Dienstag, 30. Dezember 2014

Verflossene Zeit, Teil 2

..fällt aus. Ich wollte ein Foto posten, auf dem mein Kalender des ablaufenden Jahres neben meinem Kalender des kommenden Jahres liegt. Die beiden Kalender stammen aus der gleichen Serie und sehen daher grundsätzlich fast gleich aus. Nur, dass der Kalender aus 2014 abgenutzt aussieht und mit Katzenhaaren versehen ist. Und der aus 2015 ist unberührt und frisch. Eine Metapher für den Gang alles Irdischen, aber auch dafür, dass es immer wieder auch Neuanfänge gibt.

Leider ist der optische Eindruck der feinen Veränderungen in der Oberflächenverfasstheit nur mit freiem Auge zu erkennen und nicht mit ausreichender Eindrücklichkeit über ein Foto wiederzugeben.

Vielleicht lernen wir daraus, dass wir meistens ganz genau hinschauen müssen, um all die permanent ablaufenden Veränderungen in unserem Leben zu erkennen. Oder doch eher, dass ich hoffentlich zum letzten Mal den Fehler gemacht habe einen weiteren Teil anzukündigen, ohne ihn schon fertig gestellt zu haben.

Dieses Post ist meine Strafe dafür. Mein Entschuldigung geht an alle unschuldigen KollateralleserInnen.

Sonntag, 28. Dezember 2014

Verflossene Zeit, Teil 1

Richtung Jahreswechsel mache ich mir gerne über die Zeit Gedanken - und darüber, wie sie vergeht. Das verstärkt sich dann noch, wenn ich in an den ruhigen Tagen nach Weihnachten eine große Aufräumaktion starte und auf allerhand alten Tand der Vergangenheit stoße.

Zeitmesser zum Beispiel. Nur stellt sich mir die Frage: Warum habe ich sie aufgehoben?

IMG_5408

Freitag, 26. Dezember 2014

Aktuelle Kamera # 21

Weiße Weihnachten waren es für mich nicht, im Salzkammergut.

Aber so graublaue und mit Reif überzogene. Und das hatte ja auch etwas.

So sah es am Heiligabend aus..



Eine Momentaufnahme. Nachdem es in der folgenden Nacht geregnet hatte, war am 25. wieder alles grün. Und heute, als ich abgereist bin, dann doch noch schneeweiß.

Montag, 22. Dezember 2014

Samstag, 20. Dezember 2014

Im Kino # 30: Terry Gilliam - The Zero Theorem

UK/ROM/F/USA 2013

Wenn ich mir Terry Gilliams Haus vorstelle, dann sehe ich eine etwas windschiefe Bude vor mir. Sie ist vollgeräumt mit allem möglichen, fantastischen, abwegigen Kram. Auch einigermaßen messiartig, das Ganze.

So jemand sollte eigentlich hervorragend geeignet sein, den Geisteszustand eines Gegenwartsmenschen filmisch darzustellen, dessen Verstand permanent am globalen Informationstropf hängt und folglich mit einer wilden Masse von meist widersprüchlichen Informationen geflutet wird. Und insbesondere auch, diesen Status in einer fantasievollen Weise fortzuschreiben und in die Zukunft zu versetzen.

"The Zero Theorem" spielt in einer nicht zu fernen Zukunft. Qohen Leth (ein Wortspiel, das sich aus dem biblischen Buch Kohelet ableitet), dargestellt von Christoph Waltz, ist eine traurige, blasse Erscheinung mit kahl rasiertem Kopf und rasierten Augenbrauen. Als überragendes Computergenie, das er ist, arbeitet er für eines dieser Unternehmen, die im Herz aller digitalen Netze sitzen und daraus ihre Profite saugen. Er lebt in dem Glauben, er habe vor Jahren einen Anruf erhalten, der ihm die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens verheißen hat, woraufhin er aber irrtümlich aufgelegt hat. Das, und nur das, treibt ihn noch an, gibt seinem Leben Ziel und Richtung. Wann immer jemand etwas von ihm möchte, lautet seine Gegenfrage zunächst: "Können Sie dafür sorgen, dass ich meinen Anruf bekomme?"

