Samstag, 6. April 2013

Ohren(ge)fälliges: Monatsmeister des Monats März 2013

Little Daylight - Overdose
?, Vereinigte Staaten
Gewonnene Ränge: +8

In dem Kinderbuch "At the Back of the North Wind" des schottischen Autors, Pfarrers und Pionieres des britischen Fantasy-Literatur George MacDonald (1824-1905) wird in Kapitel XXVIII die Geschichte von Little Daylight erzählt, einer Prinzessin, die unmittelbar nach ihrer Taufe von einer bösen Fee verflucht wird. Der Fluch bewirkt, dass sie fortan tagsüber immerzu schlafen muss, des Nächtens aber, wenn sie wach ist, nur dann in voller Schönheit und Gesundheit steht, wenn auch der Mond voll am Himmel steht. Je mehr dieser aber abnimmt, desto mehr verwandelt sie sich in eine sieche, alte Frau. Die so Verwunschene entzieht sich den Blicken der höfischen Gesellschaft, indem sie in ein Häuschen übersiedelt, das auf einer Wiese mitten im Wald gelegen ist. Immer, wenn die Waldwiese in das Licht des Mondes getaucht ist, zieht Little Daylight ebenda tanzend, singend und einsam ihre Kreise. Zur guten Lösung bedarf es - wer hätte das gedacht - des Kusses eines Prinzen.

Auch die Band Little Daylight hat sich bislang eher im Verborgenen gehalten. Einige - für meinen Geschmack nicht sonderlich berauschende - Remixe hat es gegeben, etwa von Werken von Passion Pit, Penguin Prison oder Edward Sharpe & The Magnetic Zeros. Bis heute wissen wir nicht, wer Little Daylight sind oder wo in den Vereinigten Staaten sie eigentlich zuhause sind (möglicherweise Brooklyn). Mit "Overdose" und dem dazu gehörigen Video ist aber ein erster, sehr heller Kegel Mondlicht auf die Existenz dieser Truppe gefallen. Binnen kürzester Zeit waren die Blogs voll des Lobes und der Begeisterung, BBC und MTV wurden aufmerksam, die HypeMachine hatte die Nummer auf Platz 1, auf Soundcloud steht der Zähler bei über 165.000.

Verständlich. Wie ich schon nach dem Erstkontakt angedeutet habe, trifft dieser Track den musikalischen Zeitgeist-Nagel in einer Weise auf den Kopf, die fast schon beängstigend ist. Da ist das wuchtige, tribalistische Getrommel gleich zu Anfang, gefolgt von treibenden, synthetische Klängen, die zwischenzeitlich einen vor sich hin rollende Bass freigeben, dann der melancholische wie zugleich herausfordernde weibliche Gesang, der mit angesagtem Indie-Pop à la HAIM und Sky Ferreira verglichen wird, ja der Anflug einer psychedelisch-ravigen Atmosphäre. All das stimmig zusammen gefügt und glänzend ausproduziert. Und dann ist da natürlich noch dieser Refrain, diese Hookline, die sich einem ins Hirn brennt, die Nervenstränge in den Extremitäten zum Aufglühen bringt und sich infektiös in der Seele fest setzt. Eine unglaublich eingängige Phrase, die dem gelernten Indie-Hörer zunächst vielleicht ein Schrecksekunde einjagt (Schlager?), welche er aber überwinden kann, weil sich doch die Ummantelung so richtig anfühlt, sodass er sich sogleich hineinfallen lässt, immer und immer wieder, bis zur Überdosis, womöglich.

Das Video unterstreicht das Feeling - eine mutmaßlich schöne Frau, nächtlich tanzend, zwar nicht auf einer Mond beschienenen Waldlichtung, aber unter Straßenlaternen, dann auf einem nur von geschwenkten Taschenlampen erleuchteten Rave. Das passt, ebenso wie der Umstand, dass Little Daylight nun mit der englischen Dance-Pop-Prinzessin Charlie XCX auf Tour gehen. Und die Prinzen, die werden jetzt wohl auch schon Schlange stehen.




Little Daylight - Overdose (freier Download via Stereogum)
Little Daylight - Name In Lights (mittlerweile erschienener weiterer Track)

1 Kommentar:

Finette hat gesagt…

Tatsächlich ein Song, der einen durch den Tag bringen kann. Sehr schön!