Samstag, 11. Januar 2014

Im Kino # 25: Ethan und Joel Coen - Inside Llewyn Davis

USA 2013
   
Nimm eine kanonische Figur, die vielen als heilig gilt und mache ein Biopic. Aber nicht über diese Gestalt selbst, sondern über einen unglückseligen Nebenläufer, der ziemlich genau zur selben Zeit am selben Ort ist und ähnliche Dinge tut - dabei jedoch auf tragikomische Weise scheitert. Benutze dieses Schicksal dazu, um das soziale, das historische Umfeld auf satirische Weise zu durchleuchten. Das ist "Life of Brian", richtig? Das ist auch in gewissem Sinne "Inside Llewyn Davis", der aktuelle Streifen der Coen-Brüder. Die kanonische Gestalt ist Bob Dylan, der Nebenläufer aber heißt Llewyn Davis.

Llewyn Davis, gespielt von Oscar Isaac, ist Folksänger und wir schreiben das Jahr 1961. Er war Teil eines relativ erfolgreichen Folkduos, das auf tragische Art zerfallen ist und versucht sich jetzt als Solokünstler. Eben hat er "Inside Llewyn Davis" herausgebracht, seine erste Solo-LP. Leider will sie sich aber so gar nicht verkaufen und deshalb schnorrt er sich jetzt ohne festes Einkommen und feste Bleibe durch das Greenwich Village. Im Film, der den Namen der LP dieses fiktiven Künstlers trägt, begleiten wir Llewyn Davis ein Stück seines recht unglückseligen Weges. Denn das Problem ist: Llewyn Davis ist ein in Selbstmitleid badender, selbst gefälliger Misanthrop, der es immer wieder schafft, aus falschen Stolz und sturem Gehabe heraus, einerseits seine Mitmenschen zu verletzten, andererseits sämtliche Gelegenheiten für eine günstige Wendung zunichte zu machen. Dabei verfügt er eigentlich über die intellektuellen Kapazitäten, klar zu sehen und erwirbt sich so ein ums andere Mal auch noch das schlechte Gewissen als Reisegepäck dazu, das ihn immer mehr in die Knie gehen lässt.

Es wären nicht die Coen-Brüder, wenn sie ihrem Protagonisten nicht auf sardonische, grausame Weise immer wieder mit seinen eigenen Fehlern konfrontieren, ihm aber auch andere Möglichkeiten, wie es auch sein könnte, vor Augen halten würden. Der Protagonist dient ihnen wieder einmal als Objekt der Folter, als Versuchstier, das sich ohne echte Hoffnung durch den Irrgarten des Lebens und der Gefühle herumjagen lässt. Freilich schaffen sie es dabei auch noch, unsere Sympathien für diesen Llewyn Davis, die anfangs noch zugelassen werden, anhand ihrer genauen wie grimmigen Charakterzeichnung  - sowie eines dramaturgischen Kniffs - auszutreiben.

Wieder einmal sind es die Charaktere, die diesen Coen-Film am ehesten nachdrücklich machen. Da haben wie den Folkbarden von der traurigen Gestalt. Aber wir haben zB auch John Goodman als drogenkranken Alt-Jazzer, seinen Assistenten, einen von Gareth Hedlund gespielten, finsteren Beatpoeten oder die für den Fortgang der Geschichte nicht ganz unwichtigen Garfeins, ein liberales, intellektuelles jüdisches Bürgerpaar, das sich gerne als Mäzene junger Künstler und somit auch des, naturgemäß nicht sonderlich dankenden, Llewyn Davis sehen möchte. Die Gestalten changieren dabei zwischen einem ernsten Realismus, satirischen und klar parodistischen Elementen.

Und das Umfeld, die Schilderung des Milieus? Die Regisseure wollen sicherlich auch eine Studie der Greenwich-Village-Szene der frühen Sechziger abliefern. Sie sind Connaisseure historischer Musiken, was wir spätestens seit dem exzellenten Soundtrack von "O Brother, Where Are Thou" wissen. Zweifellos passen die geschichtlichen Details, stimmt womöglich auch der Slang (bei dem wieder einmal viel geflucht wird), aber bekommen wir wirklich eine Gefühl von der Atmosphäre dieser speziellen Szene? Entgegen dem, was viele Kritiken behaupten, glaube ich das nicht. Dazu haben wir es hier wieder einmal viel zu sehr mit der üblichen Menschenhölle der Coens zu tun, dazu fokussiert "Inside Llewyn Davis" zu sehr auf die inneren Teufelskreise seines Anti-Helden. Die besondere Aufbruchsstimmung, die auch revolutionäre Gesinnung, die die Szene auch gehabt hat, findet nicht statt. Die Musik wiederum wird vom Hauptdarsteller (und einigen sehr musikalischen NebenakteurInnen, darunter auch ein gewisser Justin Timerblake) recht tadellos vorgebracht. Sie bildet aber in seinem Falle eher die wenigen Ruhepunkte ab, in denen der von ihm gespielte Charakter einmal ganz bei sich ist. Nichts, was zwingend darüber hinaus weist.

"Inside Llewyn Davis" ist freilich angefüllt mit Anspielungen und Querverweisen auf jene Ära, jenes Milieu. Bilder von Llewyn Davis im Schnee erinnern an ein ikonisches Dylan-Cover. Die Figur selbst weist einige biographische Gemeinsamkeiten mit dem einflussreichen, aber kommerziell nicht allzu erfolgreichen Greenwich-Folker Dave Van Ronk auf. Trotzdem: Eher ein Film für alle, denen es wichtiger ist, wieder einmal im Coen Village anzukommen als einmal im Greenwich Village.

Meine Wertung: 3 aus 5 Sternen.

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