Montag, 26. September 2011

Kranksein

Früher, in der Kindheit, konnte das Kranksein etwas Schönes sein. Nicht dass ihr mich falsch versteht oder glaubt, ich falle jetzt auch noch vollständig dem mit fortschreitenden Alter virulenter werdenden Nostalgiebazillus anheim. Natürlich waren die hohen Fieberschübe der adoleszenten Sommer-Grippe grauslich, die juckenden Pusteln der Scharlach, die unreifen Witze, wenn man in die Schule zurück kehrte ("Mit Angina im Bett? Wer ist denn die?").

Aber, ich ging nicht wirklich gern in die Schule. Das war ein sehr, sehr grauer Ort, an dem Menschen, die nicht immer ganz glücklich dabei wirkten (recht vorsichtig ausgedrückt), versuchten, einem streng nach Stundenplan irgend etwas einzutrichtern, was einen gerade gar nicht interessierte, weil einen irgend etwas anderes gerade viel mehr interessiert hätte. Außerdem war die Schule ein viel zu lauter Ort voller Menschen, von denen die meiste Zeit der eine Teil klein und Nerv tötend und der andere viel größer als man selbst und daher einigermaßen Furcht einflößend war.

Da konnte es schon einmal erfreulich sein, wenn man eines Morgens feststellte, dass die Temperatur erhöht war oder der Schnupfen, so lästig er ist, etwas zu heftig ausfiel. Man startete in Verhandlungen und, wenn man bestand, durfte man im Bett bleiben, die Stille der Vormittags genießen, die Katze streicheln, die auf den Schoß gehüpft kam und den ganzen Tag versorgt werden. Und irgendwo weit weg, in der fernen Schule, fehlte man und fiel genau dadurch auf, trat aus der Masse hervor, wurde mehr zum Individuum, als man das an diesem einen Tag durch Anwesenheit geschafft hätte.

Heute ist das ganz anders. Die Frage lautet nicht mehr "Bin ich krank genug, um zu Hause zu bleiben?". Sie lautet "Bin ich gesund genug, um zu arbeiten?". Denn, im Gegensatz zur Schulzeit, wo kein Mitschüler deine Mitarbeit erledigen musste und du schlimmstenfalls nachher in Erfahrung zu bringen hattest, welche Hausaufgaben du verpasst hast, verflüchtigt sich jetzt die Arbeit nicht dadurch, dass man einen Tag nicht da ist. Die KollegInnen müssen die ganz dringenden Sachen erledigen und die weniger dringenden, somit der große Rest, bleibt einfach liegen und sorgt dafür, dass in weniger Wochen-Zeit mehr Arbeitsstress entsteht.

Das bewirkt schwere Gewissenspein, wenn man feststellt, dass man eigentlich nicht ganz gesund ist, wenn etwa der Hals schmerzt und man nur ein Krächzen herausbringt, das gelegentlich von Husten unterbrochen wird. Dann soll man nicht in die Arbeit, schon klar, erst recht nicht, wenn man arbeitsbedingt mehrere Stunden am Tag die Stimme einsetzt. Untersuchungen belegen, dass Menschen, die krank zur Arbeit gehen, ihrem Arbeitgeber mehr schaden als nützen, weil ihre Fehleranfälligkeit drastisch steigt, die Produktivität sinkt und sie andere mit Krankheitserregern infizieren. Aber, wo zieht man die Grenze?

Im Zweifel muss man sich für die Gesundheit entscheiden.

Darum höre ich jetzt auch schon wieder auf zu schreiben, denn wesentlich fitter als heute morgen fühle mich noch nicht. Und, ich will morgen wieder gesund genug sein, um meine Stimme einsetzen zu können.


1 Kommentar:

finette hat gesagt…

Gute Besserung wünscht Fini (die selbst leidet, weil Handwerker im Haus sind)!