Donnerstag, 15. November 2012

Selektionsdruck

Tag für Tag das Einserkastl einer Anspruch habenden Tageszeitung zu füllen, stelle ich mir schwierig vor. Selbst, wenn sich eine/r da mit ein, zwei KollegInnen abwechselt, bedeutet, dass doch sicherlich, dass sie/er  oft genug noch kurz vor Blattschluss ratlos davor sitzt und nachgrübelt, welch aktueller wie origineller Kommentar da jetzt Gestalt annehmen soll.

Das merkt man manchmal auch dem Geschriebenen an. Sicherlich, es gibt Naturtalente, wie im Fall meiner täglichen Zeitung den rau. Nicht, dass man immer mit ihm einer Meinung sein muss (nein, bitte, Albert, du musst den Feed jetzt nicht abbestellen), aber schnell aus den Fingern gesogen liest sich das nicht.

Den Kommentar von guha vom gestrigen 14.11.2012 möchte ich aber dann doch ganz gerne unter der Kategorie "Arbeitsunfall" ablegen. In jenem Fall handelt es sich ja auch um eine der besten und renommiertesten MitarbeiterInnen des Blattes, aber "Der Kollaps der Auslese" macht mich einigermaßen betroffen.

In dem Beitrag geht es um einen Stanford-Professor namens Gerald Crabtree, der eine Theorie vertritt, die er selbst als unbewiesen bezeichnet. Die Theorie: Weil wir in der modernen Welt nicht mehr tagtäglich vor Höhlenbären auf der Flucht sind und folglich um unser Leben rennen müssen, überleben heutzutage auch jene, die weniger fähig sind und pflanzen sich demzufolge auch fort. Die Schwächung dieser natürlichen Auslese führt dazu, dass die Welt immer mehr verdummt. Der guha-Kommentar schließt mit dem launigen Zitat aus der Studie, wonach ein Wall-Street-Manager, der früher aufgefressen worden wäre, heute einen fetten Bonus bekommt. Haha.

Dazu muss man folgendes sagen: Ja, über wissenschaftliche Theorien darf diskutiert werden, Tabus sind nicht angebracht. Aber, es soll auch festgehalten werden: die Theorie des Stanford-Professors ist alles andere als neu. Sie enthält den in einen neuen Schlauch gefüllten Grundgedanken einer einstigen Denkdisziplin namens Eugenik: das moderne Leben und der darin gegebene (und geförderte) Schutz der Schwachen führe zu einer Degeneration des menschlichen Erbguts.

Dieser Gedanke war ein maßgebliches geistiges Fundament für mindestens einen Weltkrieg, Völkermorde, "Euthanasie"-Programme, die Ausgrenzung von geistig und körperlich Behinderten und Zwangssterilisationen.

Das, sehr geschätzte Frau guha, eignet sich meines Erachtens nicht für ein unkritisches und lustig gemeintes "Einserkastl".

1 Kommentar:

Finette hat gesagt…

Danke für diesen Kommentar! Auch wir in der Hüttergasse fanden diese guha-Entgleisung (die ja sonst oft recht humorig-kritisch ist) ärgerlich. Es ließe sich auch wissenschaftlich widerlegen. Du hast jedoch die zentrale Kritik daran wie immer treffsicher auf den Punkt gebracht.