Freitag, 26. Juni 2015

Im Kino # 31: Nathalie Borgers - Fang den Haider

A 2015

Die Gruppe ehemaliger Haider-Vertrauter teilt sich in zwei Lager. Jene, die wissen, wie man eine Internetsuchmaschine bedient und jene, die das offenbar nicht wissen. Gibt man nämlich "Nathalie Borgers" dort ein, erfährt man sogleich, mit welchem Streifen die Dokumentarfilmerin aus Belgien in Österreich bislang am meisten Aufsehen erregt hat.

"Kronen Zeitung, Tag für Tag ein Boulevardstück" (engl. "Citizen Krone") kam 2002 heraus und offenbarte einen tiefen Einblick in das innere Wirken und die äußere Wirkung der Auflagen stärksten Zeitung des Alpenlandes. Ein schauriges Panorama der österreichischen Seele wurde da aufgetan: Journalisten, die gezielt, ganz unverhohlen und mit mutwilligen Übertreibungen die Angst vor Flüchtlingsströmen schüren, Kirchenmänner, die zugleich die Blattlinie als "christlich" bezeichnen, höchste Repräsentanten des Staates, die vor der Zeitung und ihrem Herausgeber zu Kreuze kriechen, ein "Poet", der stolz sein Bücherregal präsentiert, in dem die gesammelten Reden Adolf Hitlers zu finden sind.

Der Trick, mit der Borgers diese erstaunlichen Einblicke zustande brachte, war so genial wie scheinbar einfach. Als ausländische Dokumentarfilmerin mit nettem französischem Akzent getarnt, gab sie sich scheinbar distanziert vom österreichischen Politzirkus, wirkte auf die Objekte ihrer Recherche arglos, harmlos-neugierig, fast naiv, was sie natürlich niemals war. Denn sie musste das Vertrauen gestandener medialer und politischer Profis gewinnen, nicht mit unerfahreneren, schlichteren Gemütern werken, wie es etwa der Kollege Ulrich Seidl tut. Das Ergebnis war so sensationell und erschütternd, dass die Kronen Zeitung in der Folge den Fernsehsender ARTE, der die Doku brachte, kurzerhand aus dem Fernsehprogramm strich und sich der ORF angeblich standhaft weigerte, den Film auszustrahlen.

Die Kronen Zeitung, so eine Kernthese von Nathalie Borgers damals, ist wesentlich mitverantwortlich für den Aufstieg Jörg Haiders und damit des Rechtspopulismus, der es gerade unter wütenden Protesten des restlichen Europas in Regierungsämter geschafft hatte (heute leider ein Zustand der "Normalität").

Von der "Kronen Zeitung" ist in Borgers´ neuem Werk "Fang den Haider" nicht mehr die Rede. Es geht um die ideologischen Wurzeln, die unterstützenden Netzwerke und die Systeme die Jörg Haider genutzt hat, um Macht zu erlangen und zu erhalten. Und um die Frage, warum er trotz des ökonomisch wie politisch toxischen Erbes, das er und seine blauen (und dann orangen) Getreuen hinterlassen haben, immer noch einen harten Kern von Verehrern besitzt.

Zuerst besuchen wir also die deutschnationalen Bauern Kärntens, die offenbar keine Suchmaschine benutzt haben und Nathalie Borgers freundlich in die Küche lassen. Überhaupt, die Filmemacherin muss sich Sorgen um ihren Cholesterinspiegel machen - allerorten wird sie gastfreundlich empfangen. Im Salzkammergut, der zweiten Heimat Haiders, bereitet Uschi Haubner eine Leibspeise des verstorbenen Bruders zu. Nathalie Borgers hat es offenbar wieder geschafft, ins Gespräch zu kommen. Auch die greise Mutter Haider plaudert entspannt über die Besatzungszeit.

Nicht alle Weggefährten Haiders sind freilich verfügbar. Viele stehen vor Gericht und haben keine Lust auf Interviews. Stefan Petzner hat offenbar gegoogelt und ist misstrauisch: "Nur, wenn das ein positiver Film wird und kein linker Film!" Das Interview kommt nicht zustande. Der ehemalige Haider-Sekretär Peter Westenthaler gibt hingegen gerne Auskunft - umgeben vom luxuriösen Ambiente eines Kärntner Hotels, in dem er bei seinen vielen Besuchen im Süden nächtigen durfte. Dies gehört zu den eindringlichsten Szenen.

