Mittwoch, 7. Mai 2014

In Concert # 43: Donaufestival, 25.4. + 26.4.2014, Krems/Donau, Teil 2

Samstag, der 26.4.2014. Der Techno-Abend des Donaufestivals.

Zuerst aber geht die Sonne auf, wenn sie auch noch etwas umwölkt ist, und wir in die Kunsthalle Krems. Mit dem Donaufestival-Ticket gibt es auch den freien Eintritt in die dortigen Ausstellungen. Wir sehen die interessanten, sozialkritischen Animationsfilme des Südafrikaners William Kentridge. Wir begutachten die Fineliner-auf-Wand-Zeichnungen von Constantin Luser und deren reizvolle dreidimensionale Pendants aus Draht, die im Naturlichtsaal von der Decke hängen. Dann widmen wir uns ausgiebig der Ausstellung "Zurück in die Zukunft. Von Tiepolo bis Warhol", in der die erstaunliche Sammlung Klüser mit Zeichnungen aus sechs Jahrhunderten zu sehen ist. Die Kunsthalle ist immer einen Besuch wert. Ich erstehe für einen Euro ein Restexemplar des Kataloges einer Ausstellung, die ich vor Jahren hier gesehen habe.

Die Sonne kommt gänzlich hervor, wir spazieren in die Hügeln von Krems. Während intensiver Sonnenschein auf den Ödflächen von großer Festivalgeländen normalerweise keine allzu gute Nachricht ist (Regen aber natürlich erst recht nicht), ist hier am Tor zur Wachau ein schönes Geschenk. Man wandert Richtung Weinberge oder auf die nächste Anhöhe, setzt sich dort auf eine halbschattige Bank. Das ist ein Festivalleben, wie ich es mir einreden lasse. Die Entfernungen zwischen den Festivalorten sind auch nicht groß und doch kann man ein wenig durch die Gassen gehen, sich etwa zwischen dem Konzert in der Minoritenkirche und einem solchen in der Messhalle ein wenig die Beine vertreten oder auch ein Lokal oder Kaffeehaus ansteuern. Und, falls es einem doch einmal reichen sollte: der Kremser Bahnhof ist auch nicht weit. Freilich: Krems ist schön, so schnell zieht es einen dann eh nicht fort. Aber, das dürfte ja bekannt sein.

In der Minoritenkirche (s. schon am 25.4.2014) geht es abends weiter. Das Programm ist umgestellt worden. Nicht wie ursprünglich angekündigt Dean Blunt tritt hier auf, sondern Vessel, ein junger Macher elektronischer Musik aus dem diesbezüglich notorischen Bristol. Anders als am Tag zuvor ist der Klangraum diesmal in Dunkelheit gehüllt. Keine Lichtblitze geistern hier herum, man sieht die Hand vor den eigenen Augen nicht. Hat sich das Sehorgan dann an die Lichtverhältnisse gewöhnt, blickt es auf eine Schattengestalt, die auf der gegenüber liegenden Seite der Kirche an einem hohen Pult werkt, das wie ein sinistrer Altar über den Raum blickt. Dass da jemand am Werken sein muss, hat man freilich schon geahnt, als man von außen das Scheppern am Mauerwerk der Minoritenkirche wahr genommen hat. Nun ist man mittendrin in einer von düsteren Beats und dunklen Bässen beherrschten Messe, bei der man nicht so recht weiß, welche Mächte da gerade angerufen werden. Die Melancholie des Sounds von Bristol ist sicherlich da, aber auch ein feierlicher Grundton, der an die in derartigen Räumen zu erwartende Orgel erinnert. Hörenswert in jedem Fall.

Während die meisten an diese Wochenende anwesenden Künstlerpersonen ganz im Schatten ihrer Klangerzeugnissse verweilen und sich auch bei Begrüßung und Verabschiedung ganz im Understatement üben, gibt sodann Vatican Shadow in der Messehalle eine Ausnahme. Wild zuckt er zu seinem harten, industriellen, aber nicht unbedingt überlauten Techno und schüttelt den Scheitel ekstatisch über sein Gesicht. Mit dem im Programmheft angekündigten "militant religiösen Marsch für den Dancefloor", den er angeblich aus "martialischen Rhythmen" und "kriegerischen Ikonographien" baut, hat das zwar nur bedingt etwas zu tun. Dafür gibt es aber als visuelles Treatment Pläne und Tabellen aus dem Flugwesen, Börsenkurse und Zusammenbau- bzw. Bedienungsanleitungen für Maschinengewehre. Kurzweilig.

