Dienstag, 22. November 2011

Ohren(ge)fälliges: Monatsmeister des Monats Oktober 2011

Talco - Tortuga
 Marghera, Venedig, Italien
Gewonnene Ränge: +8

Marghera, das ist der Industrie- und Handelshafen, der Venedig am italienischen Festland gegenüber liegt. Als Ende der 1910er Jahre offenkundig wurde, dass die Markusstadt ein solches Areal benötigt, wurde kurzerhand ein Teil von Mestre enteignet und einer Gesellschaft überantwortet, die den gewünschten Hafen aus dem Boden stampfte. Durch die Faschisten wurde das Gebiet vehement ausgebaut. Das hatte eine Reihe von Konsquenzen: einmal zog es Scharen von ArbeiterInnen in das neue Stadtgebiet. Dann bewirkte die hier angesiedelte chemische Industrie erhebliche Umweltzerstörungen in der Lagune von Venedig, die heute auch das historische Zentrum bedrohen. Auch geriet Marghera im Zweiten Weltkrieg in das Visier amerikanischer Luftangriffe. Marghera gilt somit als "hässliche Schwester", als unattraktiver Widerpart zum prächtigen Insel-Venedig. Wer hier wohnt, hat sozusagen die Schönheit direkt vor Augen, lebt aber selbst im industriellen Getto.

Es erscheint schon irgendwie passend, dass die wohl bekanntesten Söhne der Stadt in der Ska-Punk-Band Talco repräsentiert sind. Talco betrachten das Widerständige, das Einnehmen von Positionen gegen den gesellschaftlichen Status Quo als Teil ihres Selbstverständnisses, man könnte sagen, als Teil ihrer DNA. In ihren Stücke findet man immer wieder Bezüge zur italienischen Widerstandsbewegung gegen den Faschismus. Talco spulen die Credi der selbst-erklärten Antifaschisten musikalisch ab: der permanente Kampf gegen den Faschismus, gegen die Ausbeutung des arbeitenden Menschen, gegen Xenophobie, gegen die Zustände im Kapitalismus neoliberalen Zuschnitts, aber auch gegen die Mafia und - aus all dem natürlich folgerichtig - gegen Berlusconis Italien. Aber auch die politische Elite abseits des rechten Lagers bekommt ihr Fett weg: die Linke tritt in Talcos Texten als korrupt, geschichtsvergessen und behäbig auf. Und schließlich wird auch ein weiterer Lieblingsgegner von Linksaußen harsch angegangen: die Politik der Vereinigten Staaten von Amerika.

Bei all diesem Weltrevolutionieren sind freilich auch typisch linke Narreteien wie der Verklärung Che Guevaras oder das weltpolitisch schon recht einseitige Bashing der USA zu bemerken. Immerhin, Huldigungen von Hugo Chavez oder eine undifferenziertes Herumstochern im Nahost-Konflikt bleiben uns erspart(ERRATUM). Talco wahren eben doch einen gewissen Stil.

Auch musikalisch, natürlich. Hier wird schneller, tanzbarer Ska-Punk gegeben, vermengt mit Elementen der italienischen Volksmusik, osteuropäischen und südamerikanischen Stilrichtungen. Als Vorbilder fungierten etwa Mano Negra oder Gogol Bordello. Die Stücke auf dem Zweitwerk "Combat Circus" aus dem Jahr 2006, zu denen auch Tortuga gehört, sind besonders schnörkellos geraten und eignen sich gut als Einstieg ins Oeuvre. Gesungen wir, naturalmente, nicht auf Imperialistisch sondern auf Italienisch. Damit die Welt trotzdem versteht, gibt es auf www.talcoska.com englischsprachige Übersetzungen sämtlicher Talco-Werke.

Und, ein bisschen Revolte liegt derzeit ohnehin allerorts in der Luft. Ob man will oder nicht.


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