Qohen Leth hat dabei aber ein weiteres Problem. Der Anruf erreichte ihn zuhause und ebenda erwartet er auch dessen Wiederkehr. Also muss die Arbeitstätigkeit in die eigenen vier Wände verlegt werden, weswegen der kontaktscheue und ängstliche Mann all seinen Mut zusammen nehmen, eine Party besuchen und den obersten Boss "Management" (ausgerechnet Matt Damon) davon überzeugen muss. Dem Wunsch wird stattgegeben, doch es hat seinen Preis. Quohen Leth soll sich fortan der Erforschung des "Zero Theorem" widmen, der Weltformel, die alles, was da ist, ausdrückt.

In seinem Zuhause, einer nach einem Brand verlassenen Klosterkirche rumänisch-orthodoxen Stils (Terry Gilliam hat den Film in Bukarest gedreht), sucht er nun zurückgezogen, aber stets vernetzt, angeleitet und überwacht durch seinen Arbeitgeber, nach dem Sinn im dem alles erfassenden Datenmeer.

Hier ist Terry Gilliams Film am eindrucksvollsten: Leth-Waltz, wie er durch das ruinöse Erbe einer vergangenen Epoche taumelt, durch seine mit allerhand Gerümpel und Versatzstücken voll geräumte Wohnstätte (genialisch-messihaft, wie im imaginierten Gilliam-Zuhause), von einer Stimme aus seinem Rechner zu Arbeit und Pause angetrieben. Wie er arbeitet: dreidimensionale Blöcke schiebt er in Computerspiel-artiger Manie(r) ineinander, um die große Formel aufzutürmen. Schon am Firmensitz war die Schufterei wie ein Spiel aufgemacht, ein Tretmühlen-artiger Spielautomat der Arbeitsplatz. Gamification, der ultimative Traum der Ausbeuter, der Traum vom spielerisch-werkenden Sklaven.

Nur, Qohen Leth ist nicht glücklich. Die Psychiater-Software (Tilda Swinton) hilft da auch nicht wirklich. So müssen auch sein unmittelbarer Vorgesetzter Joby (David Thewlis), die virtuelle Freudenspenderin Bainsley (Melanie Thierry) und nicht zuletzt Managements eigener (und mit messianischen Anklängen versehener) Sohn Ben (Lucas Hedges) anrücken, um ihm (tatsächlich oder vorgeblich) unter die Arme zu greifen. Was ihm die beiden letzteren offenbaren, wird die Perspektive des Protagonisten allerdings dramatisch verändern.

"The Zero Theorem" ist visuell gelungen, opulent und vielfärbig, sicherlich auch komplex und philosophisch, wenn man sich in seine Feinheiten vertieft. Er kann auf einer individuell-psychologischen Ebene gelesen werden, aber auch auf einer gesellschaftlichen wie auf einer metaphysischen. Er beinhaltet zudem interessante Bezüge zu unserer Zeit und dazu, was daraus werden kann. Trotzdem: auch wenn niemand ernsthaft erwarten kann, von einem Film wirklich den Sinn hinter dem ganzen Universum erklärt zu bekommen, so hinterlässt "The Zero Theorem" doch am Ende ein schales Gefühl. Das Gefühl nämlich, dass hier nichts erzählt wurde, was nicht irgendwie erwartbar war: Sci-Fi mit einer die eigene Existenz hinterfragenden Grundthematik und einer ganz am Schluss recht banalen Moral, einer wenig berauschenden Pointe, die noch von etwas Ideologiekritik übermäntelt wird. Bei all der Opulenz, all der Überhobenheit dann doch eine etwas dünne Geschichte.

