Sonntag, 19. Mai 2013

In Concert # 36: Nowhere Train / Francis International Airport / Haight Ashbury, 17.5.2013, Posthof, Linz

Eine regelrechte musikalische Zeitreise bot uns letzten Freitag der Posthof in Linz. Weil ich derzeit nicht allzu viel Zeit habe (die Rundumadum-Wanderung steht bevor!), habe ich meine Beschreibung jetzt ziemlich flott runter geschrieben. Ungenauigkeiten oder Unfokussiertheiten bitte ich daher nachzusehen.

Nowhere Train

Zurück zu ursprünglichen Formen amerikanischer Populärmusik ging es anfangs des Abends mit Nowhere Train. Nowhere Train ist ein Musikerkollektiv, das sich aus mit anderen Projekten (darunter: Naked Lunch, A Life A Song A Cigarette und Play the Tracks of) bereits etablierten Musikern zusammen setzt. Ursprünglich haben sie sich  - inklusive Filmemachern und Autor - "nur" für eine klingende Reise durch Österreich zusammen gefunden, doch ist mehr daraus geworden. Insbesondere das schöne Album "Station", das zusätzlich mit der filmischen Dokumentation des Road Trip aufwartet. Während aber "Station" in seiner Gesamtheit irgendwie etwas disparat wirkt, was der Platte nichtsdestotrotz Charme verleiht, ist der auf sieben Musiker angewachsene Zug ins Nirgendwo live eine soundmäßig ganz solide, stabil nach vorne gehende Einheit. Mit Zupfinstrumenten diverser Gattungen, Ziehharmonika und Percussions bestückt, befährt er das weite Feld Amerikas, in dem Folk Music, Country oder Gospel zuhause sind. Dabei hat der Vortrag der Band mit introvertiertem Lagerfeuer-Folk oder aber melancholischem Country-Geschunkel in der Liveversion nichts zu tun. Die (ausschließlich) Herren vom Nowhere Train traten in Linz als leidenschaftliche, aber keinesfalls leidende, als hoffnungsfroh aufspielende Truppe an, der die unbändige Freude am Tun jederzeit anzusehen war. Dabei boten sie auch eine, besonders angesichts des eher kurzen Set, beeindruckend stringente Inszenierung, der etwas Theatralisches im Sinne einer professionellen, perfekt abgestimmten Aufführung innewohnte. Vielleicht ist es ja  die Zusammenarbeit mit Vertretern der Filmkunst, die hier Spuren hinterlassen hat. Die beherzte wie behirnte Aufführung des Nowhere Train verfing auch bei dem im Mittleren Saal des Posthof recht ordentlich angetretenen Publikum, das anfangs noch leicht indifferent und abwartend schien, am Ende des Set aber ziemlich hingerissen wirkte. Ganz zum Schluss setzte es dann (wie von mir bestellt) auch noch  "Outrageous", diesen feinen Verschnitt aus einem Decemberists-Song mit Kosakenchören, der uns so eindringlich auffordert, doch einmal auszubrechen, etwas anderes tun. Da gab es für mich eigentlich nichts mehr zu meckern. Außer, dass es zu bald vorbei war.


Francis International Airport

Denn der Zug musste in der Endstation Flughafen halt machen, wo uns schon ein polierter Flieger erwartete, um uns stilistisch-musikalisch in Richtung der Achtziger zu katapultieren. Fünf junge Wiener standen nun auf der Bühne, allesamt mit schwarzen T-Shirts und eher unbewegter Miene angetan. Der Publikumszuspruch war der größte an jenem Abend, Francis International Airport sind dank neuen Albums in aller Munde. Die Band hat sich nicht nur optisch, sondern auch musikalisch stark dem besagten Jahrzehnt angenähert, ein Synthesizer gibt die Grundstimmung des Sets vor. Darin wird bewährter Nullerjahre-Indiepop verpackt, es darf aber zuweilen auch etwas in Richtung Synthrock und Post-Punk gehen. Der Klang ist gepflegt, angenehm, schön, durchaus erhaben, da sind Leute am Werk, die sehr viel von Harmonien und Tönen verstehen. Aber, ganz ehrlich, eine zwingende Alternative zu einer guten Stereoanlage ist diese Live-Performance nicht. Vielleicht auch ein Grund, warum sich der Saal gegen Mitte des Auftritts von Francis International Airport wieder zu leeren begann. Die Leute gingen vermutlich die Platte kaufen.


Haight-Ashbury

Um den Abend auszubalancieren, durfte es zu guter letzt noch ein Schuss späte Sechzigerjahre sein. Haight- Ashbury waren als Hauptact am Zettel, der Mittlere Saal hatte sich nach dem Auftritt von Francis International Airport freilich schon merklich geleert. Was schade ist, denn Haight-Ashbury sind als lebendige Band auf der Bühne ein durchaus erfreuliches Erlebnis. Zwei Frauen und ein Mann sind Haight-Ashbury, die sich programmatisch nach dem Hippie-Bezirk des San Francisco der Sechziger benannt haben. Interessanterweise kommen sie aber gar nicht von da (dann hätten sie sich vermutlich auch nicht so genannt). Sie sind vielmehr aus Glasgow, Schottland, was im unverwechselbaren Idiom der Zwischenansagen zum Ausdruck kommt und dafür geeignet ist, beim Publikum für gewisse Sympathiewerte zu sorgen (der schottische Akzent ist irgendwie das Kärntnerische der englischen Sprache, oder?). Auch im Posthof wurde mit den zahlenden Gästen gesprochen, was bei einem Livekonzert immer positiv zu vermerken ist. Frontfrau Kirsty Heather Ashbury [sic!] lobte den Posthof in höchsten Tönen (was nachvollziehbar ist), ebenso wie  die anderen Acts des Abends (was auch mehr oder weniger nachvollziehbar ist). Haight-Ashbury spielten natürlich auch und zwar ihre recht undogmatische und eklektische Aneignung von Spät-Sixties-Musik, von psychedelischem Rock über Hippie-Folk bis hin zu Raga Rock, man könnte also sagen, dass sie zur richtigen Zeit aufs richtige Pferd gesetzt haben. Die gebotenen Songs sind dabei nach meinem Empfinden nicht unbedingt als Bahn brechend zu bezeichnen, es war vielmehr vor allem die Persönlichkeit der Frontfrau, die den Act sicher durch den Abend trug. Ein freundlich in sich ruhendes Charisma, das keine großen Gesten braucht, um zu wirken und damit die gewünschte Atmosphäre, die angestrebte Stimmung herstellen konnte. Das nennt man dann wohl "natürliche Ausstrahlung".

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