Mittwoch, 27. November 2013

In Concert # 40: Richard Wagner - "Das Rheingold", 20.11.2013, Musiktheater Linz

Als ich vor mittlerweile schon einigen Jahren einmal mittags durch den Linzer Volksgarten gegangen bin (ich arbeite ums Eck), waren da Leute mit Mikrophonen unterwegs. Sie haben Passantinnen und Passanten gestoppt und befragt. Konkret, was sie denn von dem im Bau befindlichen Linzer Musiktheater halten würden. Eine Frau Mitte der Dreißig mit Kinderwagen und weiterem Kind am Arm legte gleich los: da würden Millionen verpulvert für Etwas, von dem die einfachen Leute doch nichts hätten. Das Musiktheater sei nur für "die da oben" da. Das Geld würde anderswo viel nötiger gebraucht.

Mit Stand 2013 kann man solchen Äußerungen nicht wirklich mit letzter Überzeugungskraft entgegen treten. Aber, wenn es schon da ist, das brandneue Haus, dann soll man es auch besuchen und Frau und Herr Steuerzahler damit ein wenig von der Last abnehmen. Und, womöglich verbreitet sich dann die Kunde, dass es gut angenommen wird und über Umwege spielen sich die Kosten zumindest für das Linzer Gemeinwesen (das sich mit 35 prä-SWAP-Millionen beteiligt hat) wieder herein.

Was den Komfort betrifft, kann man jedenfalls bedenkenlos hinein gehen. Harte Bänke, die nach einer halben Stunde die Wirbelsäule arg malträtieren sind hier passé, es sitzt sich wie im Cineplexx-Kino. Auch das Operngeschäft muss mit der Zeit und der Konkurrenz gehen. Damit sich der Jetztmensch vollends zuhause fühlt, ist die Lehne des Sitzes vor ihm (zumindest im ersten Rang) mit einem Touchscreen ausgestattet, auf dem er vor Beginn der Aufführung alles mögliche Wissenswerte erfahren und nach Beginn den gesungenen Text mitverfolgen kann.

Die Akustik ist, soweit ich das beurteilen kann (ich war schon zu lange in keinem Opernhaus mehr), auch gut. Der Klang des hier am Werk befindlichen Orchesters ist schön, sauber und fehlerfrei. Eine erste große Aufgabe: Der Ring des Nibelungen. Und der beginnt zwangsläufig mit dem "Rheingold", das sich sein Erfinder als Vorabendveranstaltung zum mehrtägigen "Ring"-Spektakel gedacht hat. Ein zweieinhalbstündiger Appetizer wohl gemerkt, der bei anderen Musikschaffenden schon als episches Großwerk durchgehen würde. Aber zur Wagnerschen Gewaltigkeit ein andermal mehr. Wir haben ja noch den ganzen Rest vom Ring.

Zunächst also einmal das alte Rheingold im neuen Haus. Und das entbehrt nicht einer gewissen Ironie, geht es doch darin insbesondere auch um Herrschende, die sich einen prestigeprächtigen Bau leisten wollen. Dabei sind alle Anfänge bescheiden. Ein großes Zelt muss den germanischen Göttern zu Anbeginn als Wohnstatt dienen, das mehr den Geist einer zentralasiatischen Steppe atmet als jenen einer frühen Hochkultur. Das Eigenheim ist noch nicht fertig, denn die Baumeister sind noch am Werken und der Preis ist - wie immer- viel zu hoch. Schlussendlich muss sich Bauherr Wotan, der sich ziert zu bezahlen, vom gemeinen Volk auch noch entgegen halten lassen, dass auch er nur durch "die Verträge" das ist, was er ist.

Das Geschäft freilich, mit dem der Deal dann doch noch abgesichert werden soll, ist noch grauslicher als er selbst. Nur, dass im "Rheingold" für die selbstherrlichen Auftraggeber die Verluste noch nicht schlagend werden, auch wenn dunkle Ahnungen und Warnungen bereits wie Schwärme von Stabreim-Heuschrecken herumfliegen. Loge, dem zwielichtige Berater Wotans, bei dem man nie so recht weiß, was eigentlich seine Leistung ist, dämmert es schon am Deutlichsten.

Gold, Ausbeutung, Macht, soziale Verwerfungen. Das "Rheingold" ist ein Elfer ohne Torhüter für RegisseurInnen, die sich mit politischen, welt- und zeitgeschichtlichen Bezügen verwirklichen wollen. Uwe Eric Laufenberg schreitet freilich nicht zu diesem Punkt. Seine Inszenierung agiert ohne Ablenkungen, stellt Musik und Drama von Richard Wagner in den Mittelpunkt. Die Ausstattung ist ansehnlich, aber nicht überbordend, zwar kein Minimalismus, aber auch kein inszenatorisches Feuerwerk. Gefällig, könnte man dazu sagen. Für Menschen, die sich erst einmal mit  Wagners musikdramatischer Sprache anfreunden möchten - und da gibt es schon einiges zu verarbeiten - ein willkommener Einstieg: nicht allzu überwältigend, aber doch packend.

Auch die gesanglichen und darstellerischen Leistungen stehen dem nicht nach. Besonders Michael Bedjas Loge spielt und singt sich im Laufe des Abends immer mehr ins Zentrum des Geschehens. Eine dankbare Rolle, zweifellos, ein selten spannender Operncharakter. Eine Figur, die schauspielerischem Talent viel Raum gibt. Fragt (in einer anderen Kunstform) Tom Hiddleston. Für Loge gibt es folgerichtig auch dem meisten Applaus, auch Bernadett Fodor als Erda und Seho Chang als Donner werden besonders reich bedacht. Und, siehe, der Regisseur!

"Das Rheingold" in Linz ist eine Aufführung, die keine großen Risiken eingeht, aber auch nicht viel falsch macht. Vielleicht auch ein ganz guter Weg, um uns einmal das neue Haus vorzustellen. Und, strategisch gesehen: Publikum für diese Art von Inszenierung wird es landauf, landab, genug geben.



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