Vielleicht hätte Christoph Waltz das vergessen machen können. Das gelingt ihm aber nicht, kommt er doch aus der kalten Larve des Qohen Leth, in die ihn Terry Gilliam gepresst hat, trotz engagierter Ausbruchsversuche nicht ganz heraus. In den Szenen mit Lucas Hedges als Bob ist es dann sogar letzterer, der die Bühne ganz klar beherrscht.

Das ist für mich dann auch das Dilemma bei "Zero Theorem": Vielleicht würde man ja doch noch mehr an Erkenntnissen aus ihm ziehen, würde man ihn nochmals ansehen. Dafür ist er aber einfach schon beim ersten Mal nicht interessant genug.

Meine Wertung: 3 aus 5 Sternen

Donnerstag, 18. Dezember 2014

Amnesty infomiert: Gemeinsam Briefe schreiben, um Leben zu retten! Der Amnesty-Briefmarathon 2014

Jedes Jahr im Dezember schreiben hunderttausende Menschen im Rahmen des Amnesty International-Briefmarathons Briefe, Appelle, E-Mails und Postkarten zugunsten von Menschen in Gefahr. Mit diesen Aktionen üben sie Druck auf die politischen Verantwortlichen aus und setzen ein Zeichen der Solidarität.

Der Briefmarathon 2014 stand ganz im Zeichen des weltweiten Einsatzes von Amnesty gegen Folter. Er setzt sich für Menschen ein, die Überlebende von Folter sind: Wie die mutige Menschenrechtsaktivistin Liu Ping, die durch Folter von der chinesischen Regierung zum Schweigen gebracht werden soll. Oder Moses Akatugba, der bereits im Alter von nur 16 Jahren unfassbares Leid ertragen musste und nun bereits seit 9 Jahren in Nigeria in der Todeszelle sitzt. Und Erkin Musaev, der vom Nationalen Sicherheitsdienst in Usbekistan brutal gefoltert wurde und nach drei unfairen Gerichtsverfahren zu einer Haftstrafe von 20 Jahren verurteilt wurde.

Wir stellen diese drei Fälle sowie alle anderen Fälle vor, in denen weltweit im Rahmen des Briefmarathons Briefe geschrieben wurden.

Wie immer gibt es auch Aktuelles aus dem Bereich der Menschenrechte.

Gestaltung und Moderation: Martin Walther

Sonntag, 14. Dezember 2014

"Wetten, dass..?" - Ein Nachruf

Gestern abend. Ich bin das letzte Mal für mutmaßlich längere Zeit der einzige Mensch in meiner Wohnung. Bevor sich dann alles ändert, wie sie dir alle sagen. In der Wiege und im Kinderwagen schlafen (noch) die Katzen.

Zeit, sich endgültig von der Jugend zu verabschieden. Die letzten Wochen und  Monat stehen ganz im Zeichen des unausweichlichen Verantwortungübernehmens, der Weichenstellungen, die sich fester, die sich definitiver anfühlen.

Was habe ich mir dabei gedacht, mir ausgerechnet an diesem noch freien Abend die letzte Ausgabe von "Wetten, dass..?" anzuschauen? War es der unbewusste Wunsch, etwas abzuschließen? Ein Kapitel aus der tiefen, schon mit Nebelschleiern versehenen Vergangenheit zuzuschlagen?

Ich bin kein Freund peinlicher Situationen, in denen sich Menschen ihrer selbst und ihrer Mitmenschen offensichtlich schämen. Damit kann ich, will ich nicht so gut umgehen. Mir war daher klar, auf was ich mich mit diesem letzten "Wetten, dass..?" aus Nürnberg einlasse.

