Sonntag, 3. März 2013

Im Kino # 20: Tom Hooper - Les Misérables

UK 2012

Fang gar nicht erst an, Fehler zu machen. Mach einen Fehler im Leben - stiehl zum Beispiel einen Laib Brot - und du musst fast dein ganzes Leben lang Russell Crowe beim Singen zuhören. Oder, kauf dir ein Kinoticket, das kann auch schon genügen, und du hast einen Abend lang das Vergnügen.

Aber, beginnen wir am Anfang: 1862 stellte Victor Hugo im politischen Exil auf Guernsey seinen Roman "Die Elenden" (französisch "Les Misérables") fertig, ein sehr umfangreiches Werk über das Leben und Leiden der französischen Unterschicht in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die deutschsprachige Ausgabe, die Sarah derzeit liest, ist fast vierzehnhundert Seiten stark und dabei schon gekürzt. Auf diverse Abschweifungen, mit denen nur ZeitgenossInnen von Hugo etwas anfangen konnten, wird bei heutigen Ausgaben üblicherweise verzichtet, aber auch die- sicherlich nicht ganz unspannende - eingehende Beschreibung des Pariser Kanalisationssystems fällt meist der Redaktion zum Opfer. Wie von Sarah zu erfahren ist (ich habe das Werk nie gelesen), bedeutet das aber jetzt nicht, dass der gekürzte Hugo prägnant auf den Punkt schreiben würde. Nein, die Weitschweifigkeit ist immer noch ein wesentliches Element. Und so erfährt die Leserin des Öfteren, dass die nun folgenden Informationen eigentlich nichts zur Geschichte beitragen und nur der Vollständigkeit halber erwähnt werden, woraufhin eine zwanzigseitige Schilderung der Jugendjahre einer Nebenfigur folgt. Womöglich ist das auch ein Grund, warum Hugos Werke zwar weltberühmt sind, sie aber heute nicht mehr allzu viel gelesen werden.

Freilich gibt es andere Kunstformen, in die sich seine Ideen übertragen lassen. Wenige romantische Autoren des 19. Jahrhunderts haben auf die populäre Kultur der nach folgenden Epochen so viel Einfluss ausgeübt wie Victor Hugo. Seine beiden bekanntesten Werke, der "Glöckner von Notre-Dame" und eben die "Elenden" wurden unzählige Male in die kulturelle Verwertungsmaschinerie geworfen, Filme, Animationsfilme und auch Musicals waren die Konsequenz.

Eine Filmadaption der englischen Fassung einer französischen Musicaladaption des Romanes "Die Elenden" ist es, die uns Tom Hooper ("The King´s Speech") präsentiert. Angesichts der Ausgangslage ist es beachtlich, wie prägnant und dramaturgisch klar die Erzählung erscheint. Der 158 Minuten dauernde Streifen ist kurzweilig und in gutem Tempo gehalten, gleichzeitig erhält man jedoch angesichts der Fülle der Charaktere und angeschnittenen Themen doch eine gewisse Ahnung von der Tiefe des ursprünglichen Werkes von Victor Hugo. Das ist vermutlich auf das sehr professionell gemachte Musical zurück zu führen, das in der entsprechenden Gemeinde ja eine nahezu kultische Verehrung genießt.

In der Verfilmung von Tom Hooper dominiert der Respekt vor dem Musical. Er hat es, so scheint es mir zumindest, nicht wirklich gewagt, der speziellen Ästhetik und Anmutung dieses Genres einen eigenen, cineastischen Standpunkt entgegen zu setzen.So erleben wir ziemlich klar umrissene, glatte Charaktere, die sich in einer (freilich imposant aufgetürmten - fast frägt man sich, warum das kein 3D-Film geworden ist) Kulissen artigen Umgebung von einem emotional-schmachtenden Drama zum nächsten singen (oder es zumindest versuchen). Die recht exzessive Darstellung von Schmutz, Dreck und Grind der Elendsviertel wirkt in diesem Umfeld ziemlich befremdlich. Beachtlich ist wiederum, dass der Gesang nicht aus dem Playback kommt, sondern von den AkteurInnen aus dem Spiel heraus in die Kamera gesungen wurde. Auch hier wollte Hooper offenbar dem Erlebnis eines Bühnenmusicals Tribut zollen.

Für die Interpretation der auf ewig dahin schmachtenden Streicherarrangements gegebenen Songs greift der britische Regisseur auf einen Cast großer Namen zurück. Hugh Jackman singt (2.5 aus 5 Sternen) Jean Valjean, der durch den eingangs erwähnten Brotdiebstahl in Ungnade gefallen und in Haft geraten ist und sich nun auf dem Pfad der Läuterung sowie auf der Flucht vor dem Gesetz befindet. Anne Hathaway überzeugt auch gesanglich (3.5 aus 5 Sternen), Oscar belohnt, als leidendes Armenmädchen Fantine. Amanda Seyfried, die man schon aus dem Abba-Musicalfilm "Mamma Mia" kennt, als Cosette sowie Samantha Banks als Eponine machen ihr Sache ebenfalls gut (je 3 aus 5 Sternen). Die überzeugendste musikalische Entdeckung (3.5 aus 5) ist Eddie Redmayne, der bisher eher aus fragwürdigen TV-Produktionen wie "Säulen der Erde" bekannt war, als Marius. Außerdem sind, bei einer global ausgerichteten britischen Filmproduktion irgendwie wenig überraschend, auch Helena Bonham Carter und Sacha Baron Cohen als habgieriges Wirtsehepaar mit von der Partie (2.5 aus 5), sowie eben auch Russell Crowe, der jenen Inspektor Javert gibt, der Jean Valjean durch seine verschiedenen, angenommenen Identitäten hindurch unerbittlich verfolgt und ihm ebenso unerbittlich hinter her singt (1.5 aus 5).

Alles in allem ein Erlebnis, das man nur Fans des Genres und/oder von Russell Crowe uneingeschränkt empfehlen kann.

Meine Bewertung: 2.5 aus 5 Sternen.


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