Band klinge wie die Ramones, nur viel zu langsam gespielt. Leider wahr: Ramones auf Ritalin, für mein Empfinden. Das für die Zukunft bitte überdenken.

Destroyed but Not Defeated - Lost in Translation (Youtube)


Um Shy rankten sich ja schon Auflösungsgerüchte, aber sie sind immer noch da und haben jetzt sogar ein neues Album im Gepäck. Am Donnerstagabend wurde den Linzern mindestens soviel Aufmerksamkeit zuteil wie dem im Programmablauf zuletzt (und damit laut Konzertkonvention eigentlich zuerst) gereihten Act. Und das durchaus mit Recht. Shy verkörpern so etwas wie die ganz normale Popband von nebenan. Nicht nur deshalb, weil sie das de facto sind (zwei Bandmitglieder kennt man als Mitarbeiter eines beliebten Linzer Lokales), sondern auch von der Attitüde her. Sympathisch und entspannt treten Shy auf der Bühne auf, so als könnten wir das auch - uns in einem guten Moment einfach da hinstellen und den Saal unterhalten (was natürlich nicht der Fall ist). Unaufgeregte und dennoch souveräne Popmusik liefert die Band dabei ab. Der Sänger macht Tanzbewegungen, die den großen Gestus nur ganz rudimentär andeuten - und dennoch wirkt auch das nicht peinlich, sondern stimmig. Das Shy dem Vernehmen nach einst einen Vertrag bei einem großen Label abgelehnt haben, passt ins Bild. Und trotz (oder wegen?) der sozusagen semi-professionellen Herangehensweise wirkt die Band nach langen Jahren des Bestehens nicht ausgebrannt - im Gegenteil, das gegebene Material vom neuen Album klingt frisch und wie ein zeitgemäßes Update des Bandklangs. Dazu trägt auch die Hereinnahme eines neuen Bandmitglieds bei, das sein elektronisches Handwerks- und Spielzeug mitgebracht hat. Genau da bitte weitermachen.

Shy - April, Mai, Juni (Youtube)


Wenn man nach langer Enthaltsamkeit wieder einmal ein paar Biere trinkt (vor allem auch, weil man darauf eingeladen worden ist), wirkt sich das auf die Wahrnehmung aus. Insoferne war ich bei The Pains of Being Pure at Heart nicht mehr ganz so konzentriert, wie bei den Auftritten davor. Aber, das machte nichts. Denn The Pains of Being Pure at Heart hüllten mich ohnehin ein in den schwelgerisch dahinfließenden Strom ihrer Gitarren getragenen Klangwolke. Die Unterscheidbarkeit der einzelnen Stücke hielt sich für mich dabei in Grenzen. Aber ihr Auftritt funktionierte wie ein großer, intensiver Soundtrack, ein tönender Wohlklang, in dem sich der Rest des Abends auf angenehme Weise verlor. Das dies auch dem restlichen Publikum so ging, konnte man sehen - der Große Saal des Posthof füllte sich nach einem größeren Exodus nach Ende des Shy-Auftritts beharrlich wieder auf. Die gut gemachte Kombination aus der Gefühligkeit von Shoegaze-Pop und der Zügigkeit von Indie Rock vermochte die LinzerInnen durchaus in ihren Bann zu schlagen. Damit darf ich mich dann auch gerne einmal im ganz aufmerksamen Zustand beschäftigen.

The Pains of Being Pure at Heart - Even in Dreams (YouTube)

Freitag, 2. November 2012

Wir ersuchen um Ihre Aufmerksamkeit

Letzte Woche bin ich nach Mailand geflogen und einige Tage später wieder zurück. Natürlich gehören die Sicherheitsanweisungen zur Routine jedes Fluges. Aber, inbesondere auf Kurzstreckenflügen werden sie mittlerweile vom Gros der Fluggästen routinemäßig ignoriert.

Da macht es durchaus Sinn, dass Fluglinien darüber nachdenken, wie sie die Instruktionen unterhaltsamer gestalten können. Die Air New Zealand befindet sich hier in einer Vorreiterrolle und hat schon mehrmals einfallsreiche Videos produziert. Diese Videos dienen freilich nicht nur dazu, die Aufmerksamkeit der Passagiere in Sicherheitsfragen zu gewährleisten, sondern fungieren gleichzeitig auch als Werbevideos für das Unternehmen und virales Marketing-Instrument. Schlau.

Kritiker könnten jetzt einwenden, dass dies kein gebührender Umgang mit dem ernsten Thema der Flugsicherheit sei und vom Wesentlichen ablenke. Ich denke das eigentlich nicht. Denn, der wichtigste Grundsatz, die Grundlage jeder Wissensvermittlung ist es doch, die Aufmerksamkeit des Empfängers zu erlangen und diese dann möglichst lange aufrecht zu erhalten. Das gelingt dem folgenden Video auf jeden Fall.