Und es war schlimm. Da war der Moderator, der einem leid tun konnte, denn er war dazu verurteilt, dieses Ereignis möglichst unterhaltend über die Bühne zu bringen. Dieses Ereignis, das einem Begräbnis glich, auf dem alle erschienen waren, weil sie es für ihre Pflicht hielten, da sie testamentarisch bedacht worden waren und es außerdem ein Buffet geben sollte. Bei dem aber niemand dem Verblichenen auch nur eine Träne nachweinte und so immer wieder heimlich auf die Uhr geschielt wurde, wann es denn endlich vorbei sein würde.

Der Zeremonienmeister wirkte entsprechend unruhig. Man merkte, dass er wusste, dass er hier nichts zu gewinnen hatte. Das Drehbuch und die Dramaturgie waren lieblos, uninspiert, die zigste Kopie von etwas, das eigentlich niemand mehr sehen wollte. Als früher, grotesker Höhepunkt wurden zu Anfang der Sendung Standbilder früherer Shows gereicht, um dann darüber zu diskutieren, wo und wann das gewesen sein könnte und was vorher und nachher geschehen sein mag. Das Videoarchiv ist also anscheind schon geshreddert worden.

Wer sich so etwas wie ein letztes Aufbäumen, einen letzten Glanzpunkt der "größten Show, die es im deutschen Fernsehen je gegeben hat" (Markus Lanz) erwartet hatte, wurde enttäuscht. Nicht einmal die ehemaligen Lebenspartner des Verblichenen ließen sich blicken, sie wurden nur linkisch und Aufmerksamkeits heischend gegrüßt ("Frank Elstner, unsere Verbredung zum Essen am Montag steht!"). Das hat freilich damit zu tun, dass der Vorhang in Wahrheit schon vor dem erfolglosen Relaunch der Sendung gefallen ist.

Zwischendrin sangen Otto und Bully dann auch noch gemeinsam (angeblich als Wetteinlösung) irgend so was wie  "Time to Say Goodbye". Schrecklich.

Man könnte jetzt noch viel sagen über die betretene Atmosphäre, die auf der Couch während eines Großteils der Sendung herrschte, auch wenn zwischendurch das eine oder andere Mal demonstrativ gelacht wurde. Oder von Ben Stiller, der dreinschaute, als hätte ihn ein Kommando am Nürnberger Christkindlmarkt entführt und auf die Showbühne verschleppt.

Dabei war "Wetten, dass..?" eigentlich nie so viel anders. Das völlig sinnbefreite, inhaltsleere Geplauder auf der Wettbank (unvergesslich die Standardfrage von Thomas Gottschalk an jeden erfolgreichen Musiker der letzten zwanzig Jahre: "Die Kids heute hören doch nur mehr Rap und Techno, wie schaffst du es da erfolgreich zu sein?"). Die Peinlichkeiten, die die Sendungsmacher den prominenten Gästen zumuteten, die doch eigentlich nur ihre neuen Filme, Platten oder Bücher promoten wollten. Die Wetten waren dabei noch jenes Element, das uns am längsten nicht auf die Nerven fiel, wenngleich es sich ebenfalls (vielleicht auch wegen des permanenten Sensationalismus im Internet) ziemlich abgenutzt hat.

Nur: in meiner Kindheit war die Sendung schon etwa Besonderes. Allein ihre schiere Länge, die es einem erlaubte, guten Gewissens den ganzen Abend gemeinsam mit den Eltern, die ebenfalls schauten, vor dem Fernseher zu sitzen, trug dazu bei. Aber auch ein gewisses Element der Unvorhersehbarkeit der Ereignisse und der Interaktionen zwischen Moderation, Gästen und Teilnehmern. Dazu kam, dass es einen Blick über die Landesgrenzen ermöglichte, ein Anbindung daran, was man im großen Nachbarland, von dem uns nicht nur die gemeinsame Sprache trennt, denkt und sagt. Diese interkulturelle Erfahrung konnte auch befremdlich, unheimlich sein. Etwa, wenn ich als Kind erschrocken feststellen musste, wie ein ganz durchschnittliches deutsches Saalpublikum reagiert, wenn irgend jemand einen 4/4-Takt einklatscht oder einsingt und mit roboterhaften Exaktheit sofort tausende Menschen damit beginnen, völlig synchron die Hände ineinander zu schlagen.