Haider, den Privatmann, spart der Film weitgehend aus. Auch Jahre nach seinem Tod umgibt diesen eine Mauer des Schweigens. Im Mittelpunkt stehen seine Netzwerke, seine wechselnden politischen Allianzen und Loyalitäten. Seine Taktiken und Tricks (etwa die auf Steuerzahlerkosten errichtete Tankstelle mit angeblich libyschem Öl).  

"Fang den Haider" schlägt keine vergleichbaren Wellen wie die "Kronen Zeitung"-Dokumentation, hat nicht annähernd deren entlarvende Brisanz. Altrechte Politveteranen sitzen hier in idyllischen Kärntner Landschaften, verarbeiten das Geschehene und werben um Verständnis. Kritische Stimmen klingen ebenfalls nachdenklich, scheinen in Reminiszenzen zu schwelgen. Scharfe politische Wortmeldungen finden nicht statt.

Blendet man das widerlich-provokative Anstreifen an der NS-Zeit aus, so wirkt das hier gezeichnete Bild des wendigen und stark Kärnten-bezogenen Lederhosen-Populismus Haiders angesichts der aggressiven Fratze, die der rechte Populismus heute im Europa der Krise erhebt, fast schon wieder niedlich. Aber das sind die Tücken der Nostalgie und es täuscht. Borgers macht kein Hehl aus ihrer Ansicht, dass im schönen Salzkammergut und in den beschaulichen Tälern Kärntens etwas angefangen hat, an dem Österreich und Europa heute schwer zu tragen hat.

Mit "Fang den Haider" ist ihr mit ihrer bewährten und kurzweiligen Vorgehensweise ein nicht uninteressantes zeithistorisches Dokument gelungen, ein Schlaglicht auf eine vergangene Phase des Rechtspopulismus, verkörpert durch seinen ersten Medienstar.

Meine Bewertung: 3 aus 5 Sternen

Dienstag, 23. Juni 2015

Sonntag, 21. Juni 2015

Ohren(ge)fälliges: Monatsmeister des Monats Mai 2015

Sleater-Kinney - Bury Our Friends
Olympia, Washington
Gewonnene Ränge: +4


Gestern war es wieder trist. Schafskälte, Regen. Wir stehen auf der Straße, versuchen Menschen zu animieren, unser Anliegen zu unterstützen. Sie eilen vorbei, keiner will irgendwo verweilen, es treibt sie nach Hause. Die, die kommen, sind fordernd. Was machen wir da, was soll das überhaupt. Zeitverschwendung, Geldverschwendung. Die Welt ist ja so schlecht und da können wir nichts dran ändern. Resignation, Fluchtgelüste. Einer will nach Bali auswandern. Macht das die Welt vielleicht besser? Keine Ahnung.

Ich höre freundlich geduldig zu und antworte konstruktiv. Es ist besser für mich, besser für die, besser für alle. Kritik ist ja etwas Gutes, auch wenn sie nicht zur Gänze zutreffen sollte. Sie schärft den Verstand, verbläst Illusionen, lässt bei wirklicher Auseinandersetzung Argumente und Klarheit wachsen. Wer sich dem versperrt, ist ärmer.

Das bedeutet auch, sich eben nicht hinreißen lassen zu geistloser Vereinfachung. Oder zu apathischer Geistlosigkeit. Eine Zielsetzung, die wiewohl auch einen Anspruch jeglicher Kunst bildet, die sich nicht darauf beschränken möchte, bloß unterhaltend zu sein.

Einen derartigen Anspruch darf man auch Sleater-Kinney ruhig unterstellen. Die Band kommt aus dem Riot Grrl- und Queercore-Milieu des US-amerikanischen Nordwestens. Feministische und linkspolitische Motive, eine kritische Grundhaltung spielen bei der Gestaltwerdung ihrer Texte und Musik seit jeher eine wichtige Rolle.

Dabei fuhrwerken Sleater-Kinney freilich zupackend und unverworren, eingängig und geradlinig und verarbeiten gekonnt die musikalische Ideenwelt des Punk, Post-Punk, Indie, Alt- und Stadionrock der letzten zwei Dekaden zu einem Gemisch, dem man sich schwer entziehen kann. Da funkeln die Parolen also in zündenden Gitarrenläufen und großen Refrains.

