Montag, 24. März 2014

Im Kino # 26: Wes Anderson - The Grand Budapest Hotel

USA/D 2014

Im Amsterdam des "goldenen" 17. Jahrhunderts haben sich Damen aus begütertem Hause einer besonderen Tätigkeit gewidmet: sie bauten Puppenhäuser. Diese Werke kann man heute etwa auch im Rijksmuseum bewundern, wo sie unweit der Gemälde eines Frans Hals oder Rembrandt aufgestellt sind. Diese Miniatur-Wohnstätten offenbaren eine unglaubliche Detailverliebtheit und hohen künstlerischen Anspruch. Wer sie links liegen lässt, weil er auf der Suche nach den nachgedunkelten Schinken von Rembrandt ist, dem entgeht etwas.

Es ist nicht überliefert, ob Wes Anderson in seiner Jugend auch mit Puppenhäusern gespielt oder gar welche entworfen hat. Aber, beim Betrachten des Filmplakates von The Grand Budapest Hotel mit der aus Modellbau-Plastik geformten Fassade der Titel gebenden Einrichtung darf man schon einmal zu solchen Assoziationen gelangen. Man stellt sich dann das fertige Filmwerk auch ein bisschen so vor wie ein in allen Details liebevoll assembliertes Gesamtkunstwerk, mit vielen Zimmern und Szenen, die auf den ersten Blick neben einander stehen und bei kompletter Betrachtung dann doch einen architektonischen und funktionellen Zusammenhang erkennen lassen.

Ein Blick auf den Besetzungszettel vorab bestärkt den Eindruck, dass man es hier womöglich mit einer in klar abgegrenzte Räume, also, filmisch gedacht, Episoden geteilte Erzählung zu tun haben wird, dass hier viele Handlungszentren geschaffen werden, die dann mehr oder weniger zu einem Strang verbunden werden. Die Literatur- und Filmgeschichte hat das einschlägige Genre in verschiedenen Facetten etabliert. Denn so viel Hochkarat in gerade hundert Minuten (hier noch einmal das Filmplakat zum Nachlesen), das muss doch so und nicht anders zu lösen sein?

Doch, Überraschung, dem ist nicht so. Der Narrativ ist durchwegs klassisch und gar nicht so verschachtelt gehalten. Sicher, es gibt drei Zeitebenen, was natürlich auch hilft, mehrere prominente Akteure gleich berechtigt in Szene zu setzen. Aber die hat man bald kapiert und kann sich dann ganz auf den leicht verständlichen Lauf der Dinge einlassen. Und der ist eine nach noch ruhiger Expositur immer mehr Fahrt aufnehmende, zunehmend turbulente Abenteuergeschichte, die alles enthält, was man sich darin zu wünschen mag: Umstrittene Erbschaften, die Entwendung eines wertvollen Kunstwerks, finstere Bösewichte (famos: Adrien Brody und William Dafoe), Fluchtversuche, junge Liebe sowie rasante Verfolgungsjagden.

"The Grand Budapest Hotel" hat demzufolge auch deutlich hervortretende Helden, die wir durch den ganzen Film begleiten. Ralph Fiennes spielt den einen, M. Gustave, den Concierge dieses Hotels in seiner letzten Glanzzeit, kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Es ist eine Erbschaft jenes Gustave, die die Kette von dramatische Ereignisse auslöst, die wir in "The Grand Budapest Hotel" bestaunen dürfen. Seine Page Zero ist der andere, ein Flüchtling aus dem Nahen Osten, den es in den osteuropäischen Staat namens Zubrowka verschlagen hat, in dem sich das Grand Hotel befindet. Er wird vom 18-jährigen Tony Revolori dargestellt.

Auch die Schauplätze wechseln in diesem kurzweiligen Spiel. Das Hotel spielt eine prominente Rolle, natürlich, aber Wes Anderson erfreut uns auch mit seiner Interpretation eines prächtigen Adelssitzes, eines Strafgefangenenlagers in einer alten Festung oder eines Klosters auf einer Bergspitze.

Seine Interpretation. Wie schon zuletzt im fabelhaften "Moonrise Kingdom" schafft Anderson die im eigene Parallelwelt, die der unseren ungemein ähnelt und doch eine Spielzeugwelt ist. Ein Land, in dem alles niedlicher, artifizieller und hübscher erscheint als in Wirklichkeit, obwohl doch die gravierenden menschlichen Dramen in ihr ablaufen. Und zwar keineswegs alltägliche, sondern gerade in "The Grand Budapest Hotel" ganz erschreckende, von heimtückischen Mordtaten bis hin zum Einmarsch der Faschisten.

Das Spannende an "The Grand Budapest Hotel " ist, wie der Regisseur diesen Brückenschlag bewältigt. Von der im Kern eher harmlose Kinderabenteuergeschichte in "Moonrise Kingdom" hat er den Schritt getan zum Abenteuerdrama im historischen Kontext. Und dabei aber die Stilistik, dieses spezifische Wes-Anderson-Genre beibehalten. Natürlich ist auch "The Grand Hotel Budapest" skurril, komisch, kindisch und voll des schrägen, schwarzen Humors. Aber es schwingen tiefe, ernste geschichtliche Töne mit, wie schon aus dem Bekenntnis von Wes Anderson im Film hervor geht, dass er von den Werken von Stefan Zweig inspiriert ist.

The "Grand Budapest Hotel" funktioniert damit auf verschiedensten Ebenen: als flottes, komisches Actiondrama, das ein wenig an Roger-Moore-Bond-Filme erinnert, wenn sie etwas geistreicher gewesen wären. Als schräges Stück Kunstkino, bei dem jede Einstellung, jede Inszenierung schneller vorüber zieht, als dass man sie in ihrer ganzen Raffinesse und ihrem Detailreichtum würdigen könnte. Als Darstellerkino natürlich. Aber auch als historische Reflexion.

Denn, so liebevoll Wes Anderson das "Grand Budapest Hotel" in Zubrowka auch in allen Einzelheiten zeichnet, in allen Feinheiten abbildet, wie der Erbauer eines Puppenhauses (er kann nicht anders), so ist es doch weniger das Gebäude, das im Mittelpunkt steht, sondern die Institution - als Sinnbild einer Geisteshaltung, einer vergangenen Ära, einer Welt von gestern. Oder zumindest eine Vorstellung davon, wie sie aus großer zeitlicher und kultureller Distanz herüber schimmert.

Meine Bewertung: 4 aus 5 Sternen





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