Sonntag, 5. Januar 2014

Im Kino # 24: Jim Jarmusch - Only Lovers Left Alive

D/UK/F/CYP 2013

Ein Film von Jim Jarmusch. Ein Genrestück noch dazu. Mit Tilda Swinton, Tom Hiddleston, Mia Wasikowska und John Hurt. An faszinierenden Schauplätzen wie Detroit und Tanger spielend. Was kann da schief gehen?

Aber fassen wir zunächst ganz nüchtern zusammen: das Genre, das sich Jim Jarmusch hier vorgenommen hat, ist der Vampirfilm. Die vornehmen Blutsauger werden von genannter Riege hervorragender Darsteller verkörpert. Seit Jahrhunderten wandeln sie unter den "Zombies", wie sie die Menschen nennen, aber ihre Lebensweise hat sich verändert. Den roten Lebenssaft impulsiv vom Nacken des Opfers zu schlürfen, kommt für verantwortungsvolle Vampire nicht mehr in Frage. Der Tropfen wird vorzugsweise keimfrei in medizinischen Einrichtungen geordert.

Das Trinken von Blut ist freilich ohnehin eher notwendige Bedürfnisbefriedung, die wahre Erfüllung finden Jarmuschs Vampire woanders. Sie sind eine transnationale, transtemporale, individualistisch über die Probleme und Bedürfnisse des gemeinen Menschheit erhobene Bohème, die  in der geistigen Welt der Literatur, der Musik (der klassischen wie der populären) und der Wissenschaft zuhause ist. Diese haben sie auch maßgeblich beeinflusst. Der eine hat das berühmte "Adagio" von Schubert geschrieben, der andere den "Hamlet". Adam, ein von Tom Hiddleston gespielter Melancholiker, war mit Lord Byron und den Shelleys befreundet, ein Verweis auf den historischen Ursprung der modernen Vampirerzählung im Jahr 1815 und in der Villa Diodori am Genfer See.

"Only Lovers Left Alive" vermag es durchaus, diese merkwürdigen Charaktere auf interessante Weise zu zeichnen. Ihre Gesten, ihre Sprache, ihr Gehabe, ihre Kleidung verrät die Jahrhunderte, durch die sie gegangen sind, bildet das Amalgam einer Subkultur von Wesen, die viel erlebt haben, an denen viele Moden vorüber gezogen sind und die Elemente aus Jahrhunderten in ihre Persönlichkeiten integriert haben.

Darstellerisch ragt eine gleichermaßen enigmatische wie leidenschaftliche Tilda Swinton hervor, bei der von ihr porträtierten Figur Eve, der Partnerin von Adam, man nicht weiß, ob sie hundert oder achtzehn Jahre alt ist. Zugegeben, dafür muss Tilda Swinton nicht unbedingt eine Vampirin spielen, auch wenn sie hier natürlich eine Idealbesetzung ist. Ihre Mit-Vampire bleiben daneben vergleichsweise blass, allen voran Tom Hiddleston, aber auch Mia Wasikowska, die sich als Eves problematische Schwester Ava sichtlich ins Zeug legt, die aber auch schon beeindruckendere Rollen hatte.

Ihre Bedeutung ist vor allem eine dramaturgische. Anders als bei anderen Jarmusch-Filmen ist man bei "Lovers Left Alive" weniger darüber verwundert, warum scheinbar so wenig geschieht, sondern eher darob, warum dann doch etwas passieren muss..Ava ist es, die den Wendepunkt der Erzählung auslöst und das geht dann doch nachgerade überstürzt vonstatten. Jarmuschs Vampirdrama weist mithin nicht jenes auf wunderliche Weise bannende, erzählerische Kontinuum auf, das seinen Werken sonst so oft innewohnt. Es wirkt dadurch vergleichsweise montiert, konstruiert.

Freilich: Jarmusch umgibt sich und seine Untoten mit schönen intellektuellen Dingen und mit Verweisen und Erinnerungen auf bzw. an solche Dinge. Die Auswahl der Themen und Motive, die erwähnt oder auf die Bezug genommen wird und der Umgang mit ihnen bleibt dabei aber eher oberflächlich. Vampire, Nerdtum, Musik, Nikola Tesla. Dazu ein wenig Klage über den Zustand der Menschenwelt. Alles sehr hip, sehr zeitigeistig. Die Substanz entzieht sich mir eher.

Nichtsdestotrotz wird all das sehenswert in Szene gesetzt. Die Wahl der Schauplätze ist treffend. Detroit und Tanger versinnbildlichen auf romantische Weise alten Glanz wie unklare Zukunft. Die Komposition der einzelnen Bilder, die Einstellungen sind jene große Kunst, die wir vom Meister gewöhnt sind. "Only Lovers Left Alive" ist somit immer noch ein sehenswerter Jarmusch-Film. Wenn auch keines seiner besten Werke.

Meine Bewertung: 3.5 aus 5 Punkten.

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