Moderiert hat sie damals Thomas Gottschalk, dessen Moderation sich durch nichts von jener von Markus Lanz unterschied, nur dass das Fahrige und Improvisierte bei ihm irgendwie charmant wirkte, es gewissermaßen sein Trademark war. Vielleicht war ich aber einfach auch nur von klein auf an ihn gewöhnt.

So ist es mit Gewohnheiten. Wenn sie in eine neue Situation versetzt werden (oder in einen neuen Moderator), kann es sein, dass plötzlich aller noch verbliebener Sinn von ihnen abfällt. Und dann ist es gut, wenn einmal ganz offiziell Schluss ist damit.


Samstag, 13. Dezember 2014

Soundstrukturen

Die Datafizierung macht auch vor den Musiken der Welt nicht halt. Denn ganz unromantisch betrachtet, ist Musik auch nichts anderes als ein Bündel unterschiedlichster Datenpunkte, die miteinander in Beziehung stehen. Dass die Decodierung der musikalischen Welt dabei auch von wirtschaftlichem Interesse ist, versteht sich von selbst.

Nicht von ungefähr hat daher der Musik-Streaming-Anbieter Spotify im März diesen Jahres die auf Musikdaten spezialisierte Analyse-Firma The Echo Nest gekauft. Die wiederum ist aus zwei Forschungsprojekten am MIT entstanden.

Das Ergebnis der Tätigkeiten soll unter anderem dazu führen, das Spotify noch besser in die Lage versetzt wird, seinen Kunden Musik vorzuschlagen, die diese interessieren könnte, was natürlich den Konsum ankurbeln soll. Darüber hinaus ist es aber wie immer bei Big Data: die Anwendungsmöglichkeiten, die noch unter diesem Datenberg schlummern, sind noch gar absehbar. In unseren kühnsten Träumen (oder Alpträumen) können wir sie wohl noch nicht erfassen.

Immerhin, für den Musik interessierten Nutzer fallen Nebenprodukte ab. Auf der Website Every Noise at Once hat The Echo Nest Resultate der Analysen graphisch aufbereitet.

So erfahren wir anhand einer riesigen Begriffswolke in welcher Nahe- oder Fernbeziehung sämtliche Muskgenres, von den verschiedenen Spielarten der Klassik bis zum Techno miteinander stehen. Oder  welche Städte, Länder oder Jahreszahlen mit welcher Musik am stärksten in Verbindung stehen.

Auch wenn man das Ergebnis sicher nicht als wissenschaftlich bezeichnen kann,  ist das doch zumindest amüsant und regt zum Denken an. Da kommt zum Beispiel der volkstümliche Schlager (hier: "Volksmusik") ganze nahe beim Latin Pop und nicht allzu weit vom arabischen Pop und Ska-Punk zu liegen. Hm.


Dienstag, 9. Dezember 2014

Ohren(ge)fälliges: Monatsmeister des Monats November 2014

 John Fullbright - Jericho

Bearden, Oklahoma
Gewonnene Ränge: +6
 s. Monatsmeister des Monats Oktober.


Cherub - Doses and Mimosas (Alle Farben Rmx)
Nashville, Tennessee
Gewonnene Ränge: +5

Jetzt ist es nicht so, dass Nashville, Tennessee für populäre Musik so ein ganz unentdecktes Land wäre. Aber, denkt man an Nashville, dann kommen einem eigentlich doch eher weniger 80er Jahre Synth-Funk-Beats in den Sinn, über die im Falsett ein ausufernd-hedonistischer Lebensstil besungen wird, der um teuren Alkohol, Drogen und Ausschweifungen kreist. Genau das aber liefern Cherub aus Nashville in ihrem Track "Doses and Mimosas".