Edgar Retro ist der heimische Beitrag zu diesem Wochenende. Ein Wiener Techno-Schmied mit kraftvollem, solid-sauberem Sound. Sein augenscheinlicher Job: den roten Teppich auslegen für ein mutmaßliches Vorbild, Jeff Mills. Sein Handlungsort daher nicht die große Bühne im Stadtsaal, wo für Mills aufgebaut worden ist, sondern ein DJ-Tisch an der Rückwand des Saals. Ein DJ zum Anfassen, beinahe. Und einer, bei dem man beobachten kann, wie auch der elektronische Musiker nicht bloß ein- und ausschaltet, sondern während des Auftritts so einiges ableistet.

Sogar Überstunden. Denn Jeff Mills lässt eine gute halbe Stunde auf sich warten, ehe er das Kommando übernimmt. In einen Trockeneisnebel gehüllt, entschädigt eine der lebenden Legenden des Detroit Techno dann aber mit einem sehr großen, sehr warmen und sehr runden Klang. Und einem sehr schönen. Gut möglich, dass das auch ziemlich hart und laut sein mag, aber in erster Linie erscheint er mir wie eine Wolke aus Sound, die einen weg trägt, komplett weg zoomt aus dem Hier und Jetzt in eine andere Welt, in der das ständige Mitdenken endlich einmal abgemeldet ist. Nicht nur die schier undurchdringliche Dicke des Klanges trägt dazu bei, auch die, selbst für Techno-Verhältnisse, enorme Repetitivität. Ich bilde mir zumindest ein, dass ich eine gute Stunde lang praktisch ein- und dieselbe Phrase gehört habe. Und das Erstaunliche: es hat mir nichts ausgemacht. Ein Auftritt, der bei mir noch vorhandene Rest-Klischees über Techno ein Stück weit über den Haufen geworfen hat.

Den stundenlangen Jeff Mills-Härtetest, freilich, unternehme ich dann doch nicht. Drüben in der anderen Halle spielen die Ninos Du Brasil und da bin ich doch zu neugierig. Diese italienische Band mit Mastermind Nico Vascellari mischt brasilianische Rhythmen mit Techno und das Ganze mit Punk. Um diesen sehr spezifischen Sound zu generieren, wird auf der Bühne hart gearbeitet und werden zwei Schlagzeuge intensivst bearbeitet. Das Ergebnis ist durchaus tanz- und anhörbar, aber nicht ganz so aufregend wie es in seiner Beschreibung klingt.

Vielleicht bin ich aber auch schon zu ermüdet vom langen Festivaltag, um den brasilianischen Karneval noch erfassen zu können. Wir wollen dann eigentlich auch schon fast gehen, aber noch hält uns etwas zurück: Ron Morelli. Der schafft es mit seinem abwechslungsreich-unterhaltsamen, in die Beine gehenden und irgendwie Fröhlichkeit induzierenden Mix, noch einmal die allerletzten Aufmerksamkeitsreserven wachzuküssen.

Dann ist es aber Zeit, das letzte der wenigen, weil teuren, Biere auszutrinken, ein gar nicht teures Festivalshirt zu kaufen (das ich am Heimweg dann vorübergehend im dunklen Stadtpark verlieren werde) und geplättet von all den Eindrücken heim zu wanken. Sonst noch auffällig: an diesem zweiten Tag hatten wir die Acts mehr für uns,die Hallen waren spärlicher besetzt. Die Sehen-und-Gesehen-werden-Kunst-Crowd aus Teil 1 machte sich am Techno-Tag eher rar, der durchschnittliche Besucher einen im Vergleich geerdeteren Eindruck.

Das Donaufestival. Wieder einmal war es spannend, anregend, Horizont erweiternd. Wer davor nicht scheut (und das sollte ja eigentlich keiner), der sollte unbedingt selbst einmal hinfahren.

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