Samstag, 4. Mai 2013

Burgenland

Wenn mich etwas depressiv machen kann, dann ist das das Burgenland. Damit beziehe ich mich gar nicht alleine auf die unfassbar öden Landschaften, die gnadenlose trockene Hitze und dieses überwältigende Gefühl, dass hier auch in tausend Jahren nie irgend etwas Relevantes passieren wird. Nein, die Tatsache, dass ich das Burgenland gerne als das zehntschönste Bundesland Österreichs bezeichne, hat damit nur am Rande zu tun.

Vielmehr ist da etwas weit tiefer gehendes, eine fast mystische, wechselseitige Aversion, die schon immer geschwelt hat und sich in fiesen Geschehnissen im nahen räumlich-zeitlichen Kontext meiner Person mit dem Burgenland und in Empfindungen tiefer Frustration meinerseits entladen hat.

Eine meiner ersten intensiven Erinnerungen überhaupt ist, dass ich gerade von meinem ersten Aufenthalt im Burgenland heim gekommen bin und erfahre, dass einer meiner Großväter verstorben ist. Ich hatte keine übermäßig starke Bindung zu ihm, aber eine erste negative Verankerung dieses Pannoniens mag das durchaus bewirkt haben.

Später hat mich dann die Schulsportwoche unverschuldet hierher verschlagen. Nach Weiden am See, in einen dieser "Feriendörfer" genannten, perfid-monopolistischen Komplexe, die die allgemeine Ödnis ringsum zur Rechtfertigung heranziehen, um sich selbst zum reinsten Garten Eden zu stilisieren und dann konkurrenz- und hemmungslos abzukassieren. Dort durfte ich nicht Tennis spielen, obwohl ich wollte, weil es doch, ach, so furchtbar, drückend heiß war und die armen, burgenländischen Coaches offenbar lieber das Strandleben oder sonstwas abhandeln wollten. Dafür wurde ich in einer Nussschale auf die große Lacke geschickt, wo ich Taue halten, Bäumen ausweichen und mich von Segellehrern obergescheit anquatschen lassen durfte.

Irgendwann war ich auch mit meinen Eltern im Urlaub im Burgenland. Da war es einmal nicht brennheiß, dafür schüttete es aus Kübeln und eine Unzahl von Insekten und Spinnentieren überflutete das muffige Zimmer in unserer Unterkunft, wo auch bereits dräuend volkstümliche Musikanten an der Wand hingen und ein baldiges Gaudium verkündeten. Vor dieser apokalyptischen Kulisse ergriffen wir glücklicherweise rasch die Flucht.

Flucht. Das war auch 2006 angesagt, als P. und ich zum Nova Rock reisten, in die beigeste Steppe, die ich je in diesem Land gesehen habe. Erst regnete es und da war Schlamm, dann kam die Hitze zurück und  brannte sich in unsere Rücken. Metallica, Motörhead, Stone Sour und Co. waren nur halb so fürchterlich für mich wie dieses Burgenland (genau genommen waren die überhaupt nicht fürchterlich, sondern ziemlich putzig) und ich entsinne mich noch gut dieses intensiven Momentes, als ich im nächtlichen Shuttlezug saß und merkte, dass wir die niederösterreichische Grenze überschritten und erleichtert aufseufzte.

Und jetzt, jetzt sitze ich wieder hier, in einem solchen "Feriendorf" im Burgenland, wo alles, was der Mensch eventuell brauchen könnte, zu Apothekerpreisen feil geboten wird. Und, ich kann erst jetzt wieder klar denken und schreiben, nachdem erst vor einer Stunde eine Mark erschütternde Disco direkt unter unserem  Zimmer ihr Ende gefunden hat. Dass und ein äußerst unerfreuliches Erlebnis auf der Fahrt von Wien macht mir klar, was ich bislang noch nicht auszusprechen wagte: Es ist nicht bloß unterschwellige Aversion, die meine Beziehung zum Burgenland beschreibt. Es ist Hass  - und er beruht auf Gegenseitigkeit! Und, ich weiß nicht, ob das jemals wieder zu kitten sein wird.

Ich bin das letzte Mal hier. Ich bin noch einmal hergekommen, weil ein Freund, den ich sehr schätze, hier ein wichtiges Ereignis begeht und ich ihm meine Aufwartung machen möchte. Aber, ich stehe knapp davor, einen heiligen Eid zu schwören, dass ich nicht mehr zurück kehre.

Ich muss also alle BurgenländerInnen und alle, die das Burgenland mögen (warum auch immer - verstehe das, wer will) um Verzeihung bitten. Aber, womöglich ist es ja so, dass ein jeder - also eben auch ich - irrationale Anwandlungen, ja Rituale braucht, um dem eigenen Leben Struktur zu geben und Bedeutung herzustellen.


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