Samstag, 8. Juni 2013

Ohren(ge)fälliges: Monatsmeister des Monats Mai 2013

Kurt Vile - Waking On A Pretty Day
Philadelphia, Pennsylvania
Gewonnene Ränge: + 8

Unlängst habe ich ein Interview mit Bryan Ferry, dem Sänger von Roxy Music, gelesen. Er berichtete unter anderem von seiner Jugend und wie es damals war, sich Zugang zur Musik zu verschaffen. Wochenlang habe er sein Taschengeld zusammen gespart, um sich eine einzige Single von Little Richard oder Fats Domino leisten zu können. Die hat er dann rauf und runter gespielt, jeden Ton, jede Phrase studiert und sich im Detail eingeprägt.

Heutzutage sind wir mit einer immensen Fülle von Musik konfrontiert. Ein paar Klicks genügen und Billionen Songs stehen zu unserer Verfügung.Wir wechseln ständig zwischen Stücken, Künstlern, ganzen Genres. Wir ballern uns womöglich regelrecht damit zu, eine Flut an Partikeln unterschiedlichster Formen und Farben stürzt auf uns ein. Die Reizüberflutung, auch hier.

Nicht, dass diese Vielfalt nicht auch etwas Tolles, im positiven Sinne Atem beraubendes wäre. Ich möchte nicht ohne sie sein. Aber auch in meiner Kindheit begann das Entdecken von Musik noch mit einzelnen Platten oder Kassetten, die als beglückenden Geschenke dargereicht und über einen längeren Zeitraum exklusiv gehört wurden. Sie hatten die Aura des Einzigartigen, Besonderen, weil sie in einem Meer der Stille schwebten.

Ich glaube, ich mag "Waking On A Pretty Day" von Kurt Vile, weil er mich an dieses Gefühl erinnert. Auf der einen Seite ist der Song in seinem Kern natürlich musikalisch retro, verneigt sich tief vor dem Roots Rock - Olymp der Siebziger/frühen Achtziger, auf dem Tom Petty, Springsteen, Neil Young oder die Dire Straits (an deren ruhigere Momente mich dieser Song stark gemahnt) thronen. Vor allem ist da aber seine schiere Länge, die es unmöglich macht, "Waking On A Pretty Day"als konsumistische Massenware, als musikalisches Fast Food zu erleben.

Und die Atmosphäre, die damit kreiert wird. Satte neuneinhalb Minuten dauert der Beinahe-Titeltrack des Albums "Waking On A Pretty Daze", ein sich beständig abrollender und dabei gelinde anschwellender Groove mit abschließendem Gitarrensolo. Er nimmt einen auf, umfängt einen, trägt einen in einen angenehmen Zustand der Benommenheit. Nur, dass dieser Zustand der Benommenheit nicht der eigene ist, sondern der von Kurt Vile, der sich mit teilweise fast gemurmelt-genuschelten Worten des Morgens den Zweifeln seiner Existenz stellt. Und rundherum ist Stille.

Kurt Vile - Wakin On A Pretty Day (freier Download)


 

Kommentare:

finette hat gesagt…

Danke, soeben an einem herrlichen Sommermorgen auf der Terasse gehört. Passt perfekt!

Ein Winzer hat gesagt…

Das freut mich.