Donnerstag, 19. Januar 2012

Im Kino # 9: Cary Fukunaga - Jane Eyre

UK/USA 2011

Diese Story hat alles, was dazu gehört: den schwermütig-abgehobenen, aber im Herzen edlen Adligen, die sehnsüchtige Hausangestellte, die herablassende Rivalin, dazu böse Schicksalsschläge, überraschende Erbschaften und dunkle Geheimnisse. Und natürlich: die tragische, Klassen übergreifende Liebesgeschichte, die womöglich nicht sein darf, obwohl sie sein will.  Beschränkt man Charlotte Brontës "Jane Eyre" in dieser Weise auf das Skelett der Handlung, so hat man geradewegs das vor sich, was man heutzutage als Seifenoper bezeichnen würde.

Zweifellos ist der gut 500 Seiten messende Roman, dieser viktorianische Bestseller, ein weitaus tiefer gehendes Etwas als das, verhandelt Themen wie soziale Ungleichheit, Emanzipation, Moral und Religion. Macht man aus ihm einen Kinofilm auf vergleichsweise gedrängten 120 Minuten, so besteht die Herausforderung, wie bei jeder ernst gemeinten Literaturverfilmung, darin, der vorhandenen inhaltlichen Tiefe gerecht zu werden, ohne den Fluss des filmischen Erzählens zu brechen. "Man", das ist im aktuell vorliegenden Fall Cary Joji Fukunaga, der uns 2009 mit "Sin Nombre", einem Film über lateinamerikanische MigrantInnen, die von den "Mara Salavatruchas" gejagt werden, traurig berührt wie begeistert hat. Mit " Jane Eyre" zeigt er uns eine ganz andere Welt und bringt dafür als studierter Historiker profunde Kenntnisse mit.

Herausgekommen ist eine gut getimte, kurzweilige Wiedergabe des Stoffes, die sich nicht allzu lange mit Fragen des Feminismus, der Philosophie oder sozialer Probleme aufhält, sondern diese eher in kurzen, einprägsamen Szenen anzudeuten versucht. Dass daraus trotz der beschriebenen Grundstruktur kein Fall für das Fernsehnachmittagsprogramm wird, ist vor allem zwei Faktoren zu verdanken. Einerseits der souveränen  und über weite Strecken geschmackvollen Regie von Cary Fukunaga. Andererseits den starken DarstellerInnen, allen voran natürlich jener der Titelheldin. Die wird von der - wie immer - in den Bann schlagenden australischen Nachwuchsmimin Mia Wasikowska (gegen deren Ausstrahlung Cate Blanchett verblasst wie ein altes Schwarz-Weiß-Foto) verkörpert. Auch der als Action-Schönling zu Ruhm gelangte Michael Fassbaender schlägt sich in der Rolle des amourösen Widerparts einigermaßen wacker. In wichtigen Nebenrollen sehen wir Judi Dench und Jamie Bell, die geheime Siegerin ist aber die 13-jährige Amelia Clarksen, die die junge Jane Eyre als beinahe ebenbürtigen Widerhall von Mia Wasikowska gibt.

Fukunagas "Jane Eyre" ist freilich für mein Empfinden doch eine etwas zwiespältige Angelegenheit: ein Hauch von Telenovela weht nämlich schon ab und an (insbesondere gegen Ende des Streifens) durch die kargen englischen Küstenlandschaften, in denen er Wasikowska und Co herumlaufen und -leiden lässt. Eine sauber gemachte und durchwegs respektvolle Literaturverfilmung hat Cary Fukunaga hiermit aber zweifellos vorgelegt.

Meine Bewertung: 3 aus 5 Sternen.

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