Dienstag, 10. September 2013

Ohren(ge)fälliges: Monatsmeister des Monats August 2013

Sants - Ollie Bob

Jundiaí, Brasilien
Gewonnene Ränge: + 5
s. Monatsmeister des Monats Juli 2013


The Faint - Evil Voices
Omaha, Nebraska
Gewonnene Ränge: + 5

Selten hat sich mir ein Song so stark eingebrannt als eine Manifestation eines Gefühls. Es war Anfang 2005 und der Song hieß "I Disappear" von The Faint. Ein machtvoll bratzender Bass, eine scharfkantige Rhythmik, wie aus dem Handgelenk eines Messerwerfers geschüttelt, ein taumelndes Stück Musik, das sich inhaltlich mit Besessenheit und Kontrollverlust beschäftigt. Unheimlich und mitreißend zugleich. Wie mein innerer Zustand zu jener Zeit.

Ich hatte angefangen, mich mit MP3-Player bewaffnet hinaus auf die Straßen zu begeben, weite Strecken gehend, permanent Musik im Ohr, um meine Emotionen ordnen, verstehen, kanalisieren zu können. Es war auch eine Flucht. So ließ ich schließlich meine damaligen Lebenssituation ganz hinter mir, weg vom Stillstand in meinem Studium, raus aus einer schmerzlich-verfahrenen privaten Situation, fort von einem ziellosen Dahintreibenlassen. Dies geschah durch einen Ortswechsel, der mich ins Bahnhofsviertel führte, in ein gespenstisch stilles Studentenheim, gegenüber eines alten Parks, in dem zu dieser Jahreszeit nur die Krähen hausten.

Dieser Moment ist mir unauslöschlich: Ich gehe kurz nach dem Umzug die Straße neben dem Bahnhof entlang, eisige Winde ziehen um mich herum, gehe vorbei am stählernen Gerippe eines Turmes, der erst im Entstehen ist, schräg gegenüber das nahe Obdachenlosenheim. Ich habe ein geradezu körperlich zehrendes Gefühl in der Magengrube, gespeist aus unterschiedlichen Emotionen wie Selbstmitleidigkeit, Verlorensein, aber auch aus Widerstandgeist, Trotz, leise Aufbruchsstimmung. Dazu: "I Disappear".

Schön war dieses Gefühl sicherlich nicht, aber es war stark und es war eine Weggabelung, ein Erwachen, ein Vorangehen, das mich dorthin geführt hat, wo ich heute bin. Heute habe ich dieses Gefühl in der Magengrube nicht mehr und wenn ich wieder einmal eine Nummer von The Faint höre, wie eben jetzt "Evil Voices", ist da nur noch die Intensität. Und die Erinnerung an meine damaligen Empfindungen.

Mit "I Disappear" begann es auch, dass ich Listen anfertigte von Songs, die mir etwas bedeuten. Es war die erste Nummer eins. Zumindest glaube ich das, obgleich es keine Aufzeichnungen davon mehr gibt. Und, wenn es nicht stimmen sollte, dann passt es trotzdem.


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