Freilich, ein solides Songwriting ist ein solides Songwriting und das besitzt er zweifelsohne. Und das hat dazu geführt, dass sich der Song in den letzten Jahren aus einem verborgenen Winkel des Internet heraus zu einem viralen Phänomen entwickelt hat. Ein erstes Album namens "Year of the Caprese" haben Jordan Kelley und Jason Huber, die zusammen Cherub sind, folgerichtig dieses Jahr auch schon heraus gebracht.

Nur, allein deshalb würde ich diese eher unernsten Vintage-Partyfreunde aus dem amerikanischen Süden an dieser Stelle jetzt nicht vorstellen. Das verdanken sie dem exzellente Remix, den der Berliner DJ Alle Farben "Doses and Mimoses" kürzlich hat zuteil werden lassen. Er hat dem Track eine intensive Clubbehandlung verpasst, die aus dem recht originellen, aber auch ein wenig dünnen Original einen dichtes, intensives Stück Musik macht, das wie süßer Sirup die Klangwahrnehmung durchströmt - solange man sich vom nicht ganz druckreifen Text nicht allzu sehr verstören lässt.

Cherub - Doses and Mimosas (Alle Farben Rmx) via Tonspion (freier Download)





Mittwoch, 3. Dezember 2014

GewinnerInnen der Jahresumfrage 2013 - Preisauslosung # 1

Kaum gelost, schon gelöst. M.K-M. konnte es berechtigter Weise gar nicht erwarten und nahm am vergangenen Bratwürstelsonntag den Eventbesuch nach Wahl in Anspruch. Filmbrunch im Gelben Krokodil mit Bratwürsteln (also, zumindest ich hatte welche) und vielem mehr. Und dann: "The Zero Theorem" (Rezension folgt einmal).


Montag, 1. Dezember 2014

In Concert # 49: Richard Wagner - "Siegfried", 15.11.2014, Musiktheater Linz

Ich schalte mein Handy immer aus, wenn es angebracht ist. Im Kino immer. Und in der Oper oder im Theater auch immer, sofern ich einmal dort bin. Und auf Hochzeiten, Begräbnissen und Taufen sowieso. Ich schaue lieber ein zweites und noch ein drittes Mal auf das Display, um ganz sicher zu gehen. Bevor etwas passiert.

Und dann passiert etwas bei der "Siegfried"-Ouvertüre und keinem fällt es auf. Das liegt vermutlich einerseits an der Bauweise der Publikumsränge im Linzer Musiktheater. Es liegt aber auch an der Musik von Wagner, die wie so ein dichter Klangvorhang auf einen herunter fällt (s. schon hier), so dass ein dumm klingelndes Mobiltelefon nicht viel ausrichten kann.

Menschliches Versagen, das mit dem Mobiltelefon. Bedingt durch eine gewisse körperliche Erschöpfung in einer gerade anstrengenden Zeit. Lars Clevemann kann davon auch ein, ja, Lied singen. Der Heldentenor des Siegfried ist an jenem Abend nicht ganz bei Stimme, das hört man zu Anfang ganz besonders. In der Pause nach dem ersten Aufzug wird das ein Vertreter des Musiktheaters wie folgt erklären: Siegfried ist in der zugigen Behausung des Mime aufgewachsen und hat sich dabei eine Erkältung eingefangen.

Die Wohnstatt des Waffen wie Ränke schmiedenden Zwerges, der sich des verwaisten Siegfried aus eigennützigen Motiven angenommen hat, ist ein eher trostloser Ort. Schutt und Reste der Arbeitstätigkeit liegen herum. Hier hausen Außenseiter der Gesellschaft, schrullig geworden in der ihren eigenen, abgeschiedenen Welt. Der Inszenierung gelingt es, hier eine eindrückliche Atmosphäre der selbst bezogenen Isolation zu schaffen. Das macht nach der eher biederen Militärjacken-Performance in der "Walküre" Hoffnung.

