Freitag, 10. April 2015

In Concert # 50: Paul Simon & Sting, 1.4.2015, Stadthalle, Wien

Wer hat, der hat. Paul Simon und Sting können, wenn sie ihre Kräfte bündeln, auf ein gewaltiges  Repertoire an gut (eher Sting) bis sehr gut (eher Paul Simon) gebauten Songs zurück greifen, von denen auch nicht wenige die Radiowellen zum Glühen gebracht haben, also rundum bekannt sind.
Das haben sich die beiden Herren auch gedacht und sich nach einem gemeinsam bestrittenen Rettet-die-Welt-Konzert zusammen getan und eine gemeinsame Tour ausgeheckt. "On Stage Together" heißt die, eher redundanter Weise.

Auch persönlich und musikalisch verbindet sie ja so manches. Beide sind schon früh mit einer weltberühmten Gruppe und dem einen oder anderen Ära-mitdefinierenden Über-Hit groß raus gekommen. In einem recht engen Genre-Korsett freilich. Sting mit dem gen Jamaika schielenden Post-Punk der späten Siebziger. Und Paul Simon natürlich mit Garfunkel und diesem schonungslos sentimentalen wie schönen Folkpop.

Beide haben sich dann frei gemacht und sich solo auf große Pop-Welterkundung begeben, vieles ausprobiert und alle möglichen Genregrenzen überwunden. Insbesondere die Vielfalt der Weltmusiken hat es beiden angetan.

Auch kommt man nicht umhin, im Solo-Sting gewisse Einflüsse wahrzunehmen, die auf das Songwriting eines Paul Simon Mitte der Siebziger Jahre verweisen. Jungmusikerjahre prägen eben.

Gemeinsam treten sie denn auch am Anfang eines langen Abends auf die Bühne. Paul Simon können wir aus dem hinteren Winkel, der Wiener Stadthalle, in dem wir sitzen, gut erkennen. Und dann ist da auch noch ein vollbärtiger Herr mit Bassgitarre im Blaumann-Stil, der anfangs noch seine Stimme sucht. Das ist offenbar Sting.

"Brand New Day" ist ein halborigineller Beginn, gefolgt von "The Boy in The Bubble" mit dem obligatorischen Akkordeon und dem Louisiana-trifft-Afrika-Feeling. Die instrumentale Mannschaftsaufstellung ist bemerkenswert - Paul Simon und Sting haben ihre gesamten Bands zusammen geworfen, 16 Musikerinnen und Musiker geigen miteinander auf. Doppelte Schlagwerke, Blechbläser-Sektion, Stings Backgroundsängerin usf. Die Original-Hits können genau nachgestellt werden.

Und davon gibt es, wie gesagt, jede Menge. Unaufhaltsam rollt eine bekannte Melodie nach der anderen über das Publikum hinweg. "Fields of Gold" zB schon recht bald, dann "Mother and Child Reunion". Der Eitelkeit des Hörers wird geschmeichelt, denn vieles erkennt man sogleich, manchmal an den allerersten Tönen. Der Sound der Big Band braucht sich dabei nicht zu verstecken und kommt in der Wiener Stadthalle auch zur Geltung, die für eine Mehrzweckhalle (es ist mein erstes Konzert dort) an diesem Abend sehr positiv überrascht. Kein Vergleich mit einem Klang-Grab in meiner Stadt.

Das ist alles sehr wohlklingend und doch - wie soll man es anders sagen - auf Dauer auch ein bisschen fad. Die Unermüdlichkeit, mit der die Protagonisten uns nahezu jedes einzelne klassische Stück ("Sounds of Silence" ist ausgenommen) präsentieren wollen, mit der jeder Fan jedes der beiden zufrieden gestellt werden soll, wirkt bei aller musikalischen und klanglichen Souveränität gar angestrengt und etwas bieder. Und es zeigt uns etwas, das wir eigentlich auch von Compilations und Radioprogrammen wissen: zu viel Süßes verdirbt den Magen. Es braucht auch Kontrapunkte, Brüche, ja vielleicht sogar Durchhänger um ein rundes Ganzes zu formen. Erholungspunkte auf jeden Fall. Das gelingt an diesem Abend nicht wirklich, der Wille zur Hitparade ist zu groß.

Zwischendrin schaut es für einen Augenblick etwas anders aus: Sting hat sich eine Folkgitarre geschnappt. Er sagt ein paar nette Worte über die Bedeutung von Paul-Simon-Songs. Und spielt dann den besten von diesen aus der Simon & Garfunkel-Ära: America. Nur, um am Punkt der größten Entrückung plötzlich in "Message in the Bottle" zu kippen. Die Fans jubeln (und singen zuvor etwa auch bei "Englishman in New York" stimmgewaltig mit), aber der Moment ist zerstört.

Auch das Zusammenwirken der beiden Stars ist vor allem eines: recht glatt gebügelt. Aus dem Zusammenspiel ergibt sich wenig Bemerkenswertes, es ist oft eher ein Mitsingen im Gange, denn ein Sich-gegenseitig-beeinflussen, ein Sich-reiben oder Sich-reizen. Ein bisschen weniger Respekt vor dem Kanon des jeweils anderen hätte vielleicht gar nicht geschadet.

Am Ende werden auch ein paar Cover eingestreut, eine Nummer der alten Paul Simon-Helden Everly Brothers beschließt den Abend nach fast vier Stunden. Da sind wir schon ermattet.

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