Wenn ich auch den tiefen Huldigungen der Band durch die Indierock-Presse (noch) nicht immer bedingungslos folgen kann, so muss ich doch feststellen: da ist, wenn nicht das absolute Gegenteil, so doch ein starkes Antidot gegen apathische Geistlosigkeit gegeben. "Exhume our idols, bury our friends!" schallt es uns in dem Song "Bury Our Friends" (Album: No Cities To Love, 2015) frenetisch entgegen. Und wir sind versucht, unmittelbar zurück zu geben: "Ja, verdammt!" - während unser Gehirn noch dabei ist, die Worte in eine für uns passende Botschaft zu decodieren.




Sleater-Kinney - Bury Our Friends (freier Download)

Mittwoch, 17. Juni 2015

Amnesty informiert: Lage der Menschenrechte 2014/15 - Interview mit Heinz Patzelt

Schon traditionell: Unsere alljährliche Sendung zum Amnesty-Jahresbericht.

Wie sieht es aus in der Welt, was gibt es Positives, was Negatives zu berichten? Im Gespräch Heinz Patzelt, der Generalsekretär von Amnesty International Österreich.

Wir reden über die Krisenherde der Welt und die resultierenden Flüchtlingsströme. Wie wirkt sich das menschenrechtlich aus, was können unsere Regierungen machen, um Menschenrechte auch weiter sicherzustellen?

Andere Themen sind Meinungsfreiheit und Demonstrationsrecht, Gleichberechtigung für Homosexuelle und die Situation in Österreichs Gefängnissen.

Gestaltung und Moderation: Sarah Berger

Samstag, 13. Juni 2015

Schutz und Schirm

Gerade jetzt, wo in der Praxis der österreichischen Flüchtlingspolitik allerorten Mutlosigkeit und Zynismus, manchmal an der Grenze zum Amtsmissbrauch, herrscht, ist es wichtig, Zeichen zu setzen.

Der European Umbrella March ist eine Gelegenheit dazu.

Die Teilnahme an der Linzer Ausgabe mit Regenschirmen, Reden und Musik kann ich wärmstens empfehlen.



PS: Den Umbrella March gibt es auch in Wien.

Mittwoch, 10. Juni 2015

FIFA - Der Film

Der tiefe Fall des..........................



...Tim Roth.

Dieser Film ist auf dem besten Wege, das zweiterfolgreichste FIFA-Projekt nach der Förderung des karibischen Nachwuchsfußballs zu werden. Die Kritiker überschlagen sich. IMDb gibt beachtliche 2.2. von 10 Punkten. Die Kasse klingelt. Das Timing ist sagenhaft.

Montag, 8. Juni 2015

Korso

Gestern Abend waren da plötzlich hupende Autos, die Geräusche eines Autokorsos von jenseits der Linzer Goethekreuzung. Eine akustische Kulisse wie man sie von Hochzeiten und nach großen Fußballspielen kennt. Aber sonntags am späten Abend? Wer feiert um diese Zeit irgend etwas?

Da erinnere ich mich an meine Zeit im Neustadtviertel, an die Tage der Fußball-Europameisterschaft. An die fröhlichen Umzüge auf der Humboldtstraße nach den Siegen der türkischen Nationalmannschaft (das hat mich damals dazu animiert, sie in meiner fiktiven und politisch nicht hundertprozentig korrekten Variante sogar zum Titelträger zu küren).

Und ja, da vermute ich auch jetzt den Ursprung des Hupens. Nur, Fußball wurde diesmal keiner gespielt. Es wird wohl das Ergebnis der türkischen Wahlen gefeiert worden sein.

Es gibt ja zur Zeit politisch nicht viel Positives zu bejubeln. Aber, die Tatsache, dass die türkische Wahlbevölkerung den autoritären Ambitionen des Präsidenten ein Stoppschild verpasst, ist eine.

Sicher, man kann das relativieren. Erstens ist da eine wirtschaftliche Abschwächung und steigende Arbeitslosigkeit und daher so eine Abstimmung wohl mehr ein Ausdruck von Unzufriedenheit als ein echtes Plebiszit über das politische System. Und zweitens haben Erdogans Gegner in der Vergangenheit überwiegend bewiesen, dass sie die Türkei auch nicht viel besser zu führen vermögen.

Aber in Zeiten, in denen autoritäre Tendenzen auf der einen und die Spaltung der Menschen auf der anderen Seite überall auf der Welt eher stärker werden, ist das doch eine schöne Atempause. Da kann man ruhig hupen.