Dieser Ort der Isolation ist zeitlich in der Gegenwart angesiedelt. Das erkennen wir am Kühlschrank oder dem angedeuteten Fernseher, in den Siegfried, seiner Wohngemeinschaft mit Mime bereits überdrüssig, hinein schaut. Der Wälsungenspross selbst soll ein Kind unserer Zeit darstellen, rebellisch und mit einem mobilen Gerät in der Hand. Mit dem kann er offensichtlich auch in Computersysteme eindringen, die Neidhöhle des zum Lindwurm gewordenen Fafner knacken und diesen dann in der virtuellen Realität als MMORPG-Figur nieder machen.

Kaum hat er aber mittels seiner Skills den Nibelungenschatz erbeutet, verwandelt er sich in einen Anzug-tragenden Geldmenschen. Siegfried hat nun die Mittel, sich endgültig über die hergekommenen Autoritäten zu setzen und schiebt Wotan beiseite um sich der Brünnhilde zu bemächtigen. Alles geht, dass wissen auch Erda und Wotan, jetzt den virtuellen Bach hinunter. Das Ende der Geschichte, aber nicht so, wie gewollt. Bilder von Unruhen und Revolten, von Kriegen mit Waffen und Nachrichten, beschließen den Abend.

Leider löst die Inszenierung für mein Dafürhalten nicht ganz ein, was sie anfangs verspricht. Die Elemente des digital-technischen Zeitalter, die hier auftauchen, wirken eher Gimmick-haft und werden nicht konsequent durchgehalten. Nothung ist dann eben doch ein Schwert aus Stahl, auch wenn es kurzzeitig zu Einsen und Nullen mutiert. Die Wagnersche Mythenwelt  reibt sich mit der Anmutung der Aktualität, aber nicht unbedingt so, dass es immer spannungsvoll wirkt. Die Zeitebenen der ersten beiden Teile (frühe Zivilisation im "Rheingold" und militärischer Imperialismus in der "Walküre") ragen herein, ohne dass es etwas Ganzes, Neues entsteht. Dass der "Siegfried" trotz (oder gerade wegen) seiner dramatischen Ereignisse nicht unbedingt Wagners dramaturgisch bestes Werk ist, hilft dabei auch nicht.

Jetzt kann man natürlich einwenden: So ist die heutige Welt doch. Weil sie doch  so komplex ist, weil sich das Alte mit dem Neuen mischt und ringt und weil ihre Vielgestaltigkeit Verwirrung stiftet. Aber: dieser Einwand hat etwas allzu Simples, weil die eigene Zeit doch bis zu einem gewissen Grade immer so erscheint. Und ist es jetzt vermessen zu sagen, dass wir von der Kunst eigentlich erwarten, dass sie uns ein größeres Bild, das sie uns Katharsis, dass sie uns Linderung von der Verwirrung verschafft? Vor allem aber: zum Wagnerschen Gesamtkunstwerk will dieser Zugang ästhetisch für mich nicht recht passen.

Er schadet ihm aber an diesem Abend auch nicht wirklich. Musikalisch ist das Niveau wieder souverän (und, es ist natürlich ungerecht, dass die Musiker meist das Lob und die kreativ wahrlich wagenden Regisseure immer das kritische Feedback bekommen, aber so ist es im Musiktheater). Nur der Siegfried fällt da etwas aus dem Rahmen, hat dafür aber einen guten Grund.

Während mich bei klassischen Konzerten lieblicherer Art in der Vergangenheit des Öfteren ob des unbewegten Sitzens und der beruhigenden Tonalität eher das Gähnen gepackt hat, hat mich also der Wagner erneut wieder und wieder gepackt und aufgerüttelt.

Dass zwischendurch mobile Geräte dazwischenfunken, konnte da nicht wirklich stören.